Donnerstag, 12. Januar 2012
Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen
Sehr überraschend, es kommt sehr selten vor, dass ich einen allseits bekannten Klassiker lese und feststelle: Kompletter Käse. Womit ich nicht geschmackliche Vorlieben meine - der einen ist Sterne zu versponnen, der andere findet Th. Mann zu angeberisch - sondern stilistische, stoffliche literarische Basics.

Da sind die Bilder, häufig überkandidelt, nicht selten unfreiwillig komisch:
- "Wie sie hörte, dass sich die Türen öffneten, sprang sie auf wie eine Gazelle und fasste Lucien fest in ihre Arme wie ein Geweb, das, vom Wind ergriffen, um einen Baum sich schlingt."
- "Ist es eine Frage Ihrer Eheschließung? sagte sie und warf einen ihrer strahelnden, fesselnden Blicke gleich der Klinge eines Dolchs in Luciens blaue Augen."
- "Gerade als Esther in der Tür erschien, von einem Morgenrock kaum bedeckt, die nackten Füße in Pantoffeln, das Haar offen, schön genug, den Erzengel Raphael ins Verderben zu stürzen, spuckte die Tür zum Salon eine Woge menschlichen Kots aus, die zehn Fuß weit auf das göttliche Wesen zustampfte, das dastand wie ein Engel in einem flämischen Heiligenbild."

Da sind die Figuren, die fast alle in ein bis zwei Verkleidungen, unterschiedlichen Namen auftreten - wobei nicht nur der Leser schnell die Übersicht verliert, sondern des öfteren auch Balzac: Esther ist anfangs blond, dann hat sie schwarzes Haar; Nucingen ist mal Elsassdeutscher, mal osteuropäischer Jude. Zudem werden viele dieser Figuren noch mit ganz und gar undurchschaubaren, unverständlichen Vorgeschichten versehen (die als eine Art Nonsense-Literatur manchmal sogar wieder reizvoll sein können): "Rührte Contensons Ungnade daher, dass er nur allzu schnell Fouchés Vorhaben, die Küste Frankreichs zu verteidigen, unterstützt hatte, als diese während der seinerzeit als Walcheren-Expedition bekannten Kampagne angegriffen wurde - während eines Moments also, in dem der Herzog von Otranto eine Stärke an den Tag legte, die dem Kaiser Sorge bereitete? Während Fouchés Zeit schien das wahrscheinlich genug; heute jedoch, da alle Welt weiß, was während des von Cambacérès einberufenen Treffens der Minister sich zutrug, hat man über die Vorfälle größere Gewissheit." Solche häufigen (vielleicht den Zeitgenossen Balzacs verständlichen) Einschübe, muten umso merkwürdiger an, als sie weder zur Gestaltung der Figuren noch zur Handlung des Romans beitragen.

Da ist die Fabel an sich: Bekehrungen und Verschwörungen und Gegenverschwörungen. Gäbe es das Wort "Hintertreppenroman" nicht, man müsste es für diesen Roman erfinden. Wobei ja nichts gegen verwickelte Plots, Spannungsbögen, Action, Verschwörungen, Doppelrollen, Mantel und Degen spricht - nur sollte ein Autor, der mit dergleichen arbeitet, das dann wenigstens beherrschen. Will ich dergleichen lesen, halte ich mich an Maurice Leblancs "Arsène Lupin"-Romane.

Einen Vorzug hatte das Buch (das ich zur Hälfte gelesen habe) aber doch - im meiner Ausgabe ein sehr gutes Vorwort des Übersetzers (ich habe den Roman auf Englisch gelesen), das zum Vergleich der Übersetzungen etc. von Interesse sein könnte. Hier ein Auszug:
"Schlechte Handwerksleute geben ihrem Werkzeug die Schuld, und die Schwierigkeiten eines Übersetzers sind in der Regel für die Leser eines fremdsprachlichen Romans nicht von Interesse. Das Buch sollte schlicht gut lesbar sein, und dass der Übersetzer dem Original getreu verfahren ist, kann als selbstverständlich gelten. Im gegenwärtigen Fall gibt es jedoch ein oder zwei Probleme, von denen ich hoffe, sie seien unlösbar, da ich mir klar ist, dass ich sie nicht gelöst habe. Auch wirklich verbergen lassen sie sich nicht."
Der Übersetzer führt folgende Beispiele auf:
1. Baron Nucingens Sprache: Diese sei mit ihrer systematischen Ersetzung von Vokalen und Konsonanten nahezu unverständlich und nervtötend (wobei er hinzufügt, im Französischen sei dies noch schlimmer, als in seiner Übersetzung). Es wäre interessant zu wissen, wie das in den deutschen Übersetzungen gelöst ist? Im Englischen klingt es z.B. so: "'You hef done silly tings,' the baron went on, 'like oll priddy womans, det is oll. Let us not tok about zem. Our jop now is to mek moneys for you ... Be hoppy: I vill be your vather for a tay or dwo, I onnderstent dot you muzd begome used to my poor gargass.'"
2. Die Übersetzung des Unterweltslangs
3. Esthers Spitzname "la Torpille" (der englische Übersetzer hat sch für "the Torpedo" entschieden).

... link (0 Kommentare)   ... comment