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Donnerstag, 4. August 2011
Buddenbrooks
bernd_buch, 08:09h
Für einen sich über Jahrzehnte erstreckenden, streng chronologisch erzählten Familienroman ist der Einstieg, speziell das Setting der beiden ersten Bücher, geschickt gewählt: Erst die Einweihung des neuen Hauses und dann die Geburt der Tochter geben Gelegenheit vergleichsweise zwanglos zahlreiche Figuren auf einen Schlag einzuführen und über den Eintrag ins Familienbuch auch noch die Geschichte und Vorgeschichte der Familie Buddenbrook Revue passieren zu lassen. Th. Mann schafft es so, dass man schon früh sehr umfänglich über die größeren Zusammenhänge informiert ist. Seinen Stoff hat er recht gut im Griff (wobei es natürlich hilft, dass er sich das Meiste nicht ausdenken musste, sondern es bei der Familiengeschichte ausborgte).
Ist dies auch elegant gemacht, fällt umso mehr auf, dass andere Dinge sehr ungeschickt gelöst werden. Zu Beginn, wie auch später immer wieder im Roman, wird man mit ausführlichsten Beschreibungen von Kleidung, Haartracht, Inneneinrichtung zugeschüttet. Dies ist nicht nur betulich und langatmig, es erfolgt auch so listenmäßig, dass man in dem Gewimmel aus Einzelheiten absäuft. Mit kommt es vor, als hätte Mann hier, um sich seines Stoffs zu versichern, Fotos und Gemälde nacherzählt.
Noch störender und sehr dilletanisch ist, wie Mann, zu Beginn des Buchs und auch später, häufig „expository dialogue“ verwendet (dafür gibts leider keinen gängigen deutschen Ausdruck – ich nenns für mich „Erklärgespräche“). Was ich meine, sind Unterhaltungen zwischen Figuren, die in ihrer Motivation völlig unglaubwürdig sind – dergleichen würden sie nie zueinander sagen – und deren Zweck nur ist, dass der Autor dem Leser etwas verklickern möchte.
Einige, wenige Beispiele:
S. 19: „...als ob ich, der Stiefbruder...“ und „daß ich, seine Stiefmutter...“ (ihre Verwandtschaftsverhältnisse, sollte man meinen, kennten die Figuren).
S. 39 ff.: Unterhaltung über den Zollverein und andere politische Fragen. Hier wird der Leser in politische Umstände eingeführt; die Herren, die darüber Bescheid wissen, würden dergleichen untereinander so nicht ausführen.
S. 166ff.: Unterhaltung zwischen Tom und Anna. Hier wird die Geschichte der Beziehung beim Abschied in ein intimes Gespräch gepackt und so dem Leser die Vorgeschichte aufs Auge gedrückt.
S. 357 ff.: Das gesamte 7. Kapitel des 6. Teils besteht aus Erklärgesprächen, die kaum Sinn ergeben und nur den Zweck haben, den Leser politisch auf den Stand der Dinge zu bringen.
Zu diesen Ungeschicklichkeiten passt allerdings Manns Stil durchaus. Ganz regelmäßig stößt man auf Stellen wie: „So wanderten die Jahre vorbei, und es war, alles in allem, eine glückliche Jugendzeit, die Tony verlebte“ (S. 90) oder „Tom und Christians Jugendzeit ... es ist nichts Bedeutendes davon zu melden. In jenen Tagen herrschte Sonnenschein im Hause Buddenbrook, wo in den Comptoirs die Geschäfte so ausgezeichnet gingen“ (S.66) oder „Hiermit begannen schöne Sommerferien für Tony Buddenbrook, kurzweiligere und angenehmere, als sie jemals in Travemünde erlebt hatte“ (S. 132).
Anfangs hatte ich noch gedacht, Mann wolle hier etwas ironisch-parodierend auf die „gemütliche“ Biedermeierzeit zu Beginn des Buchs abheben. Da sich dergleichen aber an vielen Stellen findet, ein ungebrochen bräsiger Ton wie aus der „Gartenlaube“, scheint Mann einfach nur Klischees zu verwurschten.
Auch wo Mann lustig und parodistisch sein will, klappt das bestenfalls nur so ein Bisschen. Die ganze Geschichte mit Tony und Permaneder krankt nicht nur daran, dass der bayrische Dialekt nicht so ganz stimmt, sondern mehr noch, dass die Möglichkeit dieser Beziehung von Anfang nicht überzeugt. Trotz der Motivation – das Gestichel anderer Frauen über die Geschiedene – ist es nach allem, was wir über Tony erfahren haben (und das ist eine Menge), ganz unglaubwürdig, dass sie eine derartige Ehe eingeht. Ich denke, Mann hatte hier Wilhelm Buschs etwa 25 Jahre zuvor erschienene Knopp-Trilogie im Sinne, in der sich gegen Ende Ähnliches ereignet – nur dass Busch solche Geschichten überzeugend und komisch erzählen kann.
Anderes Thema: An einem historischen bzw. Mehrgenerationenen-Roman kann ja gerade interessant sein, zu sehen, wie sich die Außenwelt in ihren Gebräuchen, ihrer Sachkultur, Baulichkeiten, technischen Möglichkeiten, moralischen Einstellungen etc. verändert. Mann scheint auch durchaus im Sinn gehabt zu haben, so etwas vergleichend darzustellen – etwa was politsche, wirtschaftliche oder schulische Entwicklungen angeht. Leider scheitert er dabei kläglich. Die politischen Exkurse sind oberflächlich, das Material wirkt wie aus einer Enzyklopädie abgeschrieben. Schlimmer noch ist es bei der Sachkultur, wo es oft hinten und vorne nicht stimmt. Ein paar Beispiele:
- Tom raucht schon ab den 1830er / 1840er Jahren ständig Zigaretten. Leider gab es die damals noch nicht.
- Der alte Senator Buddenbrook singt seiner Enkeltochter in den 1830er Jahren das Lied vom Omnibus vor (S.70). Die ersten Pferdeomnibusse wurden um diese Zeit eben in Paris und London eingeführt.
- Beim Tonys Aufenthalt in Travemünde stimmt so gut wie gar nichts. Da gibt es, um 1843, Musiktempel, Strandkörbe, einen Kinderspielplatz und Herren, die mit Strohhut und Spazierstock unterwegs sind. Zu Manns Zeit gab es dergleichen, in Tonys Jugendzeit nicht.
Wobei: Man kann dergleichen sicher mit Thomas Manns Jugend entschuldigen, schließlich war er erst Anfang / Mitte 20, als er den Roman schrieb. Allerdings – ich weiß nicht, wie es Euch geht? – habe ich mich wiederholt gefragt: Ist es nicht geradezu unanständig, in diesem jungen Alter und als Erstlingsroman eine derart altväterliche, breit angelegte, langatmige und knarzige Scharteke zu schreiben?
Resümee nach etwa Zweidritteln: Das Ding ist ein Schmöker, liest sich schnell und OK weg, da es viel Stoff, Anekdötchen und Personal enthält. Was nun aber das Tolle daran sein soll, geschweige denn Weltliteratur (gab ja auch den Nobelpreis dafür), verstehe ich nicht. Ist so mittlere Belletristik.
Wobei mir noch auffiel, dass ich ja manchmal neuere, sehr traditionell erzählende Autoren als „19. Jahrhundert“ abgekanzelt habe. Das könnte man auch von Mann (1901) sagen, täte dem 19. Jh. damit aber sehr unrecht. Austen, Stendhal, Eliot, Flaubert, Tolstoi und Dostojewski (und selbst Fontane) sind dem Mann ja doch um Welten – was sag ich – um Galaxien voraus.
Ist dies auch elegant gemacht, fällt umso mehr auf, dass andere Dinge sehr ungeschickt gelöst werden. Zu Beginn, wie auch später immer wieder im Roman, wird man mit ausführlichsten Beschreibungen von Kleidung, Haartracht, Inneneinrichtung zugeschüttet. Dies ist nicht nur betulich und langatmig, es erfolgt auch so listenmäßig, dass man in dem Gewimmel aus Einzelheiten absäuft. Mit kommt es vor, als hätte Mann hier, um sich seines Stoffs zu versichern, Fotos und Gemälde nacherzählt.
Noch störender und sehr dilletanisch ist, wie Mann, zu Beginn des Buchs und auch später, häufig „expository dialogue“ verwendet (dafür gibts leider keinen gängigen deutschen Ausdruck – ich nenns für mich „Erklärgespräche“). Was ich meine, sind Unterhaltungen zwischen Figuren, die in ihrer Motivation völlig unglaubwürdig sind – dergleichen würden sie nie zueinander sagen – und deren Zweck nur ist, dass der Autor dem Leser etwas verklickern möchte.
Einige, wenige Beispiele:
S. 19: „...als ob ich, der Stiefbruder...“ und „daß ich, seine Stiefmutter...“ (ihre Verwandtschaftsverhältnisse, sollte man meinen, kennten die Figuren).
S. 39 ff.: Unterhaltung über den Zollverein und andere politische Fragen. Hier wird der Leser in politische Umstände eingeführt; die Herren, die darüber Bescheid wissen, würden dergleichen untereinander so nicht ausführen.
S. 166ff.: Unterhaltung zwischen Tom und Anna. Hier wird die Geschichte der Beziehung beim Abschied in ein intimes Gespräch gepackt und so dem Leser die Vorgeschichte aufs Auge gedrückt.
S. 357 ff.: Das gesamte 7. Kapitel des 6. Teils besteht aus Erklärgesprächen, die kaum Sinn ergeben und nur den Zweck haben, den Leser politisch auf den Stand der Dinge zu bringen.
Zu diesen Ungeschicklichkeiten passt allerdings Manns Stil durchaus. Ganz regelmäßig stößt man auf Stellen wie: „So wanderten die Jahre vorbei, und es war, alles in allem, eine glückliche Jugendzeit, die Tony verlebte“ (S. 90) oder „Tom und Christians Jugendzeit ... es ist nichts Bedeutendes davon zu melden. In jenen Tagen herrschte Sonnenschein im Hause Buddenbrook, wo in den Comptoirs die Geschäfte so ausgezeichnet gingen“ (S.66) oder „Hiermit begannen schöne Sommerferien für Tony Buddenbrook, kurzweiligere und angenehmere, als sie jemals in Travemünde erlebt hatte“ (S. 132).
Anfangs hatte ich noch gedacht, Mann wolle hier etwas ironisch-parodierend auf die „gemütliche“ Biedermeierzeit zu Beginn des Buchs abheben. Da sich dergleichen aber an vielen Stellen findet, ein ungebrochen bräsiger Ton wie aus der „Gartenlaube“, scheint Mann einfach nur Klischees zu verwurschten.
Auch wo Mann lustig und parodistisch sein will, klappt das bestenfalls nur so ein Bisschen. Die ganze Geschichte mit Tony und Permaneder krankt nicht nur daran, dass der bayrische Dialekt nicht so ganz stimmt, sondern mehr noch, dass die Möglichkeit dieser Beziehung von Anfang nicht überzeugt. Trotz der Motivation – das Gestichel anderer Frauen über die Geschiedene – ist es nach allem, was wir über Tony erfahren haben (und das ist eine Menge), ganz unglaubwürdig, dass sie eine derartige Ehe eingeht. Ich denke, Mann hatte hier Wilhelm Buschs etwa 25 Jahre zuvor erschienene Knopp-Trilogie im Sinne, in der sich gegen Ende Ähnliches ereignet – nur dass Busch solche Geschichten überzeugend und komisch erzählen kann.
Anderes Thema: An einem historischen bzw. Mehrgenerationenen-Roman kann ja gerade interessant sein, zu sehen, wie sich die Außenwelt in ihren Gebräuchen, ihrer Sachkultur, Baulichkeiten, technischen Möglichkeiten, moralischen Einstellungen etc. verändert. Mann scheint auch durchaus im Sinn gehabt zu haben, so etwas vergleichend darzustellen – etwa was politsche, wirtschaftliche oder schulische Entwicklungen angeht. Leider scheitert er dabei kläglich. Die politischen Exkurse sind oberflächlich, das Material wirkt wie aus einer Enzyklopädie abgeschrieben. Schlimmer noch ist es bei der Sachkultur, wo es oft hinten und vorne nicht stimmt. Ein paar Beispiele:
- Tom raucht schon ab den 1830er / 1840er Jahren ständig Zigaretten. Leider gab es die damals noch nicht.
- Der alte Senator Buddenbrook singt seiner Enkeltochter in den 1830er Jahren das Lied vom Omnibus vor (S.70). Die ersten Pferdeomnibusse wurden um diese Zeit eben in Paris und London eingeführt.
- Beim Tonys Aufenthalt in Travemünde stimmt so gut wie gar nichts. Da gibt es, um 1843, Musiktempel, Strandkörbe, einen Kinderspielplatz und Herren, die mit Strohhut und Spazierstock unterwegs sind. Zu Manns Zeit gab es dergleichen, in Tonys Jugendzeit nicht.
Wobei: Man kann dergleichen sicher mit Thomas Manns Jugend entschuldigen, schließlich war er erst Anfang / Mitte 20, als er den Roman schrieb. Allerdings – ich weiß nicht, wie es Euch geht? – habe ich mich wiederholt gefragt: Ist es nicht geradezu unanständig, in diesem jungen Alter und als Erstlingsroman eine derart altväterliche, breit angelegte, langatmige und knarzige Scharteke zu schreiben?
Resümee nach etwa Zweidritteln: Das Ding ist ein Schmöker, liest sich schnell und OK weg, da es viel Stoff, Anekdötchen und Personal enthält. Was nun aber das Tolle daran sein soll, geschweige denn Weltliteratur (gab ja auch den Nobelpreis dafür), verstehe ich nicht. Ist so mittlere Belletristik.
Wobei mir noch auffiel, dass ich ja manchmal neuere, sehr traditionell erzählende Autoren als „19. Jahrhundert“ abgekanzelt habe. Das könnte man auch von Mann (1901) sagen, täte dem 19. Jh. damit aber sehr unrecht. Austen, Stendhal, Eliot, Flaubert, Tolstoi und Dostojewski (und selbst Fontane) sind dem Mann ja doch um Welten – was sag ich – um Galaxien voraus.
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bernd_buch, 08:03h
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