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Mittwoch, 22. September 2010
Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio
bernd_buch, 07:52h
= Dorf / Kleinstadt =
Sehr auffällig ist, wie vereinzelt die Figuren in Andersons Roman sind - und vereinzelt nicht nur im negativen Sinn. In einem auf einem Dorf, in einer Kleinstadt spielenden europäischen Buch aus derselben Zeit würde man einen engen Zusammenhalt, beziehungsweise langandauernde Feindschaften und Zerwürfnisse erwarten. Das ist plausibel, da dörfliche Gesellschaften in Europa Ende des 19. Jahrhunderts sich zwar im Umbruch befanden, weitgehend aber noch von der Tradition geprägt waren und aus Alteingesessenen bestanden.
Andersons Stilisierung hat einen durchaus realen Hintergrund in der ganz anderen Wirklichkeit der USA. Ohio wurde im Wesentlichen erst im 19. Jahrhundert besiedelt, der Ort Winesburg etwa um 1830 gegründet, 60 Jahre vor der Handlung des Romans. Das bedeutet - und in vielen der Episoden bekommt man das auch mit - dass alle dort Lebenden "Zugezogene" sind und sich - was wiederum typisch für die USA ist - die Wanderungsbewegungen fortsetzen, laufend Menschen zu- und abwandern. Am Ende auch der Protagonist. Diese Situation gab den Menschen mehr Freiheit, da traditionelle Gerüste fehlten, warf sie andererseits, mangels stabiler sozialer Netzwerke, aber auch auf sich selbst zurück.
Dass Anderson nur solche Vereinzelten schildert, ist ein Kunstgriff, durch dem es ihm aber gelingt, diesen Zustand des Übergangs und der Flüchtigkeit in einer modernen Form (d.h. nicht Western & Lederstrumpf) einzufangen.
= Stil =
Passend zur Vereinzelung der Figuren gibt es sehr wenig Dialog. Rede ist meist Monolog. Dafür sprechen aber die Körper. Nicht nur in der Erzählung "Hands", sondern in vielen anderen auch, sind besonders die Hände äußerst beredt - wodurch es Anderson sehr gut gelingt, darzustellen, dass seine Figuren oft auf das Körperliche, auf nicht formulierbare Impulse zurückgeworfen sind. Logisch ist insofern auch, dass George Willard, der Schriftsteller werden will, erst allmählich seinen Körper, dann die Sprache zu beherrschen lernen muss - Letzteres aber nur wirklich möglich ist, wenn er den Ort verlässt.
= Erzähler / Schriftstellerei =
Unklar ist die Rolle des Erzählers. Zum einen gibt es den alten Schriftsteller im ersten Kapitel, dessen Buch der grotesken Figuren aber nie veröffentlicht wird. Und dann gibt es George Willard, der Schriftsteller werden will - und dem die meisten der Geschichten erzählt werden. Allerdings gibt es immer wieder Elemente, die George Willard nicht wissen kann sowie Ausblicke in die Zukunft. Ich vermute, dass der Erzähler eine Mischung aus den beiden Schriftstellern ist, einer, der sich Kate Swift (Kapitel "The Teacher") zum Vorbild genommen hat und wie sie aus dem Gewussten dichterisch weitere Details erfindet und ihre Erkenntnis befolgt: "Du darfst kein bloßer Wortkrämer werden. Was du lernen musst, ist zu begreifen, worüber die Menschen nachdenken, nicht was sie sagen."
Sehr auffällig ist, wie vereinzelt die Figuren in Andersons Roman sind - und vereinzelt nicht nur im negativen Sinn. In einem auf einem Dorf, in einer Kleinstadt spielenden europäischen Buch aus derselben Zeit würde man einen engen Zusammenhalt, beziehungsweise langandauernde Feindschaften und Zerwürfnisse erwarten. Das ist plausibel, da dörfliche Gesellschaften in Europa Ende des 19. Jahrhunderts sich zwar im Umbruch befanden, weitgehend aber noch von der Tradition geprägt waren und aus Alteingesessenen bestanden.
Andersons Stilisierung hat einen durchaus realen Hintergrund in der ganz anderen Wirklichkeit der USA. Ohio wurde im Wesentlichen erst im 19. Jahrhundert besiedelt, der Ort Winesburg etwa um 1830 gegründet, 60 Jahre vor der Handlung des Romans. Das bedeutet - und in vielen der Episoden bekommt man das auch mit - dass alle dort Lebenden "Zugezogene" sind und sich - was wiederum typisch für die USA ist - die Wanderungsbewegungen fortsetzen, laufend Menschen zu- und abwandern. Am Ende auch der Protagonist. Diese Situation gab den Menschen mehr Freiheit, da traditionelle Gerüste fehlten, warf sie andererseits, mangels stabiler sozialer Netzwerke, aber auch auf sich selbst zurück.
Dass Anderson nur solche Vereinzelten schildert, ist ein Kunstgriff, durch dem es ihm aber gelingt, diesen Zustand des Übergangs und der Flüchtigkeit in einer modernen Form (d.h. nicht Western & Lederstrumpf) einzufangen.
= Stil =
Passend zur Vereinzelung der Figuren gibt es sehr wenig Dialog. Rede ist meist Monolog. Dafür sprechen aber die Körper. Nicht nur in der Erzählung "Hands", sondern in vielen anderen auch, sind besonders die Hände äußerst beredt - wodurch es Anderson sehr gut gelingt, darzustellen, dass seine Figuren oft auf das Körperliche, auf nicht formulierbare Impulse zurückgeworfen sind. Logisch ist insofern auch, dass George Willard, der Schriftsteller werden will, erst allmählich seinen Körper, dann die Sprache zu beherrschen lernen muss - Letzteres aber nur wirklich möglich ist, wenn er den Ort verlässt.
= Erzähler / Schriftstellerei =
Unklar ist die Rolle des Erzählers. Zum einen gibt es den alten Schriftsteller im ersten Kapitel, dessen Buch der grotesken Figuren aber nie veröffentlicht wird. Und dann gibt es George Willard, der Schriftsteller werden will - und dem die meisten der Geschichten erzählt werden. Allerdings gibt es immer wieder Elemente, die George Willard nicht wissen kann sowie Ausblicke in die Zukunft. Ich vermute, dass der Erzähler eine Mischung aus den beiden Schriftstellern ist, einer, der sich Kate Swift (Kapitel "The Teacher") zum Vorbild genommen hat und wie sie aus dem Gewussten dichterisch weitere Details erfindet und ihre Erkenntnis befolgt: "Du darfst kein bloßer Wortkrämer werden. Was du lernen musst, ist zu begreifen, worüber die Menschen nachdenken, nicht was sie sagen."
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