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Dienstag, 28. Dezember 2010
Jahresüberblick 2010
marek_bergmann, 23:18h
Nach Punkten:
1. Ist das ein Mensch? (30 Punkte)
2. Julie oder die neue Héloise (17) UND Tricks UND Jakob von Gunten (17)
3. Roman eines Schicksallosen (15)
4. Wäldchestag (14)
5. Wachtmeister Studer UND Matto regiert (8)
6. Der Räuber (6)
7. Ohio, Winesburgh (5)
8. Die schwarze Spinne (4)
9. Das Ende des Vandalismus (1)
Nach Anzahl der Nennungen:
1. Ist das ein Mensch (7)
2. Jakob von Gunten (5) und Tricks (5) und Wälchestag (5)
3. Julie (4) und Matto regiert (4) und Roman eines Schicksallosen (4) und Wachtmeister Studer (4)
4. Die schwarze Spinne (3)
5. Ohio, Winesburgh (2) und Der Räuber (2)
6. End of Vandalism (1)
Nicht gelistet wurden:
Der Tee der drei alten Damen
Mein Zimmer
Übers Eis
Ein hinreissender Schrotthändler
1. Ist das ein Mensch? (30 Punkte)
2. Julie oder die neue Héloise (17) UND Tricks UND Jakob von Gunten (17)
3. Roman eines Schicksallosen (15)
4. Wäldchestag (14)
5. Wachtmeister Studer UND Matto regiert (8)
6. Der Räuber (6)
7. Ohio, Winesburgh (5)
8. Die schwarze Spinne (4)
9. Das Ende des Vandalismus (1)
Nach Anzahl der Nennungen:
1. Ist das ein Mensch (7)
2. Jakob von Gunten (5) und Tricks (5) und Wälchestag (5)
3. Julie (4) und Matto regiert (4) und Roman eines Schicksallosen (4) und Wachtmeister Studer (4)
4. Die schwarze Spinne (3)
5. Ohio, Winesburgh (2) und Der Räuber (2)
6. End of Vandalism (1)
Nicht gelistet wurden:
Der Tee der drei alten Damen
Mein Zimmer
Übers Eis
Ein hinreissender Schrotthändler
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Arnold Stadler - Ein hinreissender Schrotthändler
marek_bergmann, 23:05h
Protokoll zur Sitzung am 16.12.
Beim letzten Zirkel waren anwesend Adelheid, Almut, Frank Sommer, Sue und ich. Zunächst hörten wir eine CD, auf der Kurzeck selbst zu hören war. Er sprach über Veränderungen in Gießen, natürlich zum schlechteren hin. Konkretes Beispiel war eine Brücke, die seiner Ansicht nach sinnlos abgerissen wurde, obwohl sie nicht defekt war und durch einen Neubau ersetzt wurde, der bald kaputt ging und häßlicher als die alte Brücke war. Auffallend war, dass Kurzeck hier von einer Absicht eines nebulösen "sie" (gemeint wohl der Staat) sprach. Etwas, was historisch wirkt, da der Staat nicht mehr die Rolle als Gegner hat, wie er sie vielleicht früher hatte und die Bedrohung mehr von Außen (Islam) empfunden wird.
Wir sprachen noch kurz über Kurzeck, dessen Roman im Lichte Stadler etwas gewann. Einig waren wir uns, dass ihm gute poetische Beschreibungen gelingen, es aber schwierig ist über die gesamte Distanz am Ball zu bleiben. Gelobt wurde sein Ausflug mit Sibylle in einen anderen Stadtteil. Interessant war auch die Idee der Vergänglichkeit. Das Beschreiben der Vergangenheit kann schnell mit Wehmut einhergehen über das Unwiederbringliche. Allerdings sollte der Autor der billigen Versuchung widerstehen, wegen dieser Nichtwiederholbarkeit dazu übergehen, die Vergangenheit richtiger und besser zu sehen als die Gegenwart, nur weil man Teil der Vergangenheit war. Allerdings kann man Kurzeck diesen Vorwurf im Buch kaum machen. Andreas Maier vielleicht im Mein Zimmer aber sicherlich nicht in Wäldchestag
Arnold Stadler konnte bei keinem Anklang finden. Die Berufe der Protagonisten, Geschichtslehrer, Handchirugien, Schrotthänlder, werden mehr behauptet, als dass sie tatsächlich eine Rolle spielen. Der Handlungsort Köln bleibt bis auf den Aachener Weiher merkwürdig gesichtslos. Auch die Zeit wird nicht richtig spürbar. Zwar wird der Roman durch die Erwähnung der Wahl 1998 zunächst konkret verortet, doch wie in anderen Fällen wird auch dieses nicht weiter ausgebaut. So interessant das Augangssetting auch zu sein scheint, so wenig gelungen ist die Ausführung. Insgesamt wird der Plot verschenkt. An manchen Stellen schien es zunächst, als ob wir es mit einem unzuverlässigen Erzähler zu tun hätten, welches aber nachher nicht mehr so wirkt. Kontrovers wurde z.B. die Stelle diskutiert, als alle am FKK-Strand sind und Adrian und Gabi verschwinden. Ist etwas "passiert" und warum machten sie es so öffentlich? Einige Situationen werden vom Autor überspitzt dargestellt, so dass man manchmal das Gefühl hat eine Satire zu lesen, welche nicht lustig ist. Insgesamt paßt wenig zusammen, auch der Stil konnte nicht überzeugen, manche Stelle sind sogar grammatisch nicht in Ordnung. Frank äußerte die These, Stadler habe diesen Roman wohl ziemlich schnell runtergeschrieben. Ferner hat man manchmal dass Gefühlen einzelne Glossen zu lesen.
Für die, die weiter fortgeschritten waren, erschien der zweite Heimatteil etwas besser als der erste Teil. Stadler versucht hier nicht mehr lustig zu sein, auch die Figuren wirken lebendiger als zuvor. Nur mit dem Schluß konnten wir uns nicht anfreunden. Klar als Zusammenfassung konzipiert, behauptet Stadler hier explizit eine Metaebene des Romans, die so vorher gar nicht da war und selbst wenn sie dagwesen wäre, wäre es eleganter gewesen, die Deutung dem Leser zu überlassen. Auch mit der Sexualisierung hat Stadler dem Roman keinen Gefallen getan, manches, wie die FKK Beschreibung, wirkt verklemmt. Bleibt nur zu hoffen, dass unser nächstes Buch besser wird. Mindestens ein Mal wollten wir über das Buch aber noch sprechen.
Beim letzten Zirkel waren anwesend Adelheid, Almut, Frank Sommer, Sue und ich. Zunächst hörten wir eine CD, auf der Kurzeck selbst zu hören war. Er sprach über Veränderungen in Gießen, natürlich zum schlechteren hin. Konkretes Beispiel war eine Brücke, die seiner Ansicht nach sinnlos abgerissen wurde, obwohl sie nicht defekt war und durch einen Neubau ersetzt wurde, der bald kaputt ging und häßlicher als die alte Brücke war. Auffallend war, dass Kurzeck hier von einer Absicht eines nebulösen "sie" (gemeint wohl der Staat) sprach. Etwas, was historisch wirkt, da der Staat nicht mehr die Rolle als Gegner hat, wie er sie vielleicht früher hatte und die Bedrohung mehr von Außen (Islam) empfunden wird.
Wir sprachen noch kurz über Kurzeck, dessen Roman im Lichte Stadler etwas gewann. Einig waren wir uns, dass ihm gute poetische Beschreibungen gelingen, es aber schwierig ist über die gesamte Distanz am Ball zu bleiben. Gelobt wurde sein Ausflug mit Sibylle in einen anderen Stadtteil. Interessant war auch die Idee der Vergänglichkeit. Das Beschreiben der Vergangenheit kann schnell mit Wehmut einhergehen über das Unwiederbringliche. Allerdings sollte der Autor der billigen Versuchung widerstehen, wegen dieser Nichtwiederholbarkeit dazu übergehen, die Vergangenheit richtiger und besser zu sehen als die Gegenwart, nur weil man Teil der Vergangenheit war. Allerdings kann man Kurzeck diesen Vorwurf im Buch kaum machen. Andreas Maier vielleicht im Mein Zimmer aber sicherlich nicht in Wäldchestag
Arnold Stadler konnte bei keinem Anklang finden. Die Berufe der Protagonisten, Geschichtslehrer, Handchirugien, Schrotthänlder, werden mehr behauptet, als dass sie tatsächlich eine Rolle spielen. Der Handlungsort Köln bleibt bis auf den Aachener Weiher merkwürdig gesichtslos. Auch die Zeit wird nicht richtig spürbar. Zwar wird der Roman durch die Erwähnung der Wahl 1998 zunächst konkret verortet, doch wie in anderen Fällen wird auch dieses nicht weiter ausgebaut. So interessant das Augangssetting auch zu sein scheint, so wenig gelungen ist die Ausführung. Insgesamt wird der Plot verschenkt. An manchen Stellen schien es zunächst, als ob wir es mit einem unzuverlässigen Erzähler zu tun hätten, welches aber nachher nicht mehr so wirkt. Kontrovers wurde z.B. die Stelle diskutiert, als alle am FKK-Strand sind und Adrian und Gabi verschwinden. Ist etwas "passiert" und warum machten sie es so öffentlich? Einige Situationen werden vom Autor überspitzt dargestellt, so dass man manchmal das Gefühl hat eine Satire zu lesen, welche nicht lustig ist. Insgesamt paßt wenig zusammen, auch der Stil konnte nicht überzeugen, manche Stelle sind sogar grammatisch nicht in Ordnung. Frank äußerte die These, Stadler habe diesen Roman wohl ziemlich schnell runtergeschrieben. Ferner hat man manchmal dass Gefühlen einzelne Glossen zu lesen.
Für die, die weiter fortgeschritten waren, erschien der zweite Heimatteil etwas besser als der erste Teil. Stadler versucht hier nicht mehr lustig zu sein, auch die Figuren wirken lebendiger als zuvor. Nur mit dem Schluß konnten wir uns nicht anfreunden. Klar als Zusammenfassung konzipiert, behauptet Stadler hier explizit eine Metaebene des Romans, die so vorher gar nicht da war und selbst wenn sie dagwesen wäre, wäre es eleganter gewesen, die Deutung dem Leser zu überlassen. Auch mit der Sexualisierung hat Stadler dem Roman keinen Gefallen getan, manches, wie die FKK Beschreibung, wirkt verklemmt. Bleibt nur zu hoffen, dass unser nächstes Buch besser wird. Mindestens ein Mal wollten wir über das Buch aber noch sprechen.
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Peter Kurzeck - Übers Eis
marek_bergmann, 23:04h
Protokoll zur Sitzung am 2.12. von Almut:
Einig waren wir uns darin, dass es beim Leser eine Erinnerung an das Lebensgefühl der 80er Jahre weckt. Aktivitäten der linken autonomen Szene werden angedeutet. Die Figur des sich-so-durchschlagenden Künstlers, der sich überlegt, ob er eine Strecke laufen soll, um zwei Mark zu sparen - den kennen wir, den gibt es aber kaum mehr (behaupte ich jetzt mal).
Knut Hamsuns "Hunger" wurde zum Vergleich herangezogen. Warum folgt man Hamsuns Protagonisten lieber als Kurzecks (dessen Namen wir nicht einmal wissen, oder?), obwohl es in beiden Fällen eine eher hermetisch abgeschlossene Innensicht ist? Aber bei Hamsun gibt es eine artifizielle Komponente, die Situationen bis ins Groteske übersteigert und dadurch eine Distanz des Autors zur Person schafft. Bei Kurzeck verhält es sich eher so, dass man bei all den sich wiederholenden Litaneien das Gefühl bekommt, sie seien eine Verarbeitung von genau so Erlebtem und dienten in erster Linie therapeutischen Zwecken des Autors. Denn als Leser muss man schauen, wo man bleibt.
Auf meine Frage, ob sich die anderen beim Lesen auch manchmal die Frage stellen würden: "Was ist eigentlich dein Problem?" wurde mir allerdings sehr klar widersprochen. Den meisten Anwesenden "genügten" die aufgeführten Fakten (Trennung, Armut, Erfolglosigkeit, Boden unter den Füßen verlieren), um den lebensuntüchtigen Zustand des Erzählers zu erklären.
Die Frage, ob der Erzähler dabei larmoyant, selbstmitleidig und selbstgefällig ist, steht noch im Raum. Sehr gut fand ich in diesem Zusammenhang den Hinweis von Marek, dass man Selbstreferentielles von Autoren (also über ihr Leiden beim Schreiben usw.) eher nicht gerne liest.
Uneinig waren wir auch, was die - sehr konsequent durchgezogene - Weglassung der Verben betrifft. Manche empfanden dadurch einen Flow, andere fühlten sich ständig gestoppt. Warum hat der Autor das gemacht?
Es könnte eine Gehetztheit, eine Getriebenheit ausdrücken. Oder, und das schien uns wahrscheinlicher, den "inneren Monolog", Gedanken, die ja "in echt" auch nicht grammatikalisch korrekt gedacht werden. Ob das Hauptmotiv des Autors nicht einfach darin bestand, sich stilistisch aus dem Meer der zeitgenössischen Romanautoren herauszuheben und dem Feuilleton Futter zu geben - man weiß es nicht.
Einig waren wir uns darin, dass es beim Leser eine Erinnerung an das Lebensgefühl der 80er Jahre weckt. Aktivitäten der linken autonomen Szene werden angedeutet. Die Figur des sich-so-durchschlagenden Künstlers, der sich überlegt, ob er eine Strecke laufen soll, um zwei Mark zu sparen - den kennen wir, den gibt es aber kaum mehr (behaupte ich jetzt mal).
Knut Hamsuns "Hunger" wurde zum Vergleich herangezogen. Warum folgt man Hamsuns Protagonisten lieber als Kurzecks (dessen Namen wir nicht einmal wissen, oder?), obwohl es in beiden Fällen eine eher hermetisch abgeschlossene Innensicht ist? Aber bei Hamsun gibt es eine artifizielle Komponente, die Situationen bis ins Groteske übersteigert und dadurch eine Distanz des Autors zur Person schafft. Bei Kurzeck verhält es sich eher so, dass man bei all den sich wiederholenden Litaneien das Gefühl bekommt, sie seien eine Verarbeitung von genau so Erlebtem und dienten in erster Linie therapeutischen Zwecken des Autors. Denn als Leser muss man schauen, wo man bleibt.
Auf meine Frage, ob sich die anderen beim Lesen auch manchmal die Frage stellen würden: "Was ist eigentlich dein Problem?" wurde mir allerdings sehr klar widersprochen. Den meisten Anwesenden "genügten" die aufgeführten Fakten (Trennung, Armut, Erfolglosigkeit, Boden unter den Füßen verlieren), um den lebensuntüchtigen Zustand des Erzählers zu erklären.
Die Frage, ob der Erzähler dabei larmoyant, selbstmitleidig und selbstgefällig ist, steht noch im Raum. Sehr gut fand ich in diesem Zusammenhang den Hinweis von Marek, dass man Selbstreferentielles von Autoren (also über ihr Leiden beim Schreiben usw.) eher nicht gerne liest.
Uneinig waren wir auch, was die - sehr konsequent durchgezogene - Weglassung der Verben betrifft. Manche empfanden dadurch einen Flow, andere fühlten sich ständig gestoppt. Warum hat der Autor das gemacht?
Es könnte eine Gehetztheit, eine Getriebenheit ausdrücken. Oder, und das schien uns wahrscheinlicher, den "inneren Monolog", Gedanken, die ja "in echt" auch nicht grammatikalisch korrekt gedacht werden. Ob das Hauptmotiv des Autors nicht einfach darin bestand, sich stilistisch aus dem Meer der zeitgenössischen Romanautoren herauszuheben und dem Feuilleton Futter zu geben - man weiß es nicht.
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Andreas Maier - Mein Zimmer
marek_bergmann, 22:49h
Protokoll zur Lesung von Andreas Maier am 18.11. von Nicole:
zu siebt haben wir in der vergangenen Woche die Lesung mit Andreas Maier in der Autorenbuchhandlung besucht. Dabei waren Adelheid, Almut, Reglind, Sue, Frank, Marek und ich. Wir machten damit einen Großteil der Besucherinnen und Besucher aus, denn insgesamt hatten nur rund 30 Personen an diesem – zugegebenermaßen ungemütlichen, regnerischen Novemberabend – den Weg nach Charlottenburg gefunden.
Über die mäßige Resonanz herrschte in unserer Runde ein gewisses Erstaunen, hatte Maier doch erst an diesem Wochenende den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis erhalten und war auch sonst überaus präsent in den Medien – was der Geschäftsführer des suhrkamp-Verlages, Thomas Sparr, denn auch in seiner Einführung wiederholt betonte.
War die Anmoderation von Ladenbesitzer Marc Iven überaus knapp gehalten, erschien der Vortrag von suhrkamp-Geschäftsführer Sparr umso länglicher. Auch wenn er in der Einführung einige interessante Aspekte ansprach, hätte man sich doch gewünscht, dass er sich etwas mehr zurückgenommen hätte oder zumindest seine Interpretationen zu dem Buch für das sich an die Lesung anschließende Gespräch mit Maier genutzt hätte. So wirkte sein Vortrag über weite Strecken ermüdend und nahm der Lesung schon vor dem Beginn einen Teil ihrer Spannung.
Der Vortrag von Maier selbst, der sowohl aus „Das Zimmer“ als auch aus seinem Nachwort zu einem Raabe-Buch (leider habe ich den Titel im Netz nicht wiedergefunden) las, war m.E. von mittlerer Qualität; darüber gab es allerdings in der Runde unterschiedliche Urteile. Zwar hat sich Maier selten versprochen, gleichwohl wirkte er zuweilen fremd im eigenen Text, zögerte beim Weiterlesen und erst im zweiten Teil – beim Lesen des Nachwortes – war er, so schien es, ganz bei sich. Dieses Nachwort gab einige wichtige Hinweise zur Interpretation von „Das Zimmer“.
Maier schien sich übrigens durch Sparr auch nicht wirklich gut wiedergegeben zu fühlen – zumindest deuteten einige Bemerkungen darauf, die offensichtlich als Seitenhiebe auf suhrkamp und Sparr gemeint waren – etwa auf die Frage von Sparr nach Maiers zehnbändigen Buchprojekt rund um die Wetterau, das er (sinngemäß) damit begründete, dann nicht regelmäßig einmal im Jahr ein neues Buch auf den Markt werfen zu müssen.
Im Anschluss an die Lesung bestand die Möglichkeit, Fragen zu stellen – was aber leider keine/r der Zuhörerinnen und Zuhörern wahrgenommen hat, auch wir nicht. So kam es, dass Thomas Sparr wieder einsprang. Den Raum für ein echtes Gespräch mit Maier wusste er aber nicht zu nutzen, so dass sich das Frage-Antwort-Spiel müde dahinschleppte und die wirklich interessanten Fragen ungefragt blieben. Dabei - so schien es uns im Anschluss, als Adelheid Andreas Maier kurz in ein Gespräch verwickeln konnte - wäre dieser durchaus bereit gewesen, auch auf kritische Fragen zu seinem Werk einzugehen und auch die Frage nach dem Zusammenhang mit Privatem bzw. der Familiengeschichte zu beantworten. Schade.
Nach der Lesung sind wir noch in eine Kneipe gezogen und haben intensiv über die Lesung und „Das Zimmer“ diskutiert. Themen waren unter anderem der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel am Übergang von den 1960er zu den 1970er Jahren, die Frage, ob Maier seinem Onkel in dem Buch Respekt erweist oder gerade im Gegenteil ihn und seine Schwächen bloßstellt, die Bedeutung der Mutter von J. für die Bewältigung des Alltags und die Folgen des Verlustes und vieles andere mehr.
Protokoll zur Sitzung 11.11.
Bei den meisten kam das Buch gut an, wenn es auch als nicht ganz so souverän wie Wäldchestag eingeschätzt wurde. Nur Almut störte vor allem, dass viele Dinge mehrfach gesagt werden, so dass das Buch bisweilen redundat wirkt und die etwas altbackene Art der Formulierugen.
Wir sprachen länger über den Titel. Warum wählt Maier "Das Zimmer". Als Lösung wurde gedacht, dass er zum einen selbst einen Bezug dazu hat dadurch, dass er jetzt in ihm arbeitet. Dann war es der Ort mit dem eine seiner ersten Erinnerung verknüpft ist. Die des Zimmers, welches er nie betritt und in dem sein unheimlicher Onkel wohnt. Als eher unglücklich wurde die Bezeichnung Darkroom für das Zimmer angesehen. Maier schreibt auch von dem Zimmer als einem Darkroom in seinem Bewußtsein und meint damit wohl so etwas wie eine Leerstelle, bzw. eine unbekannte Größe. Eben soll damit wohl angegeben werden, dass er nicht wußte, was in diesem Zimmer vor sich geht, während man dies bei der herkömmlichen Bedeutung von Darkroom genau weiß.
Weiter fragten wir uns, ob es hier richtig ist, von einem Roman zu sprechen. Da es sich doch mehr um eine Autobiographie handelt. Insgesamt bleiben einige Fragen offen, so die kurz angedeutete Beziehung des Onkels zu einer Frau. Über Andreas Maiers Mutter würde man auch mehr erfahren (sie wurde unterschiedlich gewertet, teils, dass noch offen ist, wie ihr Charakter ist, teils als durchgängig positiv). Auch weiß man nicht genau, wo der Onkel im Rheinland untergebracht wirkt, welches wie fernstes Ausland wirkt. Andreas Maier selbst hat angekündigt, dass dieses Buch nur der Auftakt zu einer 11-teiligen Reihe ist, von den anderen Büchern stehen wohl schon einige Titel fest, wie "Das Haus", "Die Straße". Man kann also davon ausgehen, dass in den anderen Büchern diese offenen Fragen beantwortet werden.
Ebenso wie in dem Buch Wäldchestag konfrontiert Maier den Leser gleich auf der ersten Seite mit einem seltenen Wort. Dort subreptiv, hier Silagegeruch. Muss dieser notwendig unangenehm sein oder meint er nicht eher Güllegeruch?
Die damalige Zeit wurde für uns gut eingefangen ohne dass es zum bloßen Aufzählen von Ereignissen der damaligen Zeit kommt. Wenn doch (Fernsehsendungen, die J. schaut, Musik, die er hört), war dies immer von der Handlung her motiviert und bedeutet mehr als ein bloßes name dropping. Inwieweit er die Zeit der 70er verklärt bzw. positiver als die Jetztzeit sieht, wurde unterschiedlich beurteilt. Klar ist, dass sie noch unschuldiger erscheint, weniger große Bauten, weniger Verkehr, wobei der Moment, als der erste Stau entsteht als Wendepunkt funktioniert, ebenso das Auftauchen einer Umgehungsstraße.
Auffallend ist auch die stärkere Integration eines Behinderten in der "normalen" Gesellschaft, wie es einerseits durch die größere Anzahl von einfacheren Jobs möglich war (Arbeitslosenquote zu Beginn der 70er bei einem Prozent, am Ende bei vier Prozent und Hessen steht wirtschaftlich vergleichsweise gut da). Zum anderen gab es Einrichtungen wie Behindertenwerkstätten und Wohnheime noch nicht, bzw. waren sie nicht so stark verbreitet.
zu siebt haben wir in der vergangenen Woche die Lesung mit Andreas Maier in der Autorenbuchhandlung besucht. Dabei waren Adelheid, Almut, Reglind, Sue, Frank, Marek und ich. Wir machten damit einen Großteil der Besucherinnen und Besucher aus, denn insgesamt hatten nur rund 30 Personen an diesem – zugegebenermaßen ungemütlichen, regnerischen Novemberabend – den Weg nach Charlottenburg gefunden.
Über die mäßige Resonanz herrschte in unserer Runde ein gewisses Erstaunen, hatte Maier doch erst an diesem Wochenende den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis erhalten und war auch sonst überaus präsent in den Medien – was der Geschäftsführer des suhrkamp-Verlages, Thomas Sparr, denn auch in seiner Einführung wiederholt betonte.
War die Anmoderation von Ladenbesitzer Marc Iven überaus knapp gehalten, erschien der Vortrag von suhrkamp-Geschäftsführer Sparr umso länglicher. Auch wenn er in der Einführung einige interessante Aspekte ansprach, hätte man sich doch gewünscht, dass er sich etwas mehr zurückgenommen hätte oder zumindest seine Interpretationen zu dem Buch für das sich an die Lesung anschließende Gespräch mit Maier genutzt hätte. So wirkte sein Vortrag über weite Strecken ermüdend und nahm der Lesung schon vor dem Beginn einen Teil ihrer Spannung.
Der Vortrag von Maier selbst, der sowohl aus „Das Zimmer“ als auch aus seinem Nachwort zu einem Raabe-Buch (leider habe ich den Titel im Netz nicht wiedergefunden) las, war m.E. von mittlerer Qualität; darüber gab es allerdings in der Runde unterschiedliche Urteile. Zwar hat sich Maier selten versprochen, gleichwohl wirkte er zuweilen fremd im eigenen Text, zögerte beim Weiterlesen und erst im zweiten Teil – beim Lesen des Nachwortes – war er, so schien es, ganz bei sich. Dieses Nachwort gab einige wichtige Hinweise zur Interpretation von „Das Zimmer“.
Maier schien sich übrigens durch Sparr auch nicht wirklich gut wiedergegeben zu fühlen – zumindest deuteten einige Bemerkungen darauf, die offensichtlich als Seitenhiebe auf suhrkamp und Sparr gemeint waren – etwa auf die Frage von Sparr nach Maiers zehnbändigen Buchprojekt rund um die Wetterau, das er (sinngemäß) damit begründete, dann nicht regelmäßig einmal im Jahr ein neues Buch auf den Markt werfen zu müssen.
Im Anschluss an die Lesung bestand die Möglichkeit, Fragen zu stellen – was aber leider keine/r der Zuhörerinnen und Zuhörern wahrgenommen hat, auch wir nicht. So kam es, dass Thomas Sparr wieder einsprang. Den Raum für ein echtes Gespräch mit Maier wusste er aber nicht zu nutzen, so dass sich das Frage-Antwort-Spiel müde dahinschleppte und die wirklich interessanten Fragen ungefragt blieben. Dabei - so schien es uns im Anschluss, als Adelheid Andreas Maier kurz in ein Gespräch verwickeln konnte - wäre dieser durchaus bereit gewesen, auch auf kritische Fragen zu seinem Werk einzugehen und auch die Frage nach dem Zusammenhang mit Privatem bzw. der Familiengeschichte zu beantworten. Schade.
Nach der Lesung sind wir noch in eine Kneipe gezogen und haben intensiv über die Lesung und „Das Zimmer“ diskutiert. Themen waren unter anderem der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel am Übergang von den 1960er zu den 1970er Jahren, die Frage, ob Maier seinem Onkel in dem Buch Respekt erweist oder gerade im Gegenteil ihn und seine Schwächen bloßstellt, die Bedeutung der Mutter von J. für die Bewältigung des Alltags und die Folgen des Verlustes und vieles andere mehr.
Protokoll zur Sitzung 11.11.
Bei den meisten kam das Buch gut an, wenn es auch als nicht ganz so souverän wie Wäldchestag eingeschätzt wurde. Nur Almut störte vor allem, dass viele Dinge mehrfach gesagt werden, so dass das Buch bisweilen redundat wirkt und die etwas altbackene Art der Formulierugen.
Wir sprachen länger über den Titel. Warum wählt Maier "Das Zimmer". Als Lösung wurde gedacht, dass er zum einen selbst einen Bezug dazu hat dadurch, dass er jetzt in ihm arbeitet. Dann war es der Ort mit dem eine seiner ersten Erinnerung verknüpft ist. Die des Zimmers, welches er nie betritt und in dem sein unheimlicher Onkel wohnt. Als eher unglücklich wurde die Bezeichnung Darkroom für das Zimmer angesehen. Maier schreibt auch von dem Zimmer als einem Darkroom in seinem Bewußtsein und meint damit wohl so etwas wie eine Leerstelle, bzw. eine unbekannte Größe. Eben soll damit wohl angegeben werden, dass er nicht wußte, was in diesem Zimmer vor sich geht, während man dies bei der herkömmlichen Bedeutung von Darkroom genau weiß.
Weiter fragten wir uns, ob es hier richtig ist, von einem Roman zu sprechen. Da es sich doch mehr um eine Autobiographie handelt. Insgesamt bleiben einige Fragen offen, so die kurz angedeutete Beziehung des Onkels zu einer Frau. Über Andreas Maiers Mutter würde man auch mehr erfahren (sie wurde unterschiedlich gewertet, teils, dass noch offen ist, wie ihr Charakter ist, teils als durchgängig positiv). Auch weiß man nicht genau, wo der Onkel im Rheinland untergebracht wirkt, welches wie fernstes Ausland wirkt. Andreas Maier selbst hat angekündigt, dass dieses Buch nur der Auftakt zu einer 11-teiligen Reihe ist, von den anderen Büchern stehen wohl schon einige Titel fest, wie "Das Haus", "Die Straße". Man kann also davon ausgehen, dass in den anderen Büchern diese offenen Fragen beantwortet werden.
Ebenso wie in dem Buch Wäldchestag konfrontiert Maier den Leser gleich auf der ersten Seite mit einem seltenen Wort. Dort subreptiv, hier Silagegeruch. Muss dieser notwendig unangenehm sein oder meint er nicht eher Güllegeruch?
Die damalige Zeit wurde für uns gut eingefangen ohne dass es zum bloßen Aufzählen von Ereignissen der damaligen Zeit kommt. Wenn doch (Fernsehsendungen, die J. schaut, Musik, die er hört), war dies immer von der Handlung her motiviert und bedeutet mehr als ein bloßes name dropping. Inwieweit er die Zeit der 70er verklärt bzw. positiver als die Jetztzeit sieht, wurde unterschiedlich beurteilt. Klar ist, dass sie noch unschuldiger erscheint, weniger große Bauten, weniger Verkehr, wobei der Moment, als der erste Stau entsteht als Wendepunkt funktioniert, ebenso das Auftauchen einer Umgehungsstraße.
Auffallend ist auch die stärkere Integration eines Behinderten in der "normalen" Gesellschaft, wie es einerseits durch die größere Anzahl von einfacheren Jobs möglich war (Arbeitslosenquote zu Beginn der 70er bei einem Prozent, am Ende bei vier Prozent und Hessen steht wirtschaftlich vergleichsweise gut da). Zum anderen gab es Einrichtungen wie Behindertenwerkstätten und Wohnheime noch nicht, bzw. waren sie nicht so stark verbreitet.
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Andreas Maier - Wäldchestag
marek_bergmann, 22:25h
Protokoll zur Sitzung 28.10. von Frank_Mitte
Allgemein gelobt wurde der Einstieg, der den Leser sofort in die Handlung hineinzieht. Dabei sorgt die vergrabene Waffe für Spannung. Der gesamte Handlungsverlauf ist interessant, obwohl nicht viel passiert – bzw. nicht ganz klar ist, was wirklich geschieht. Ein weiteres Spannungsmoment ist die ausstehende Testamentseröffnung.
Das Buch ist leicht lesbar, was etwas überrascht, da es ganz überwiegend im Konjunktiv sowie in indirekter Rede verfasst ist, bei circa 300 Seiten lediglich in drei Kapitel gegliedert ist und ansonsten nur einen Absatz (gleich auf der ersten Seite) aufweist.
Einen eindeutigen Erzähler gibt es nicht, auch wenn das erste und dritte Kapitel stark aus Schossaus und das zweite aus Anton Wiesners Sicht geschrieben sind. Letztendlich ist die Erzählweise jedoch auktorial.
Ein zentrales Thema von Maier ist, wie „Wahrheit“ entsteht oder wie die öffentliche Meinung durch Gerede beeinflusst wird, wobei jeder das daherredet, was er (angeblich) gehört und schon immer für richtig befunden hat. Dadurch entsteht, unterstützt durch den Sprachstil, oftmals Komik. Etwa wenn berichtet wird, dass die Einheimischen ganz sicher waren, dass der verstorbene Einzelgänger Adomeit wahlweise Kommunist, Faschist oder Anarchist war. Witzig ist auch die Geschichte mit der Badewanne auf Seite 36/37 oder der sokratische Dialog mit dem Bürgermeister (ab Seite 50 unten), bei denen Adomeit jeweils noch selbst auftritt. Letzterer war offensichtlich ein unangepasster Grantler, der seine Mitbürger auf geistreiche Weise lächerlich und sich damit nur wenige Freunde gemacht hat. Die Sympathien des Autors hat er jedoch. Wie sich aus der Frankfurter Poetikvorlesung von Andreas Maier ergibt, ist diesem wie Adomeit etwa die Ökologie tatsächlich ein wichtiges Anliegen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Maier_(Autor)#Ich_.282006.29
Die handelnden Personen werden sehr schön nach und nach eingeführt. Sehr gelungen ist, wie eine je nach Sichtweise einmal als „Südhesse“, einmal als „Benno“ und schließlich als „Benno Götz“ auftaucht.
Die Figuren lassen sich trotz fehlender ausdrücklicher Wertungen des Autors recht eindeutig in sympathische und unsympathische aufteilen. Gut kommen neben Adomeit dessen Putzfrau Frau Strobel, seine Adepten Schossau und Schuster, die junge Katja Mohr, Benno und der Notar Weihnöter weg. Anton Wiesner wird vom Zirkel zwiespältig beurteilt (der Protokollant hält ihn für einen peinlichen Angeber). Negative Personen sind neben den Spießbürgern aus dem Ort wie Munk, Rudolf oder Frau Rohr auch die Schwester von Adomeit, Jeanette Adomeit sowie Herr und Frau Mohr, hinter deren ehrenwerter und „politisch korrekter“ Fassade die blanke Gier auftaucht, was bereits durch die Anreise zur Beerdigung und Testamentseröffnung mit einem Lastwagen deutlich wird. Tante Lenchen ist eine schräge und witzige Figur, die zwar ständig über den Reichsarbeitsdienst („die schönste Zeit ihres Lebens“) sprechen und ihren Parteiausweis zeigen will, aber die Heuchelei der Mohrs und vor allem von Jeanette Adomeit entlarvt.
Philosophische Exkurse gibt es außer bei dem erwähnten Gespräch zwischen Adomeit und dem Bürgermeister auch im ersten Absatz, in dem das extrem seltene Wort „subreptiv“ (erschleichend) auftaucht.
Auf Seite 83 findet sich eine ausdrückliche Passage zum Thema unserer Reihe, der Heimat:
„Der Südhesse habe geäußert, er komme von der Bergstraße, dort sei er geboren, er habe aber niemals eine Veranlassung gehabt, irgendwohin zu gehen. Das habe Wiesner verwundert. Man müsse doch die Welt kennenlernen! Der Südhesse: Er sei oft in Rumänien gewesen, er sei auch hin und wieder in Jerusalem gewesen. Aber das waren immer irgendwelche Besuche, er habe dort Verwandtschaft. Die Bergstraße sei ihm schon fremd genug, nichts sei ihm fremder als sie. Die Heimat sei immer das Fremdeste. Wer die Welt kennenlernen will, sollte lieber daheim bleiben. Zuhause, das ist immer die ganze Welt. Niemand müsse verreisen, um die Welt kennenzulernen. Er glaube sogar, auf Reisen könne man die Welt gar nicht kennenlernen.“
Dies könnte durchaus auch die persönliche Ansicht des - zumindest in seinen frühen Jahren - überzeugten Provinzautors Andreas Maier sein, der als gebürtiger Bad Nauheimer lange in der Wetterau, später in Brixen/Südtirol und dann als Stadtschreiber in Potsdam gelebt hat.
Etwas unklar ist, in welcher Zeit die Handlung angesiedelt ist. Während Techno-Musik und „political correctness“ auf die späten 90er hindeuten, passt die politisch links sozialisierte Jugend und die von Wiesner und Bucerius geplante Reise auf der alten Seidenstraße nach China eher in die 70er (ab 1980 haben die Kriege und die herrschenden Regimes in Afghanistan, Iran und Iraq eine solche Fahrt praktisch unmöglich gemacht).
Beim titelgebenden „Wäldchestag“ handelt es sich um ein im Frankfurter Raum am Pfingstdienstag stattfindendes Volksfest, das auch die Funktion eines Heiratsmarktes hatte. Ursprünglich fand es im Frankfurter Stadtwald statt.
Andreas Maier erinnert zum einen wegen der Verwendung von indirekter Rede und der Darstellung eines eingefleischten Grantlers, der sich in die Provinz zurückgezogen hat, an Thomas Bernhard, über den Maier promoviert hat. Zum anderen liegt wegen des hessischen Lokalkolorits und der Wiedergabe von alkoholisierten Gesprächen über oftmals banale Themen ein Vergleich mit Eckhard Henscheids „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ sowie „Maria Schnee“ nahe. Der Autor hat jedoch einen eigenen Stil, der ihn über den Stand eines bloßen Epigonen hinaushebt. Für den Protokollanten ist „Wäldchestag“ der überzeugendste deutschsprachige Roman der letzten zehn Jahre überhaupt.
Protokoll zur Sitzung 21.10. von Adelheid
Mir wurde aufgetragen zu berichten, dass sich gestern in der Bergstraße das literarische Damenquartett Almut, Reglind, Sue und Adelheid getroffen habe. Die Damen hätten sich in der Hauptsache über Andreas Maiers Werk "Wäldchestag" ausgetauscht, das sie allerdings zu diesem Zeitpunkt fast alle nur teilweise gelesen hätten, so dass man sich über den Plot nur ansatzweise habe austauschen können und wollen. Übereinstimmend hätten die Damen dabei betont, dass das Buch der Lektüre keine großen Widerstände entgegen stelle, die Leserin im Gegenteil schnell hineinziehe. Nach einem etwas philosophischen Einstieg, dessen Vokabular ("subreptiv") nicht dem klassischen Heimatroman entstamme, entwickle sich schnell Interesse (die Gedanken über Nadel- und Laubwald im Sommer) und auch Spannung (die Waffe). Sprache und Weltsicht erinnerten dabei deutlich an Thomas Bernhard, über die Verwendung des Konjunktivs, die einen unbestreitbaren Reiz beinhalte, sei noch gesondert zu sprechen. Gastgeberin Almut habe die Frage in den Raum geworfen, in welchem Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts die Geschichte eigentlich spiele, sie entdecke hier Parallelen zur eigenen (badischen) Heimat in den 70er und 80er Jahren, dort allerdings habe sich inzwischen vieles gewandelt, so dass der Roman wohl nicht heute (bzw. vor zehn Jahren, zur Zeit des Erscheinens) spielen könne. Maier spreche von einer Welt, in der junge Menschen schon nach Techno-Musik tanzen, sei darauf eingewandt worden. Man sei übereingekommen, sich mit dieser Frage später eingehender zu beschäftigen, habe sich nun aber auch dem Ort des Geschehens gewidmet. Zirkelmitglied Reglind habe als geborene Wetterauerin bedauert, dass nicht mehr Lokalkolorit eingefangen sei, insbesondere in sprachlicher Hinsicht. Diese Heimat könne wohl überall in (Süd-?)Deutschland liegen, so sei dann befunden worden. Doch wer berichte über sie? Sei wirklich Schossau der Erzähler, oder bewege sich der Roman nicht streckenweise viel dichter an dem jungen Anton Wiesner und zeige dessen Kämpfe mit seinem südhessischen Antipoden gewissermaßen im inneren Monolog? Welche Weltsicht, so sei nun weiter gefragt worden, treibe den Autor um? Teile er mit seinem verstorbenen Helden Adomeit die Ablehnung von Konsum und technischer Modernisierung - worauf schon die humorvolle Darstellung des regelmäßigen Badewannenwechsels in Niederflorstadt hindeute - und hoffe auf die Jugend (Katja, der Südhesse, Wiesner, Schossau und Schuster), die sich angeekelt vom Wohlstandsbürgertum ihrer Eltern abwende?
Allgemein gelobt wurde der Einstieg, der den Leser sofort in die Handlung hineinzieht. Dabei sorgt die vergrabene Waffe für Spannung. Der gesamte Handlungsverlauf ist interessant, obwohl nicht viel passiert – bzw. nicht ganz klar ist, was wirklich geschieht. Ein weiteres Spannungsmoment ist die ausstehende Testamentseröffnung.
Das Buch ist leicht lesbar, was etwas überrascht, da es ganz überwiegend im Konjunktiv sowie in indirekter Rede verfasst ist, bei circa 300 Seiten lediglich in drei Kapitel gegliedert ist und ansonsten nur einen Absatz (gleich auf der ersten Seite) aufweist.
Einen eindeutigen Erzähler gibt es nicht, auch wenn das erste und dritte Kapitel stark aus Schossaus und das zweite aus Anton Wiesners Sicht geschrieben sind. Letztendlich ist die Erzählweise jedoch auktorial.
Ein zentrales Thema von Maier ist, wie „Wahrheit“ entsteht oder wie die öffentliche Meinung durch Gerede beeinflusst wird, wobei jeder das daherredet, was er (angeblich) gehört und schon immer für richtig befunden hat. Dadurch entsteht, unterstützt durch den Sprachstil, oftmals Komik. Etwa wenn berichtet wird, dass die Einheimischen ganz sicher waren, dass der verstorbene Einzelgänger Adomeit wahlweise Kommunist, Faschist oder Anarchist war. Witzig ist auch die Geschichte mit der Badewanne auf Seite 36/37 oder der sokratische Dialog mit dem Bürgermeister (ab Seite 50 unten), bei denen Adomeit jeweils noch selbst auftritt. Letzterer war offensichtlich ein unangepasster Grantler, der seine Mitbürger auf geistreiche Weise lächerlich und sich damit nur wenige Freunde gemacht hat. Die Sympathien des Autors hat er jedoch. Wie sich aus der Frankfurter Poetikvorlesung von Andreas Maier ergibt, ist diesem wie Adomeit etwa die Ökologie tatsächlich ein wichtiges Anliegen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Maier_(Autor)#Ich_.282006.29
Die handelnden Personen werden sehr schön nach und nach eingeführt. Sehr gelungen ist, wie eine je nach Sichtweise einmal als „Südhesse“, einmal als „Benno“ und schließlich als „Benno Götz“ auftaucht.
Die Figuren lassen sich trotz fehlender ausdrücklicher Wertungen des Autors recht eindeutig in sympathische und unsympathische aufteilen. Gut kommen neben Adomeit dessen Putzfrau Frau Strobel, seine Adepten Schossau und Schuster, die junge Katja Mohr, Benno und der Notar Weihnöter weg. Anton Wiesner wird vom Zirkel zwiespältig beurteilt (der Protokollant hält ihn für einen peinlichen Angeber). Negative Personen sind neben den Spießbürgern aus dem Ort wie Munk, Rudolf oder Frau Rohr auch die Schwester von Adomeit, Jeanette Adomeit sowie Herr und Frau Mohr, hinter deren ehrenwerter und „politisch korrekter“ Fassade die blanke Gier auftaucht, was bereits durch die Anreise zur Beerdigung und Testamentseröffnung mit einem Lastwagen deutlich wird. Tante Lenchen ist eine schräge und witzige Figur, die zwar ständig über den Reichsarbeitsdienst („die schönste Zeit ihres Lebens“) sprechen und ihren Parteiausweis zeigen will, aber die Heuchelei der Mohrs und vor allem von Jeanette Adomeit entlarvt.
Philosophische Exkurse gibt es außer bei dem erwähnten Gespräch zwischen Adomeit und dem Bürgermeister auch im ersten Absatz, in dem das extrem seltene Wort „subreptiv“ (erschleichend) auftaucht.
Auf Seite 83 findet sich eine ausdrückliche Passage zum Thema unserer Reihe, der Heimat:
„Der Südhesse habe geäußert, er komme von der Bergstraße, dort sei er geboren, er habe aber niemals eine Veranlassung gehabt, irgendwohin zu gehen. Das habe Wiesner verwundert. Man müsse doch die Welt kennenlernen! Der Südhesse: Er sei oft in Rumänien gewesen, er sei auch hin und wieder in Jerusalem gewesen. Aber das waren immer irgendwelche Besuche, er habe dort Verwandtschaft. Die Bergstraße sei ihm schon fremd genug, nichts sei ihm fremder als sie. Die Heimat sei immer das Fremdeste. Wer die Welt kennenlernen will, sollte lieber daheim bleiben. Zuhause, das ist immer die ganze Welt. Niemand müsse verreisen, um die Welt kennenzulernen. Er glaube sogar, auf Reisen könne man die Welt gar nicht kennenlernen.“
Dies könnte durchaus auch die persönliche Ansicht des - zumindest in seinen frühen Jahren - überzeugten Provinzautors Andreas Maier sein, der als gebürtiger Bad Nauheimer lange in der Wetterau, später in Brixen/Südtirol und dann als Stadtschreiber in Potsdam gelebt hat.
Etwas unklar ist, in welcher Zeit die Handlung angesiedelt ist. Während Techno-Musik und „political correctness“ auf die späten 90er hindeuten, passt die politisch links sozialisierte Jugend und die von Wiesner und Bucerius geplante Reise auf der alten Seidenstraße nach China eher in die 70er (ab 1980 haben die Kriege und die herrschenden Regimes in Afghanistan, Iran und Iraq eine solche Fahrt praktisch unmöglich gemacht).
Beim titelgebenden „Wäldchestag“ handelt es sich um ein im Frankfurter Raum am Pfingstdienstag stattfindendes Volksfest, das auch die Funktion eines Heiratsmarktes hatte. Ursprünglich fand es im Frankfurter Stadtwald statt.
Andreas Maier erinnert zum einen wegen der Verwendung von indirekter Rede und der Darstellung eines eingefleischten Grantlers, der sich in die Provinz zurückgezogen hat, an Thomas Bernhard, über den Maier promoviert hat. Zum anderen liegt wegen des hessischen Lokalkolorits und der Wiedergabe von alkoholisierten Gesprächen über oftmals banale Themen ein Vergleich mit Eckhard Henscheids „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ sowie „Maria Schnee“ nahe. Der Autor hat jedoch einen eigenen Stil, der ihn über den Stand eines bloßen Epigonen hinaushebt. Für den Protokollanten ist „Wäldchestag“ der überzeugendste deutschsprachige Roman der letzten zehn Jahre überhaupt.
Protokoll zur Sitzung 21.10. von Adelheid
Mir wurde aufgetragen zu berichten, dass sich gestern in der Bergstraße das literarische Damenquartett Almut, Reglind, Sue und Adelheid getroffen habe. Die Damen hätten sich in der Hauptsache über Andreas Maiers Werk "Wäldchestag" ausgetauscht, das sie allerdings zu diesem Zeitpunkt fast alle nur teilweise gelesen hätten, so dass man sich über den Plot nur ansatzweise habe austauschen können und wollen. Übereinstimmend hätten die Damen dabei betont, dass das Buch der Lektüre keine großen Widerstände entgegen stelle, die Leserin im Gegenteil schnell hineinziehe. Nach einem etwas philosophischen Einstieg, dessen Vokabular ("subreptiv") nicht dem klassischen Heimatroman entstamme, entwickle sich schnell Interesse (die Gedanken über Nadel- und Laubwald im Sommer) und auch Spannung (die Waffe). Sprache und Weltsicht erinnerten dabei deutlich an Thomas Bernhard, über die Verwendung des Konjunktivs, die einen unbestreitbaren Reiz beinhalte, sei noch gesondert zu sprechen. Gastgeberin Almut habe die Frage in den Raum geworfen, in welchem Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts die Geschichte eigentlich spiele, sie entdecke hier Parallelen zur eigenen (badischen) Heimat in den 70er und 80er Jahren, dort allerdings habe sich inzwischen vieles gewandelt, so dass der Roman wohl nicht heute (bzw. vor zehn Jahren, zur Zeit des Erscheinens) spielen könne. Maier spreche von einer Welt, in der junge Menschen schon nach Techno-Musik tanzen, sei darauf eingewandt worden. Man sei übereingekommen, sich mit dieser Frage später eingehender zu beschäftigen, habe sich nun aber auch dem Ort des Geschehens gewidmet. Zirkelmitglied Reglind habe als geborene Wetterauerin bedauert, dass nicht mehr Lokalkolorit eingefangen sei, insbesondere in sprachlicher Hinsicht. Diese Heimat könne wohl überall in (Süd-?)Deutschland liegen, so sei dann befunden worden. Doch wer berichte über sie? Sei wirklich Schossau der Erzähler, oder bewege sich der Roman nicht streckenweise viel dichter an dem jungen Anton Wiesner und zeige dessen Kämpfe mit seinem südhessischen Antipoden gewissermaßen im inneren Monolog? Welche Weltsicht, so sei nun weiter gefragt worden, treibe den Autor um? Teile er mit seinem verstorbenen Helden Adomeit die Ablehnung von Konsum und technischer Modernisierung - worauf schon die humorvolle Darstellung des regelmäßigen Badewannenwechsels in Niederflorstadt hindeute - und hoffe auf die Jugend (Katja, der Südhesse, Wiesner, Schossau und Schuster), die sich angeekelt vom Wohlstandsbürgertum ihrer Eltern abwende?
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Alice Munro - Tricks
marek_bergmann, 22:19h
Protokoll zur Sitzung 14.10.
Wir setzten uns mit Bernds Creative Writing Vorwurf auseinander. Die Frage war, was es bedeutet, einem Autoren zu unterstellen, er bediene sich des Creative Writings. Eigentlich ist es ja nichts schlechtes, wenn jemand sein Handwerk gelernt hat. Dies jemanden negativ zu unterstellen, zielt wohl auf etwas anderes; gemeint ist, der Autor habe im Grunde nichts zu sagen, er setzt einige Tricks ein, die er gelernt hat, welche aber nur ihren Sinn in sich selbst haben und nicht dem Zweck der Geschichte dienen.
Inwieweit trifft dies auf Munro zu? Zum einen ist sie sicherlich zu alt, um tatsächlich an Creative Writing Kursen mitgemacht zu haben. Viele ihrer Charistika wirken durchaus originär. Auffallend ist aber, dass sie viele Kniffs benutzt, die man sonst nicht von Erzählungen gewohnt ist wie z.B. Zeitsprünge oder das Einflechten von Briefen. Wie Adelheid meinte, kann man sich eher vorstellen, dass ihre Geschichten als Vorlage für Creative Writng Kurse dienen.
Frank, der den Advocatus diaboli spielte, bemängelte, dass die Geschichten zu gleich gestrickt seien. Immer hätten die Frauen eine Sehnsucht und brauchten den Impuls eines Mannes damit die Geschichte vorwärts geht. So hielt er z.B. die Tatsache, dass Juliet in der Geschichte Chance nur auf Grund eines Briefes direkt einen Zug besteigt um einen ihr kaum bekannten Mann zu besuchen für unglaubwürdig. Dagegen spricht, dass dies motiviert wird, ihre 6-monatige Stelle als Lehrerin ist gerade abgelaufen und eine Freundin sprach mit ihr über ihre Beziehung. Hinsichtlich der Ähnlichkeit der Geschichten fällt auf, dass viele mit dem Titel der englischsprachigen Ausgabe "Runaway" zu tun haben, er ist daher sinnvoller als der geänderte der deutschen Ausgabe. Nur werden verschiedene Aspekte des Fortlaufens (schwer eine sinnvolle Übersetzung zu finden) geboten und es ist nicht ohne Ironie, dass in der titelgebenden Geschichte dieses scheitert.
Auffallend ist auch, dass, obwohl Munro immer sehr alltägliche Personen beschreibt, sich doch bisweilen eine Art metaphysischer Schauer ereignet. Als Beispiel kann das Erscheinen der Ziege in der ersten Geschichte gelten, die Zwillinge in Tricks oder Tesas Fähigkeiten in der letzten Geschichte. Dabei sind die Ereignisse bis auf Tessa zwar rational erklärbar, bekommen aber trotzdem eine magische Färbung; verweisen über das Ereignis an sich hinaus. Entscheidend dabei ist aber, dass Munro damit nicht die Existenz von übernatürlichen Phänomen andeuten will, vielmehr entsteht das Unheimliche aus der Deutung der Personen von den Ereignissen. Auch wenn wir wissen, dass es nur ein Zufall ist, dass eine Person in dem Moment anruft, an dem wir an sie denken, kann sich trotzdem ein Moment des Unheimlichen herstellen.
Wie schon in der Sitzung zuvor, wurde festgestellt, dass die Geschichten sehr un-US-Amerikanisch wirken und es doch einen großen Unterschied zwischen Kanada und den USa zu geben scheint.
Protokoll zur Sitzung 7.10.
Sehr schade, dass Bernd bei diesem Buch nicht dabei war. Denn eine Kontrastimme in der sonst guten (Nicole, die allerdings mit den ersten Geschichten teilweise Schwierigkeiten hatte), sehr guten (Adelheid), sehr sehr guten (Almut) sowie sehr sehr sehr guten (Marek) Rezeption wäre sicherlich interessant gewesen.
So lobten wir einmütig ihre kluge und ökonomische Art, die Erzählungen aufzubauen. Dabei wird, wie wir fanden, gekonnt die Perspektiven gewechselt.
Munro arbeitet oft mit Zeitsprüngen, so dass erst nach und nach der Leser merkt, was in der ausgesparten Zeit passiert ist. Adelheid gab den interessanten Hinweis, dass sie sich zwar teilweise des Klischees bedient, dies jedoch eher für die Figuren im Roman so gesehen wird, während die Erzählerin eine Distanz zu ihm hat. Die Dialoge mochten wir ebenso, insbesondere die Genauigkeit, mit der Munro an den einzelnen Personen dran ist und wie elegant durch die Dialoge Informationen vermittelt werden.
Einige Zeit sprachen wir über die Zeit, in der die Erzählungen spielen. Nicole meinte, dass man oft über die genaue Zeit unklar sei, obwohl diese doch im Text genau genannt wird. Gibt es einen Grund, warum so viele Geschichten in der Vergangenheit (60er Jahre) spielen, obwohl der Roman 2004 geschrieben wurde? Ein Möglichkeit ist, dass sie die Erlebniswelt der Personen der eigenen abgleicht und 40-jährige Personen in einer Zeit spielen läßt, in der sie selbst 40 war.
Ebenso gefiel, dass die Erzählungen nicht klassisch auf eine große Pointe zulaufen, sondern schon vorher oft unerwartete Wendungen haben. Dabei besteht ein Kontrast zwischen dem Schrecken, welche den Protagonisten widerfährt und der Art wie sie damit umgehen. Dabei arrangieren sich viele erstaunlich gut mit ihrem Unglück oder den nicht erfüllten Plänen. Letztlich ist das Scheitern oder Nichtgelingen gar nicht so schlimm, wie es zunächst den Anschein hatte, denn man lebt ja trotzdem weiter (wurde nicht so plump ausgedrückt, genaue Formulierung leider entfallen). Ein Beispiel hierfür ist sicherlich die Erzählung "Tricks". Erstaunlich auch, wie sie es schafft, ein ganzes Leben zu präsentieren.
Auffallend ist, dass Munro stärker an den Frauenpersonen dran ist. Ich-Perspektiven gibt es, glaube ich, gar nicht von Männern.
Wir setzten uns mit Bernds Creative Writing Vorwurf auseinander. Die Frage war, was es bedeutet, einem Autoren zu unterstellen, er bediene sich des Creative Writings. Eigentlich ist es ja nichts schlechtes, wenn jemand sein Handwerk gelernt hat. Dies jemanden negativ zu unterstellen, zielt wohl auf etwas anderes; gemeint ist, der Autor habe im Grunde nichts zu sagen, er setzt einige Tricks ein, die er gelernt hat, welche aber nur ihren Sinn in sich selbst haben und nicht dem Zweck der Geschichte dienen.
Inwieweit trifft dies auf Munro zu? Zum einen ist sie sicherlich zu alt, um tatsächlich an Creative Writing Kursen mitgemacht zu haben. Viele ihrer Charistika wirken durchaus originär. Auffallend ist aber, dass sie viele Kniffs benutzt, die man sonst nicht von Erzählungen gewohnt ist wie z.B. Zeitsprünge oder das Einflechten von Briefen. Wie Adelheid meinte, kann man sich eher vorstellen, dass ihre Geschichten als Vorlage für Creative Writng Kurse dienen.
Frank, der den Advocatus diaboli spielte, bemängelte, dass die Geschichten zu gleich gestrickt seien. Immer hätten die Frauen eine Sehnsucht und brauchten den Impuls eines Mannes damit die Geschichte vorwärts geht. So hielt er z.B. die Tatsache, dass Juliet in der Geschichte Chance nur auf Grund eines Briefes direkt einen Zug besteigt um einen ihr kaum bekannten Mann zu besuchen für unglaubwürdig. Dagegen spricht, dass dies motiviert wird, ihre 6-monatige Stelle als Lehrerin ist gerade abgelaufen und eine Freundin sprach mit ihr über ihre Beziehung. Hinsichtlich der Ähnlichkeit der Geschichten fällt auf, dass viele mit dem Titel der englischsprachigen Ausgabe "Runaway" zu tun haben, er ist daher sinnvoller als der geänderte der deutschen Ausgabe. Nur werden verschiedene Aspekte des Fortlaufens (schwer eine sinnvolle Übersetzung zu finden) geboten und es ist nicht ohne Ironie, dass in der titelgebenden Geschichte dieses scheitert.
Auffallend ist auch, dass, obwohl Munro immer sehr alltägliche Personen beschreibt, sich doch bisweilen eine Art metaphysischer Schauer ereignet. Als Beispiel kann das Erscheinen der Ziege in der ersten Geschichte gelten, die Zwillinge in Tricks oder Tesas Fähigkeiten in der letzten Geschichte. Dabei sind die Ereignisse bis auf Tessa zwar rational erklärbar, bekommen aber trotzdem eine magische Färbung; verweisen über das Ereignis an sich hinaus. Entscheidend dabei ist aber, dass Munro damit nicht die Existenz von übernatürlichen Phänomen andeuten will, vielmehr entsteht das Unheimliche aus der Deutung der Personen von den Ereignissen. Auch wenn wir wissen, dass es nur ein Zufall ist, dass eine Person in dem Moment anruft, an dem wir an sie denken, kann sich trotzdem ein Moment des Unheimlichen herstellen.
Wie schon in der Sitzung zuvor, wurde festgestellt, dass die Geschichten sehr un-US-Amerikanisch wirken und es doch einen großen Unterschied zwischen Kanada und den USa zu geben scheint.
Protokoll zur Sitzung 7.10.
Sehr schade, dass Bernd bei diesem Buch nicht dabei war. Denn eine Kontrastimme in der sonst guten (Nicole, die allerdings mit den ersten Geschichten teilweise Schwierigkeiten hatte), sehr guten (Adelheid), sehr sehr guten (Almut) sowie sehr sehr sehr guten (Marek) Rezeption wäre sicherlich interessant gewesen.
So lobten wir einmütig ihre kluge und ökonomische Art, die Erzählungen aufzubauen. Dabei wird, wie wir fanden, gekonnt die Perspektiven gewechselt.
Munro arbeitet oft mit Zeitsprüngen, so dass erst nach und nach der Leser merkt, was in der ausgesparten Zeit passiert ist. Adelheid gab den interessanten Hinweis, dass sie sich zwar teilweise des Klischees bedient, dies jedoch eher für die Figuren im Roman so gesehen wird, während die Erzählerin eine Distanz zu ihm hat. Die Dialoge mochten wir ebenso, insbesondere die Genauigkeit, mit der Munro an den einzelnen Personen dran ist und wie elegant durch die Dialoge Informationen vermittelt werden.
Einige Zeit sprachen wir über die Zeit, in der die Erzählungen spielen. Nicole meinte, dass man oft über die genaue Zeit unklar sei, obwohl diese doch im Text genau genannt wird. Gibt es einen Grund, warum so viele Geschichten in der Vergangenheit (60er Jahre) spielen, obwohl der Roman 2004 geschrieben wurde? Ein Möglichkeit ist, dass sie die Erlebniswelt der Personen der eigenen abgleicht und 40-jährige Personen in einer Zeit spielen läßt, in der sie selbst 40 war.
Ebenso gefiel, dass die Erzählungen nicht klassisch auf eine große Pointe zulaufen, sondern schon vorher oft unerwartete Wendungen haben. Dabei besteht ein Kontrast zwischen dem Schrecken, welche den Protagonisten widerfährt und der Art wie sie damit umgehen. Dabei arrangieren sich viele erstaunlich gut mit ihrem Unglück oder den nicht erfüllten Plänen. Letztlich ist das Scheitern oder Nichtgelingen gar nicht so schlimm, wie es zunächst den Anschein hatte, denn man lebt ja trotzdem weiter (wurde nicht so plump ausgedrückt, genaue Formulierung leider entfallen). Ein Beispiel hierfür ist sicherlich die Erzählung "Tricks". Erstaunlich auch, wie sie es schafft, ein ganzes Leben zu präsentieren.
Auffallend ist, dass Munro stärker an den Frauenpersonen dran ist. Ich-Perspektiven gibt es, glaube ich, gar nicht von Männern.
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