Samstag, 2. Oktober 2010
Alice Munro: Tricks
Es ist wirklich schade, wie Bernd schon sagte, dass wir unsere Diskussion nicht in echt führen können - zumal, wenn die Meinungen so weit auseinandergehen. Denn während Bernd nach der dritten Erzählung entnervt aufgegeben hat, habe ich mir Nachschub geholt.
Mir haben die Erzählungen sehr gut gefallen. Ich habe richtig ein bisschen das Gefühl, was gelernt zu haben, was aus dem Genre "Erzählung" rauszuholen ist. Sehr virtuos fand ich die Konstruktionen, die Vor- und Rückblenden, bei denen man teilweise ganz schön ausgeschlafen sein musste, um dabeizubleiben. Sehr schön fand ich unaufgelöste Plot- und Verhaltenspassagen, die jedem Protagonisten sein Geheimnis ließen (z.B. bei der ersten Geschichte: was Clark mit der Ziege angestellt hat und warum). Übrigens fand ich bei dieser Geschichte, dass Munro mit der (Doppel-) Symbolik der Ziege, wie sie in den Köpfen der Protagonisten herumspukt, spielt: Sylvias Wandlung in ihrem Verhältnis zu Clark durch das gemeinsame spacige Erlebnis / Carlas Hoffnung, Clark möge die Ziege aus "Sündenbock-Gründen" fortgejagt haben.
Die Frage des Erzählers - die uns schon bei Anderson sehr beschäftigt hatte - kann bei Munro erneut gestellt werden. Er ist oft sehr präsent, bei der letzten Geschichte und da vor allem am Schluss so aufdringlich, dass meine Euphorie sehr gedämpft wurde. Dabei versteckt er sich und seine Ansichten manchmal geschickt in Fragen, die auch vom jeweiligen Protagonisten im inneren Monolog gestellt sein könnten:

"Nancy hatte eine Aufwallung von Unbehagen - weil Ollie den Namen des jungen Mannes benutzt hatte und der junge Mann den von Ollie nicht? Und weil sie hoffte, Ollie würde nicht merken, dass sie es gemerkt hatte? Manche Menschen - manche Männer - legten großen Wert darauf, mit Leuten in Läden und Restaurants befreundet zu sein.
(S. 359, Kräfte")

Ich musste manchmal schmunzeln, manchmal nervte es mich auch, mit welcher Konsequenz und Ausdauer die männlichen Protagonisten wie Statisten behandelt werden, höchstens Auslöser für Entwicklungen bei den weiblichen Protagonisten sind - und das nicht nur für die (immer weiblichen) Hauptfiguren. Dabei geht es nicht um feministische Solidarisierung (zum Glück), eher um weibliche Sichtweisen, um die komplizierten Mutter-Tochter-, Schwestern- und Freundinnen-Beziehungen. Männer werden gern zum Trottel gemacht, sind schwach - blass gezeichnet sowieso - und nur positiv, wenn sie tot sind (Neil bei der 5. Geschichte, "Leidenschaft" / Danilo bei der 7. Geschichte, "Tricks")

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