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Donnerstag, 19. November 2009
Empfindsame Reise / Leseeindrücke
bernd_buch, 17:14h
Dass mir das Buch sehr gefällt, hatte ich schon gesagt. Hier ein paar Gründe, warum:
Das Unvermittelte
Gleich zu Beginn wird man mitten ins Geschehen geschubst. Mit wem sich Yorick unterhält, wo, und worum es geht, erfahren wir nicht. Sterne schneidet mitten ins Gespräch - und schon wenige Zeilen danach hat Yorick gepackt, den Kanal überquert und ist in Calais. Beeindruckendes Tempo!
Dazu kommt, dass reale Zeit und erlebte Zeit extrem auseinanderklaffen. Auf der ersten halben Seite vergehen etwa zwei Tage. Darauf folgen 10 - 15 Seiten, in denen nur eine Stunde vergeht (der Mönch, die Dame, die Remise). Das Empfindsame wird dadurch spürbar - denn wichtig ist nur das Empfundene, alles andere verdampft.
Folgerichtig erscheint das Vorwort auch erst nach einigen Kapiteln - dann, als Yorick endlich durchschnaufen und die äußeren Eindrücke ausblenden kann.
Gleichzeitigkeit von Witz und Empfindsamkeit
Empfindsame Passagen (Mönch, der Mann mit dem Esel, Maria, der Vogel) und witzige (der Wirt, La Fleur, die Handschuhverkäuferin) wechseln sich ab - ohne dass sie einander aushebeln. Sie bleiben gleichermaßen gültig nebeneinander stehen. Yorick ist von der Klage über den toten Esel sehr gerührt, gleich darauf aber verärgert, dass der Kutscher kein seinen Gefühlen entsprechendes Tempo einschlägt.
Ähnlich verhält es sich mit Moral / Religion / Erotik - wobei hier das Pendel zugunsten letzterer ausschlägt - siehe das finale aus der Reihe der mit "Der Pass - Versailles" betiteleten Kapitel (meine Übersetzung):
"Jedoch - nichts auf dieser Welt ist ohne Beimischung, und einige unserer gestrengsten Geistlichen gehen gar so weit, zu behaupten, dass selbst der Genuss vom Seufzen begleitet wird - und dass der höchste der ihnen bekannten im Großen und Ganzen mit nichts weniger ende, als einem Krampf."
Das "nichts auf dieser Welt ist ohne Beimischung" könnte dem Buch als Motto dienen.
Material
________________
sentimental / empfindsam
In meiner Peguin-Ausgabe wird zum Begriff "sentimental" angemerkt, dass der Erfolg von Sternes Buch dazu führte, dass der Begriff "sentimental" (in der Bedeutung "empfindsam") ins Deutsche und Französische eingeführt wurde.
Allerdings ist es wohl noch etwas komplizierter. In der dt. Wikipedia steht:
"Der Musiker und Verleger Johann Joachim Christoph Bode übersetzte Sternes Roman als 'Yoriks empfindsame Reise' 1768 ins Deutsche, und der Roman wurde in Deutschland ebenso erfolgreich wie vorher in England. Das Wort 'empfindsam' war ein Neologismus, den Gotthold Ephraim Lessing Bode als Übersetzung für 'sentimental' vorgeschlagen hatte, und der in der Folge auf die ganze Epoche als Epoche der Empfindsamkeit übertragen wurde."
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Einige Ilustrationen
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Angelica_Kauffmann_002.jpg
http://tinyurl.com/yl8thez
http://tinyurl.com/yzletts
http://tinyurl.com/y9y3mbt
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Allerlei Links (englisch)
http://www1.gifu-u.ac.jp/~masaru/Sterne_on_the_Net.html
Das Unvermittelte
Gleich zu Beginn wird man mitten ins Geschehen geschubst. Mit wem sich Yorick unterhält, wo, und worum es geht, erfahren wir nicht. Sterne schneidet mitten ins Gespräch - und schon wenige Zeilen danach hat Yorick gepackt, den Kanal überquert und ist in Calais. Beeindruckendes Tempo!
Dazu kommt, dass reale Zeit und erlebte Zeit extrem auseinanderklaffen. Auf der ersten halben Seite vergehen etwa zwei Tage. Darauf folgen 10 - 15 Seiten, in denen nur eine Stunde vergeht (der Mönch, die Dame, die Remise). Das Empfindsame wird dadurch spürbar - denn wichtig ist nur das Empfundene, alles andere verdampft.
Folgerichtig erscheint das Vorwort auch erst nach einigen Kapiteln - dann, als Yorick endlich durchschnaufen und die äußeren Eindrücke ausblenden kann.
Gleichzeitigkeit von Witz und Empfindsamkeit
Empfindsame Passagen (Mönch, der Mann mit dem Esel, Maria, der Vogel) und witzige (der Wirt, La Fleur, die Handschuhverkäuferin) wechseln sich ab - ohne dass sie einander aushebeln. Sie bleiben gleichermaßen gültig nebeneinander stehen. Yorick ist von der Klage über den toten Esel sehr gerührt, gleich darauf aber verärgert, dass der Kutscher kein seinen Gefühlen entsprechendes Tempo einschlägt.
Ähnlich verhält es sich mit Moral / Religion / Erotik - wobei hier das Pendel zugunsten letzterer ausschlägt - siehe das finale aus der Reihe der mit "Der Pass - Versailles" betiteleten Kapitel (meine Übersetzung):
"Jedoch - nichts auf dieser Welt ist ohne Beimischung, und einige unserer gestrengsten Geistlichen gehen gar so weit, zu behaupten, dass selbst der Genuss vom Seufzen begleitet wird - und dass der höchste der ihnen bekannten im Großen und Ganzen mit nichts weniger ende, als einem Krampf."
Das "nichts auf dieser Welt ist ohne Beimischung" könnte dem Buch als Motto dienen.
Material
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sentimental / empfindsam
In meiner Peguin-Ausgabe wird zum Begriff "sentimental" angemerkt, dass der Erfolg von Sternes Buch dazu führte, dass der Begriff "sentimental" (in der Bedeutung "empfindsam") ins Deutsche und Französische eingeführt wurde.
Allerdings ist es wohl noch etwas komplizierter. In der dt. Wikipedia steht:
"Der Musiker und Verleger Johann Joachim Christoph Bode übersetzte Sternes Roman als 'Yoriks empfindsame Reise' 1768 ins Deutsche, und der Roman wurde in Deutschland ebenso erfolgreich wie vorher in England. Das Wort 'empfindsam' war ein Neologismus, den Gotthold Ephraim Lessing Bode als Übersetzung für 'sentimental' vorgeschlagen hatte, und der in der Folge auf die ganze Epoche als Epoche der Empfindsamkeit übertragen wurde."
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Einige Ilustrationen
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Angelica_Kauffmann_002.jpg
http://tinyurl.com/yl8thez
http://tinyurl.com/yzletts
http://tinyurl.com/y9y3mbt
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Allerlei Links (englisch)
http://www1.gifu-u.ac.jp/~masaru/Sterne_on_the_Net.html
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