Dienstag, 16. Februar 2010
Roman eines Schicksallosen - Die zweite Sitzung
In der zweiten Sitzung war das Echo wesentlich freundlicher als in der Sitzung zuvor. Kértesz genuine Darstellung wurde diesmal nicht mehr als so künstlich, bzw. störend empfunden. Als hilfreich erwies sich vor allem der Bezug zum Buch "Dossier K." aus dem Dorothea viel Interessantes zu referieren wußte.
Besonders die Frage nach dem Romantitel wurde hier beantwortet. Hierzu schreibt Kértesz im Dossier K.

„Ich habe den Roman eines Schicksallosen nie einen Holocaust-Roman genannt wie andere, weil das, was man Holocaust nennt, in einem Roman nicht faßbar ist. Ich habe über einen Zustand geschrieben, und obzwar der Roman das unsagbare Erlebnis der Todeslager als eine allgemein menschliche Erfahrung zu gestalten sucht, habe ich mich in erster Linie doch mit den ethischen Folgen des Erlebens und Überlebens befaßt. Deshalb wählte ich für den Titel den Begriff Schicksallosigkeit. Das Erlebnis der Todeslager wird nämlich dort zu einer allgemein menschlichen Erfahrung, wo ich auf die Universalität de Erlebnisses stoße. Und das ist die Schicksallosigkeit, dieser charakteristische Zug der Diktaturen, den Menschen seines eigenen Schicksals zu enteignen, es in ein Massenschicksal zu verwandeln, ihn zu verstaatlichen, zu entpersönlichen“ (Seite 78)

Schicksallos bedeutet also Massenschicksal und nicht wie man eher denken könnte ohne besonderes Schicksal. Ebenso wenig kann die kurz angedachte Möglichkeit, dass Kertész mit Schicksal an eine spezielle jüdische Konnotation dachte, d.h. Annehmen des eigenen Leids, als Erklärung für den Romantitel dienen.

Verwunderlich erschien uns nur, dass im Roman eine andere Lesart erscheint. In seiner Rede gegen Steiner und Fleischmann (Seite 283-284 der Taschenbuchausgabe) verwahrt sich György dagegen seine Deportation als Schicksal im Sinne von einziges großes Unglück zu sehen. Sowohl in dieser Rede als auch in seinem Gespräch zuvor mit dem Journalisten fokussiert er sich gegen allzu große Anteilnahme und behauptet seine individuelle Freiheit. So auf Seite 284:

„Aber auch so habe ich ihnen erklärt, daß man nie ein neues Leben beginnen, sondern immer nur das alte fortsetzen kann. Ich und kein anderer hat meine Schritte gemacht, und ich behaupte, mit Anstand.“

In seinen Reden setzt György zwar die die Sicht voraus, dass ein Mensch im Lager zu einem Schicksalslosen wird, indem seine Gegenüber zu einem Sprachrohr hierfür werden. Gleichzeitig möchte er aber diese Haltung überwinden, indem er das Recht der persönlichen Existenz auch Angesichts der Massendeportation behauptet. Der Widerspruch wirkt umso stärker, da ein Romantitel ja gerne wie ein letztes Wort wirkt, jetzt aber in Frage gestellt wirkt. Aber muss man Görygys Rede als Rede des Autors lesen? Oder ist es die Augenblickssicht eines 16-jährigen, der in ersten Möglichkeitserkundungen versucht eine Antwort auf das Geschehen zu finden? Mir erscheint hier das gesamte Schlusskapitel wesentlich differenzierter als nach meiner ersten Lektüre und es lohnt sich wohl dieses noch genauer zu beleuchten. Als Beispiel hierfür eine Stelle auf Seite 265:

„Sie [die Leute] wollten wissen, ob wir aus dem Konzentrationslager kämen, und fragten viele von uns, so auch mich, ob wir dort nicht vielleicht einem ihrer Angehörigen begegnet seien, einem mit diesem oder jenem Namen. Ich sagte ihnen, im Konzentrationslager hätten die Menschen im allgemeinen keinen Namen. Daraufhin bemühten sie sich, das Äußere, das Gesicht, die Haarfarbe, die besonderen Merkmale des Betreffenden zu beschreiben, und ich versuchte ihnen begreiflich zu machen, daß das keinen Zweck habe, weil sich die Menschen im Konzentrationslager zumeist sehr verändern.“

Dabei erscheint diese Stelle nicht nur als Beleg für die Schicksallosigkeit, hier exemplifiziert durch das Verschwinden des individuellen Gesichts, sie ist auch kennzeichnend für den veränderten Stil des Ich-Erzählers im letzten Kapitel. Dessen Sicht wirkt jetzt viel klarer, weniger kommentierend und vor allem erwachsener als zuvor. (Was jedoch keine Abwertung der vorhergehenden ist.) Auch die Begegnung mit dem Mann, welcher nach der Existenz der Gaskammern fragt, erwähnten wir. Kertész gelingt es meiner Ansicht nach an dieser Stelle durch einen bloßen Dialog auf ausgezeichnete Art einen Menschen und dadurch eine ganze Haltung zu charakterisieren.

Bemerkenswert erneut die Parallele zu der Atemschaukel. Auch hier kommt die Hauptfigur am Ende nach Hause und findet sich nicht zurecht. Doch während bei Herta Müller ein langer Zeitraum geschildert wird, geschieht dies bei Kertész an einem Tag. Die Hungerbeschreibungen, die wir bereits in der letzten Sitzung mit der Atemschaukel verglichen hatten, erschienen uns nun deutlich drastischer. Auch wenn György diese vielleicht etwas distanzierter erzählt, so ist doch die Wirkung sehr stark.

Ferner diskutierten wir folgende Stelle aus dem Dossier K.

„Ich weiß nicht, wann mir zum ersten Mal der Gedanke kam, daß irgendein schrecklicher Irrtum, eine teuflische Ironie in der Weltordnung am Werk sein muß, während du sie als geordnetes normales Leben erlebst, und dieser schreckliche Irrtum ist die Kultur selbst, das Ideengebäude, die Sprache und die Begriffe, die vor dir verbergen, daß du schon längst ein wie geschmiert funktionierender Bestandteil der zu deiner eigenen Vernichtung geschaffenen Maschinerie bist. Das Geheimnis des Überlebens ist die Kollaboration, doch dies einzugestehen, fällt als derartige Schande auf dich zurück, daß du es, statt sie auf dich zu nehmen, lieber läßt."

Merkwürdigerweise findet sich auch für diese Bemerkung keinen direkten Hinweis in dem Roman. Ein Ansatzpunkt wäre sich zu fragen, ob die besondere Sprachwahl eine Rolle spielt. Schafft Kertész hier eine neue Figur, um sich auch dadurch von dem eigenen Selbst abzugrenzen? Bedenkt man, dass er im Dossier K. davon sprach, dass er ausdrücklich keine Autobiographie sondern einen Roman geschrieben hat, so scheint dieser Hinweis richtig zu sein. Auch ist es wichtig, dass es ihm bei der Niederschrift darum ging, nicht einfach Erlebtes wiederzugeben, sondern jedes Element soll konstruktiv für den Roman sein, anstatt nur Anekdote zu sein. Es wird keine Erinnerung berichtet, sondern eine neue Welt erschaffen, die auch hätte anders verlaufen können.

Somit ist auch die an dem Abend aufgeworfene Frage beantwortet, ob man eigentlich überhaupt einen Roman mit dem Hintergrund des Lagers schreiben kann. Zumindest Kertész hat diese Frage positiv beantwortet. Und in dieselbe Richtung geht Hilbig in seinem Roman „Ich“, in dem er zwar nicht das Lager, aber die Stasiverstrickung als Folie benutzt um ein Werk zu schaffen, welches mehr in der Fiktion als in der Realität beheimatet ist.

Zum Abschluss soll nicht verschwiegen werden, dass wir für die fernere Zukunft eine Lesereise Schnee ins Auge gefasst haben, wenngleich die Umstände wohl dann nicht mehr so günstig sein werden wie momentan.

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