Mittwoch, 2. Februar 2011
Charlotte Brontë: Villette
Mir hat „Villette“ wieder ausgenommen gut gefallen. Von den paar bereits erwähnten Ungeschicklichkeiten, was das Englische und Französische angeht, abgesehen, halte ich den Roman für einen der besten, zumindest englischen, des 19. Jahrhunderts.

Bemerkenswert ist die Gestaltung der Personen, die für diese Zeit sehr ungewöhnlich ist. Die konventionellen Paare, die man aus vielen anderen Romanen kennt – Ginevra und de Hamal, Graham und Paulina – werden zu Nebenfiguren, und sehr ungewöhnliche, jedoch sehr überzeugend saftig gestaltete Wesen übernehmen die Bühne: die Spionin Mme Beck, der Kastenteufel M. Paul und Lucy, der verzagte Vulkan.

Interessant an Lucy ist ihre vollständige Isolation, die durch die Auslassungen noch eindrücklicher wirkt: Wir erfahren nie etwas über ihre Herkunft, Familie. Indirekt ist klar, dass sie eine Waise ist, werden doch nur Onkel und die Patentante erwähnt. Auch woher sie stammt, wo sie aufgewachsen ist bleibt unbekannt, und diese Ortlosigkeit, das Fehlen eigener Räume zieht sich bis ans Ende durch den Roman. Dazu kommt, dass sie, die aus besseren, gutbürgerlichen Verhältnissen stammt (wie wir im Hotel in London durch die Reaktionen des Kellners erfahren) sich als Gesellschafterin, Gouvernante, Lehrerin verdingen muss – die einzigen Möglichkeiten, als verarmte Frau „von Stand“ zumindest äußerlich die Rolle zu wahren – allerdings in vollständiger, rechtloser Abhängigkeit.

Diesen Verhältnissen entspricht Lucys Wesen sehr genau. Ihre Kleidung und die Art, wie sie sich fast immer verhält, ist bescheiden, demütig, unterwürfig. Die nicht vorhandenen Beziehungen, die fehlenden eigenen Räume hat sie ersetzt durch ein umso gewaltigeres, oft gewalttätiges Innenleben, bevölkert von Bildung, Büchern, Religion, Fantasie und Sehnsucht. Zu dieser Spaltung gehört auch die Ironie, die Lucy allerdings fast nie anderen Figuren gegenüber äußert (mit Ausnahme Ginevras, an der alles Gesagte sowieso stets abperlt) und nur dem Leser mitteilt.

Aufbau und Plot des Romans sind ausgesprochen kunstvoll. Brontë gelingt es, psychologische Porträts zu verbinden mit einer ausgesprochen realistischen Schilderung äußerer Ereignisse und Zustände sowie mit mehreren literarischen Schichten, d.h. mit der Verwendung anderer, nicht realistischer literarischer Modelle.

- Da ist einmal der Schauerroman (Gothic Novel), aus dem der Handlungsstrang mit der Nonne, Mme Walravens und ihr Haus sowie die Bedrohung Lucys durch Verschwörer und den Katholizismus kommen. Die Brontës sind mit Gothic Novels aufgewachsen, haben, schon als Kinder, dergleichen geschrieben, und besonders Emily und Charlotte haben das Genre, das zu ihrer Zeit seine Popularität bereits verloren hatte, weiterentwickelt. Für „Villette“ spielt dabei noch eine besondere Rolle, dass in den meisten Gothic Novels die Handlung im katholischen Süden angesiedelt ist und eine reine Engländerin zahlreichen Bedrohungen durch düstere katholische Mächte ausgeliefert ist.

- Ein weiteres, ständig verwendetes Modell ist John Bunyans Allegorie „Pilgrim’s Progress“ (ausführlich hier beschrieben), das, viel mehr als die Bibel selbst, die protestantische Haltung des Romans prägt. Lucy personifiziert fast alle Abstraktionen („die Wahrheit“, „die Tugend“ usw.), und bestimmte „Orte“ und Figuren aus Pilgrim’s Progress treten auch direkt in Erscheinung („Vanity Fair“ – der „Jahrmarkt der Eitelkeiten“, Apollyon). Diese stark allegorische Einfärbung des Buchs wird noch dadurch verstärkt, dass fast sämtliche Personen- und Ortsnamen sprechend sind: Lucy Snow, Mme Beck („to be at someone’s beck and call“ = jmd. ständig zur Verfügung stehen müssen), Paul Emmanuel (Paulus / Saulus & „Gott ist mit uns“) und sämtliche französische Namen komischer Art sind (z.B. Mme Aigredoux = Frau Süßsauer oder das komische Paar Boissec und Rochemort = Trockenesholz & Toterstein).

- Ein drittes literarisches Motiv ist schließlich Shakespeare, dessen Stücke wiederholt eine Rolle spielen, sei es dass Ginevra Lucy „Timon“ nennt, seien es Zitate aus „Hamlet“ oder Lucys Drogenvision der „Mittsommernacht“ im Park bei dem das Personal auch an den Hexen in „Macbeth“ ähnelt. (Das Duo Boissec und Rochemort hat mich zudem an Rosenkrantz & Güldenstern erinnert).

Theater und Kunst spielen auch darüber hinaus eine Rolle. Die durchgehende Verwendung und Umfunktionierung literarischer Motive in „Villette“ erweckt nie den Eindruck, es handele sich um bloß literarische Spielchen. Lucys äußere Welt ist quasi ein Kammerspiel, und die ganz eingekastelte Lucy kann ihre Fähigkeiten, Gefühle, Interessen fast nur auf ihrer inneren Bühne ausleben – einer Bühne stark geprägt von Religion und Lektüre. Ganz stimmig wird so die Kunst zum Teil von Lucys Realität und überwältigt die äußeren Abläufe nicht selten.

Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang die Momente, in denen die Kunst in der äußeren Welt auftritt: Kleopatra im Museum, Vashti auf der Bühne – und Lucy als Schauspielerin (die Figur der Vashti geht übrigens zurück auf die Schauspielerin Rachel von der es, wie ich feststellte, auf der Pfaueninsel eine Statue gibt). Hier, in diesen fest abgegrenzten Bereichen der Kunst sind Extreme möglich, die in der Realität vollständig fehlen – die lüsterne Frau, der extreme Gefühlsausbruch. Auch mit Lucy gehen, als sie in der Schulaufführung eine ihr ganz fremde Rolle übernehmen muss, zumindest ein wenig die Pferde durch – sie gestaltet ihren Part spontan um. Dass sie dabei auch darauf besteht, ihre Garderobe selbst zu gestalten und, halb männlich, halb weiblich nicht einfach in den Konventionen aufgehen will, zeigt, dass die Kunst zwar einen Ausbruch aus der drückenden Realität möglich macht, diesen durch ihre künstliche Abgrenzung von der Wirklichkeit aber gleichzeitig wieder aufhebt (geht diese Abgrenzung hingegen verloren, dann droht, wie beim Theaterbrand zu sehen, der Zusammenbruch der Zivilisation, der Tod).

Ähnlich verhält es sich mit Lucys Ausbrüchen aus dem Pensionat. Der erste findet während einer psychischen Krise statt und führt zum körperlichen Zusammenbruch; der zweite ist von einem Opiumrausch befeuert, lässt sie die Realität verkennen und endet in Depression und Einsamkeit (und in einem Riss in der gesellschaftlichen Ordnung – Ginevras Flucht).

Trotz Lucys konkreter Ortlosigkeit fällt auf, dass sie, außer in ihrem Innenleben, auch an zwei äußeren Abstraktionen Halt findet: dem Protestantismus und England. In beiden Fällen kommen hierbei nicht nur die üblichen Klischees zum Ausdruck (das allerdings auch sehr). Der Gegensatz England – Frankreich spiegelt auch die Opposition zwischen äußerer Form und innerer Wirklichkeit wider, d.h. der auf die Seele und die Wahrhaftigkeit des Einzelnen setzende Protestantismus kracht zusammen mit äußerlichem, katholischem Ritual, der dramatische Formalismus eines Racine, die Sentimentalität eines Rousseau erhalten eine Abfuhr vom ungestümen, ehrlichen Shakespeare, und den Franzosen wird auch anhand der Örtlichkeiten immer wieder unter die Nase gerieben, dass sie gegen England nichts zu melden haben (die „Porte de Crécy“ und das „Hotel de Crécy“ sind beide benannt nach der Schlacht von Crécy, in der im Hundertjährigen Krieg die Franzosen vernichtend geschlagen wurden; Napoleon, mit dem M. Paul wiederholt verglichen wird, erlitt seine endgültige Niederlage bei Waterloo, ganz in der Nähe von Brüssel).

Lucys Protestantismus macht sie dabei, im Hinblick auf die Anglikanische Kirche, nicht zur Außenseiterin. Die Anglikanische Kirche umfasste ein breites Spektrum von eher katholischen („High Church“) bis hin zu protestantischen Strömungen („Low Church“). Außen vor blieben nur solche Richtungen des Protestantismus, die formal die nach Ende der Herrschaft der Puritaner (nach 1660) erlassenen Gesetze („Test Act“, „Act of Uniformity“) ablehnten – beispielsweise die Quäker und Baptisten. Sehr viele protestantische Engländer (z.B. Methodisten und Evangelikale) akzeptieren aber pro forma die Rituale der Anglikanischen Kirche, waren aber klar protestantisch. Zudem wurden die Gesetze gegen die „non-conformists“ 1828 aufgehoben. Wie breit das Spektrum der unterschiedlichen Protestantismen ist und wie leicht man sich zwischen ihnen bewegen kann, zeigt sich auch daran, dass Lucy abwechselnd drei unterschiedlich protestantische Kirchen besucht.

Die Religion als äußere Realität und als innere Wahrheit spielt auch für das Ende des Romans eine entscheidende Rolle. Die sehr gelungene Auflösung, Happy End und Katastrophe in einem, ist aus zweierlei Gründen erforderlich: Zum einen würde die Welt, in der Lucy und Paul leben, die Heirat einer Protestantin mit einem Katholiken nicht zulassen; zum anderen steht aber auch der innere Glaube der beiden einer Vereinigung im Weg: Dass sich Lucy oder Paul von ihrem Glauben abwenden und konvertieren, ist ausgeschlossen. Der Preis für die innere Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Normen ist die Einsamkeit.

Sehr gelungen ist dabei auch, dass die Katastrophe schon früh auf mehrere Arten angedeutet wird – beispielsweise durch Lucys Vorgriff in Kap. 6, wie sehr sie in späteren Jahren London zu schätzen gelernt habe oder durch den Namen des Schiffs, mit dem M. Paul in die Karibik segelt, die „Paul et Virginie“, der Titel eines sehr erfolgreichen Romans, in dem gesellschaftlicher Druck einen Ozean zwischen die Liebenden schiebt, und in dem (schöne Umwandlung durch Brontë !) die Heldin auf der Schiffsreise zurück zu ihrem Geliebten bei einem Schiffbruch stirbt.

Wunderbar ist in diesem Zusammenhang die Ironie, mit der Brontë die Schicksale ihrer negativen Figuren positiv ausgehen lässt. Ganz im Unterschied zu anderen Romanen der Zeit endet die Eskapade von Ginevra eben nicht in der Katastrophe (und führt auch zu keiner Läuterung). Und der vernichtende, allerletzte Abschnitt des Buchs über Mme Beck & Co. ist einfach nur göttlich.

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