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Dienstag, 8. März 2011
Glauser / Charleroi
Im Dunkel, das ja leider zu Brüssel nichts, zu Charleroi nur wenig hergibt, hat mir dafür, dass es eine vergleichsweise simple autobiografische Erzählung ist, recht gut gefallen. Der Ton der Erzählung ist ziemlich typisch für Glausers eher autobiografische Texte und auch der Stoff, bei dem es vor allem um die kleinen Leute und um die ganz unten geht, findet sich in vielen seiner Erzählungen - und auch in den Studer-Romanen wieder. Interessant auch, wie das politische Thema anhand von Marcel, dessen Kritik der Erzähler ja weitgehend teilt, aufgenommen wird um zu zeigen: seine Sympathien stehen auf der gleichen Seite, allein er ist zu einzelgängerisch und zu pessimistisch um je irgendwie politische aktiv zu werden.

Im zweiten Teil der Erzählung, in Charleroi, hat mir gut gefallen, wie die Atmosphäre in der Arbeiterpension geschildert wird (interessant auch im Vergleich zu dem Haus in Simenons "Der Untermieter"), und mit Luigi, der zwanghaft Rizinusöl trinken muss und Otto, dem flüchtigen Niederländer, werden zwei sehr gut gezeichnete Figuren eingeführt.

Ich habe im Anschluss noch Glausers Fragmente eines Charleroi-Romans gelesen, an dem er zum Zeitpunkt seines Todes arbeitete (immerhin an die 100 Seiten sind vorhanden). Darin findet sich etwas mehr über die Stadt und Belgien (allerdings nichts zu Brüssel). Die Fragmente sind teils sehr gut und, wenn auch mit Vielem, was einer Endredaktion sicher und zurecht zum Opfer gefallen wäre, schon weitgehend ausgearbeitet. Sehr interessant ist dabei, dass man Glauser bei der Arbeit zusehen kann: Der Roman, ein Krimi, schließt von der Handlung her an "Im Dunkel" an - der Ich-Erzähler hat die gleiche Lebensgeschichte, hatte im Bergwerk gearbeitet und ist nun in einer Klinik angestellt.

In den beiden älteren Fragmenten tritt, nach einem Mord in der Klinik, ein belgischer Ermittler auf, in den beiden späteren entwickelt Glauser dies dann zu einem Studer-Roman weiter (Studer war auf einem Kongress in Brüssel - der Beamte aus Charleroi ist ein alter Bekannter). Zudem wird Charleroi mit zahlreichen´- eigentlich von schon zu vielen - Schweizern bevölkert, was, nehme ich an, Glauser tat, damit er zum einen etwas mehr im schweizerischen Idiom schreiben konnte, mehr aber wohl noch, um für ein Schweizer Lesepublikum einfache Anknüpfungspunkte zu finden.

Ein wesentlicher Unterschied zu den anderen Studer-Romanen ist der Ich-Erzähler, und es ist sehr interessant zu sehen, wie dieser, der ja eine Art Porträt von Glauser ist (in den Fragmenten schreibt er sogar einmal, statt des korrekten Namens des Ich-Erzählers, "Glauser") seiner eigenen Figur begegnet - und wie Glauser für Studer eine Art Watson wird.

Aus dem Material hätte durchaus ein guter Studer-Krimi werden können. Allerdings erinnert das Setting und die ganze Atmosphäre in dem Spital doch schon fast etwas zu stark an "Matto regiert".

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