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Freitag, 24. September 2010
Alice Munro: Runaway / Tricks
bernd_buch, 07:30h
(Ich schreibe nach und nach, wie ich die Erzählungen lese, auf, was mir dazu einfällt.)
Merkwürdig ist, dass der deutsche Verlag den Titel geändert hat. Die englische Ausgabe heißt nach der ersten Erzählung "Runaway" (Ausreißerin), die deutsche nach einer anderen Erzählung "Tricks".
= Runaway =
Gut gearbeitet ist hier der Aufbau - der Einstieg, mit der Rückkehr der Nachbarin und die allmähliche Einführung der Figuren. Gelungen fand ich auch die hin und wieder eingestreuten sehr kurzen Rückblenden, die so gestaltet sind, dass sie den Fluss der Erzählung nicht stören.
Gefallen hat mit diese Geschichte nicht. Sie ist zu sehr mit Symbolik überfrachtet, wobei mich besonders stört, wie Munro hierfür reichlich platt Wetter und Tiere benutzt. Erst ist mitten im Sommer Dauerregen und die Atmosphäre entsprechend gedrückt. Dann, mit der Wende (der Umkehr) bricht sofort der Sommer aus. Die Ziege als ganz tradionelles (wenn auch doppeltes) Symbol ist ärgerlich: Erst hat sie etwas Teuflisches an sich - wie sie aus dem Nebel auftaucht, dann wird sie zum Sündenbock gemacht. Sehr abgegriffen und platt.
= Chance =
Sehr gut gefällt mir hier der Einstieg: Ohne viel Umstände geht es mitten in die Geschichte hinein und durch das Präsens wird man an die ja schon etwas zurückliegenden Geschehnisse jäh rangezoomt. Nachdem es so ökonomisch und ohne große Erklärungen beginnt, hat mich dann umso mehr gestört, dass Munro nach einigen Seiten plötzlich das Handbuch für kreatives Schreiben aus dem Ranzen zieht (in dem so Sachen stehen wie, man solle Setting und Personen sehr detailliert beschreiben, damit sich der Leser das Ganze bildlich gut vorstellen kann). In zwei Abschnitten wird einem ein Katalog von Dingen über Juliet an den Kopf geworfen, die besser entweder über die Geschichte verstreut worden wären - oder auch ganz hätten wegbleiben dürfen. Ähnlich fehl am Platz fand ich die genaue Beschreibung der Kleidung des Fremden im Zug (die wahrscheinlich nur gegeben wird, damit Juliet sie später, als sie nachfragt, beschreiben kann).
Ansonsten: Das Späßchen mit der Verwechselung von Menstruationsblut & Blut des Überfahrenen fand ich sehr an den Haaren herbeigezogen. Auch die griechische Mythologie hat mich genervt: Das kommt sehr bedeutungsschwanger daher. Über die Verbindung Sternbilder - Griechische Mythologie die Verkupplung von rauem Fischer und mauerblümchenhafter Altphilologin herzustellen ist abgeschmackt und einfach nur doof.
P.S.: Eine Frage: Wie ist denn das, was Ailo sagt, übersetzt? Im Original spricht sie grammatisch / syntaktisch falsches Englisch.
= Soon & Silence =
Zu Anfang hatte ich mich gefreut, dass es mit Juliet weitergeht. Die Geschichte zuvor endet ja sehr plötzlich. Gefreut hatte ich mich auch über das Chagall-Bild zu Anfang von "Soon", allerdings aus Gründen, die mit Literatur nichts zu tun haben: Meine Eltern hatten das Bild sehr lange im Wohnzimmer hängen (nein, ich habe ihnen den Druck nicht geschenkt :-)
Literarisch sind beide Erzählungen dann aber leider sehr schlecht: Schlampig gearbeitet, voller Klischees, Kitsch und falscher Details. Im Einzelnen:
- Details / Material: Ende der 1960er Jahre gab es, anders als is "Soon", keine Autokindersitze. Und um 1980 herum sind, anders als Penelope in "Silence", 13-jährige Mädchen nicht bauchnabelfrei mit Rubbeltatoo herumgelaufen.
- Kitsch & Klischees: Bereits in "Soon", mehr aber noch in "Silence" wird weniger erzählt, als mit Versatzstücken gebastelt. Juliet und Eric streiten, schicken das Kind in die Sommerfrische - und am nächsten Tag ertrinkt Eric im Meer. - Alles klar. - Und, kurz davor, muss ich lesen (meine Übersetzung): "Manchmal glaubte er, dass sie ihm etwas vorspielte, die Sache nur ausreizte, und dann wieder war er voll echter Trauer darüber, dass er sie hatte leiden lassen. Ihre Trauer erregte sie beide, und sie liebten sich dann großartig. Und jedes Mal dachte er, nun sei es vorbei, dass ihre Leiden ein Ende hätten. Und jedes mal lag er falsch." - Da wird mir schlecht. Und das ist nur eine von vielen Stellen.
- Schlamperei:
* Als Juliet Einzelheiten über Irenes Mann und Kinder erfährt, wird nachgeschoben, Juliet habe das erfahren, weil sie Irene gefragt und aus den Antworten weiteres geschlossen habe. Diese bemühte, nachgereichte Erklärung wirkt, als glaubte Munro, wir würden es ihr andernfalls nicht glauben.
* Die Ilse Koch, mit der Juliet in ihrem Brief an Eric Irene vergleicht, war die Frau des Kommandanten des KZ Buchenwald. Dass darauf im Brief so beiläufig angespielt wird, als wüssten Juliet & Eric selbstverständlich, wer das sei, ist wenig überzeugend (dass Munro sich für diese Person interessiert, glaube ich sofort).
* Ziemlich am Anfang von "Silence" wird kursiv wiedergegeben, was Juliet hätte gesagt haben können. Das passt nicht in den Erzählduktus / die Erzählperspektive, die, wenn auch nicht in der Ich-Form gehalten, sich doch eng an die Perspektive Juliets anlehnt.
* Als Juliet mit ihrer Doktorarbeit beginnt, wird der antike griechische Roman viel zu ausführlich erläutert. Es ist ein bloßer Infohappen für den Leser, der vermutlich eingerückt wurde, weil, zum einen Munro das alles recherchiert hat, zum anderen, weil recht bemüht Parallelen zwischen Juliet / Penelope und der Aethiopika hergestellt werden sollen.
* Die gesamte zweite Hälfte von "Silence" wirkt, als habe sich Munro im Laufe der Arbeit an der Juliet-Figur allerhand Notizen gemacht, sie dann aber nicht ausgearbeitet. Diese Fragmente werden einem thesenhaft um die Ohren geschlagen.
Insgesamt: Ich habe mich über Munros Erzählungen sehr geärgert. Konventionelle Dutzendware, Kitsch für Frauenzeitschriften. Die restlichen Erzählungen in dem Band werde ich nicht lesen.
(Sehr schade ist, dass ich mich mit Euch über das Buch nicht unterhalten kann. Wenn man solche Sachen aufschreibt, werde sie ja leider immer - da Monolog - recht einseitig. Es fehlt eben leider die Anregung durch das Gespräch.)
Merkwürdig ist, dass der deutsche Verlag den Titel geändert hat. Die englische Ausgabe heißt nach der ersten Erzählung "Runaway" (Ausreißerin), die deutsche nach einer anderen Erzählung "Tricks".
= Runaway =
Gut gearbeitet ist hier der Aufbau - der Einstieg, mit der Rückkehr der Nachbarin und die allmähliche Einführung der Figuren. Gelungen fand ich auch die hin und wieder eingestreuten sehr kurzen Rückblenden, die so gestaltet sind, dass sie den Fluss der Erzählung nicht stören.
Gefallen hat mit diese Geschichte nicht. Sie ist zu sehr mit Symbolik überfrachtet, wobei mich besonders stört, wie Munro hierfür reichlich platt Wetter und Tiere benutzt. Erst ist mitten im Sommer Dauerregen und die Atmosphäre entsprechend gedrückt. Dann, mit der Wende (der Umkehr) bricht sofort der Sommer aus. Die Ziege als ganz tradionelles (wenn auch doppeltes) Symbol ist ärgerlich: Erst hat sie etwas Teuflisches an sich - wie sie aus dem Nebel auftaucht, dann wird sie zum Sündenbock gemacht. Sehr abgegriffen und platt.
= Chance =
Sehr gut gefällt mir hier der Einstieg: Ohne viel Umstände geht es mitten in die Geschichte hinein und durch das Präsens wird man an die ja schon etwas zurückliegenden Geschehnisse jäh rangezoomt. Nachdem es so ökonomisch und ohne große Erklärungen beginnt, hat mich dann umso mehr gestört, dass Munro nach einigen Seiten plötzlich das Handbuch für kreatives Schreiben aus dem Ranzen zieht (in dem so Sachen stehen wie, man solle Setting und Personen sehr detailliert beschreiben, damit sich der Leser das Ganze bildlich gut vorstellen kann). In zwei Abschnitten wird einem ein Katalog von Dingen über Juliet an den Kopf geworfen, die besser entweder über die Geschichte verstreut worden wären - oder auch ganz hätten wegbleiben dürfen. Ähnlich fehl am Platz fand ich die genaue Beschreibung der Kleidung des Fremden im Zug (die wahrscheinlich nur gegeben wird, damit Juliet sie später, als sie nachfragt, beschreiben kann).
Ansonsten: Das Späßchen mit der Verwechselung von Menstruationsblut & Blut des Überfahrenen fand ich sehr an den Haaren herbeigezogen. Auch die griechische Mythologie hat mich genervt: Das kommt sehr bedeutungsschwanger daher. Über die Verbindung Sternbilder - Griechische Mythologie die Verkupplung von rauem Fischer und mauerblümchenhafter Altphilologin herzustellen ist abgeschmackt und einfach nur doof.
P.S.: Eine Frage: Wie ist denn das, was Ailo sagt, übersetzt? Im Original spricht sie grammatisch / syntaktisch falsches Englisch.
= Soon & Silence =
Zu Anfang hatte ich mich gefreut, dass es mit Juliet weitergeht. Die Geschichte zuvor endet ja sehr plötzlich. Gefreut hatte ich mich auch über das Chagall-Bild zu Anfang von "Soon", allerdings aus Gründen, die mit Literatur nichts zu tun haben: Meine Eltern hatten das Bild sehr lange im Wohnzimmer hängen (nein, ich habe ihnen den Druck nicht geschenkt :-)
Literarisch sind beide Erzählungen dann aber leider sehr schlecht: Schlampig gearbeitet, voller Klischees, Kitsch und falscher Details. Im Einzelnen:
- Details / Material: Ende der 1960er Jahre gab es, anders als is "Soon", keine Autokindersitze. Und um 1980 herum sind, anders als Penelope in "Silence", 13-jährige Mädchen nicht bauchnabelfrei mit Rubbeltatoo herumgelaufen.
- Kitsch & Klischees: Bereits in "Soon", mehr aber noch in "Silence" wird weniger erzählt, als mit Versatzstücken gebastelt. Juliet und Eric streiten, schicken das Kind in die Sommerfrische - und am nächsten Tag ertrinkt Eric im Meer. - Alles klar. - Und, kurz davor, muss ich lesen (meine Übersetzung): "Manchmal glaubte er, dass sie ihm etwas vorspielte, die Sache nur ausreizte, und dann wieder war er voll echter Trauer darüber, dass er sie hatte leiden lassen. Ihre Trauer erregte sie beide, und sie liebten sich dann großartig. Und jedes Mal dachte er, nun sei es vorbei, dass ihre Leiden ein Ende hätten. Und jedes mal lag er falsch." - Da wird mir schlecht. Und das ist nur eine von vielen Stellen.
- Schlamperei:
* Als Juliet Einzelheiten über Irenes Mann und Kinder erfährt, wird nachgeschoben, Juliet habe das erfahren, weil sie Irene gefragt und aus den Antworten weiteres geschlossen habe. Diese bemühte, nachgereichte Erklärung wirkt, als glaubte Munro, wir würden es ihr andernfalls nicht glauben.
* Die Ilse Koch, mit der Juliet in ihrem Brief an Eric Irene vergleicht, war die Frau des Kommandanten des KZ Buchenwald. Dass darauf im Brief so beiläufig angespielt wird, als wüssten Juliet & Eric selbstverständlich, wer das sei, ist wenig überzeugend (dass Munro sich für diese Person interessiert, glaube ich sofort).
* Ziemlich am Anfang von "Silence" wird kursiv wiedergegeben, was Juliet hätte gesagt haben können. Das passt nicht in den Erzählduktus / die Erzählperspektive, die, wenn auch nicht in der Ich-Form gehalten, sich doch eng an die Perspektive Juliets anlehnt.
* Als Juliet mit ihrer Doktorarbeit beginnt, wird der antike griechische Roman viel zu ausführlich erläutert. Es ist ein bloßer Infohappen für den Leser, der vermutlich eingerückt wurde, weil, zum einen Munro das alles recherchiert hat, zum anderen, weil recht bemüht Parallelen zwischen Juliet / Penelope und der Aethiopika hergestellt werden sollen.
* Die gesamte zweite Hälfte von "Silence" wirkt, als habe sich Munro im Laufe der Arbeit an der Juliet-Figur allerhand Notizen gemacht, sie dann aber nicht ausgearbeitet. Diese Fragmente werden einem thesenhaft um die Ohren geschlagen.
Insgesamt: Ich habe mich über Munros Erzählungen sehr geärgert. Konventionelle Dutzendware, Kitsch für Frauenzeitschriften. Die restlichen Erzählungen in dem Band werde ich nicht lesen.
(Sehr schade ist, dass ich mich mit Euch über das Buch nicht unterhalten kann. Wenn man solche Sachen aufschreibt, werde sie ja leider immer - da Monolog - recht einseitig. Es fehlt eben leider die Anregung durch das Gespräch.)
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Mittwoch, 22. September 2010
Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio
bernd_buch, 07:52h
= Dorf / Kleinstadt =
Sehr auffällig ist, wie vereinzelt die Figuren in Andersons Roman sind - und vereinzelt nicht nur im negativen Sinn. In einem auf einem Dorf, in einer Kleinstadt spielenden europäischen Buch aus derselben Zeit würde man einen engen Zusammenhalt, beziehungsweise langandauernde Feindschaften und Zerwürfnisse erwarten. Das ist plausibel, da dörfliche Gesellschaften in Europa Ende des 19. Jahrhunderts sich zwar im Umbruch befanden, weitgehend aber noch von der Tradition geprägt waren und aus Alteingesessenen bestanden.
Andersons Stilisierung hat einen durchaus realen Hintergrund in der ganz anderen Wirklichkeit der USA. Ohio wurde im Wesentlichen erst im 19. Jahrhundert besiedelt, der Ort Winesburg etwa um 1830 gegründet, 60 Jahre vor der Handlung des Romans. Das bedeutet - und in vielen der Episoden bekommt man das auch mit - dass alle dort Lebenden "Zugezogene" sind und sich - was wiederum typisch für die USA ist - die Wanderungsbewegungen fortsetzen, laufend Menschen zu- und abwandern. Am Ende auch der Protagonist. Diese Situation gab den Menschen mehr Freiheit, da traditionelle Gerüste fehlten, warf sie andererseits, mangels stabiler sozialer Netzwerke, aber auch auf sich selbst zurück.
Dass Anderson nur solche Vereinzelten schildert, ist ein Kunstgriff, durch dem es ihm aber gelingt, diesen Zustand des Übergangs und der Flüchtigkeit in einer modernen Form (d.h. nicht Western & Lederstrumpf) einzufangen.
= Stil =
Passend zur Vereinzelung der Figuren gibt es sehr wenig Dialog. Rede ist meist Monolog. Dafür sprechen aber die Körper. Nicht nur in der Erzählung "Hands", sondern in vielen anderen auch, sind besonders die Hände äußerst beredt - wodurch es Anderson sehr gut gelingt, darzustellen, dass seine Figuren oft auf das Körperliche, auf nicht formulierbare Impulse zurückgeworfen sind. Logisch ist insofern auch, dass George Willard, der Schriftsteller werden will, erst allmählich seinen Körper, dann die Sprache zu beherrschen lernen muss - Letzteres aber nur wirklich möglich ist, wenn er den Ort verlässt.
= Erzähler / Schriftstellerei =
Unklar ist die Rolle des Erzählers. Zum einen gibt es den alten Schriftsteller im ersten Kapitel, dessen Buch der grotesken Figuren aber nie veröffentlicht wird. Und dann gibt es George Willard, der Schriftsteller werden will - und dem die meisten der Geschichten erzählt werden. Allerdings gibt es immer wieder Elemente, die George Willard nicht wissen kann sowie Ausblicke in die Zukunft. Ich vermute, dass der Erzähler eine Mischung aus den beiden Schriftstellern ist, einer, der sich Kate Swift (Kapitel "The Teacher") zum Vorbild genommen hat und wie sie aus dem Gewussten dichterisch weitere Details erfindet und ihre Erkenntnis befolgt: "Du darfst kein bloßer Wortkrämer werden. Was du lernen musst, ist zu begreifen, worüber die Menschen nachdenken, nicht was sie sagen."
Sehr auffällig ist, wie vereinzelt die Figuren in Andersons Roman sind - und vereinzelt nicht nur im negativen Sinn. In einem auf einem Dorf, in einer Kleinstadt spielenden europäischen Buch aus derselben Zeit würde man einen engen Zusammenhalt, beziehungsweise langandauernde Feindschaften und Zerwürfnisse erwarten. Das ist plausibel, da dörfliche Gesellschaften in Europa Ende des 19. Jahrhunderts sich zwar im Umbruch befanden, weitgehend aber noch von der Tradition geprägt waren und aus Alteingesessenen bestanden.
Andersons Stilisierung hat einen durchaus realen Hintergrund in der ganz anderen Wirklichkeit der USA. Ohio wurde im Wesentlichen erst im 19. Jahrhundert besiedelt, der Ort Winesburg etwa um 1830 gegründet, 60 Jahre vor der Handlung des Romans. Das bedeutet - und in vielen der Episoden bekommt man das auch mit - dass alle dort Lebenden "Zugezogene" sind und sich - was wiederum typisch für die USA ist - die Wanderungsbewegungen fortsetzen, laufend Menschen zu- und abwandern. Am Ende auch der Protagonist. Diese Situation gab den Menschen mehr Freiheit, da traditionelle Gerüste fehlten, warf sie andererseits, mangels stabiler sozialer Netzwerke, aber auch auf sich selbst zurück.
Dass Anderson nur solche Vereinzelten schildert, ist ein Kunstgriff, durch dem es ihm aber gelingt, diesen Zustand des Übergangs und der Flüchtigkeit in einer modernen Form (d.h. nicht Western & Lederstrumpf) einzufangen.
= Stil =
Passend zur Vereinzelung der Figuren gibt es sehr wenig Dialog. Rede ist meist Monolog. Dafür sprechen aber die Körper. Nicht nur in der Erzählung "Hands", sondern in vielen anderen auch, sind besonders die Hände äußerst beredt - wodurch es Anderson sehr gut gelingt, darzustellen, dass seine Figuren oft auf das Körperliche, auf nicht formulierbare Impulse zurückgeworfen sind. Logisch ist insofern auch, dass George Willard, der Schriftsteller werden will, erst allmählich seinen Körper, dann die Sprache zu beherrschen lernen muss - Letzteres aber nur wirklich möglich ist, wenn er den Ort verlässt.
= Erzähler / Schriftstellerei =
Unklar ist die Rolle des Erzählers. Zum einen gibt es den alten Schriftsteller im ersten Kapitel, dessen Buch der grotesken Figuren aber nie veröffentlicht wird. Und dann gibt es George Willard, der Schriftsteller werden will - und dem die meisten der Geschichten erzählt werden. Allerdings gibt es immer wieder Elemente, die George Willard nicht wissen kann sowie Ausblicke in die Zukunft. Ich vermute, dass der Erzähler eine Mischung aus den beiden Schriftstellern ist, einer, der sich Kate Swift (Kapitel "The Teacher") zum Vorbild genommen hat und wie sie aus dem Gewussten dichterisch weitere Details erfindet und ihre Erkenntnis befolgt: "Du darfst kein bloßer Wortkrämer werden. Was du lernen musst, ist zu begreifen, worüber die Menschen nachdenken, nicht was sie sagen."
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Dienstag, 6. Juli 2010
Robert Walser: Räuber-Roman
bernd_buch, 00:54h
Titel:
Der Text selbst hat keinen Titel, d.h. die Titel "Der Räuber" - oder in meiner Ausgabe "Räuber-Roman" - stammen von den Herausgebern. Die Figur des Räubers bezieht sich auf ein Aquarell von Roberts Bruder Karl Walser, das den 15-jährigen Robert im Kostüm als Karl Moor aus Schillers "Die Räuber" zeigt. Im Roman wird dieses Bild u.a. so beschrieben:
"Ein Aquarellbildchen, das ein jugendlicher, kaum dem Knabenalter entwachsener Maler ausführte gab uns zu all diesen kulturellen Zeilen den Anlaß. Freuen wir uns dieses Sieges der Kunst." (S. 148 in meiner Ausgabe - Robert Walser: Aus dem Bleistiftgebiet, Band 3)
Erzähler und Räuber:
Die beiden Figuren vermischen sich hier und da - wobei der Erzähler doch immer peinlich darum bemüht ist, sich vom Räuber abzugrenzen: "Ich bin ich, und er ist er. Ich habe Geld, und er hat keines. Darin besteht der große Unterschied." (S. 149) Das Doppelspiel bleibt aber oft undurchsichtig. Die Untaten des Räubers bestehen darin, schlecht gekleidet zu sein, Kellnerinnen anzuhimmeln, Texte zu plagieren - und ein Tagdieb zu sein. Der Erzähler, der auch Schriftsteller ist, ist ihm in Vielem ähnlich, nur ist er nicht nachlässig gekleidet, hält sich vordergründig an gewisse Regeln - und hat Geld.
Denken lässt sich bei diesem Doppelspiel natürlich auch an die Brüder Franz und Karl Moor in "Die Räuber".
Manuskript / Veröffentlichung:
Der Roman wurde erstmals 1972 veröffentlicht. Ob Walser ihn zu Lebzeiten veröffentlichten wollte, ist nicht bekannt. Eine Reinschrift hat sich nicht erhalten - was aber nichts bedeuten muss, da aus dieser Zeit auch bei zahlreichen anderen Walser-Texten, die in Zeitschriften etc. abgedruckt wurden, nur die Druckfassung und die "Bleistift-Fassung" bekannt sind, nicht aber die Reinschrift, die Walser notwendig erstellen musste, um einen Text anbieten zu können.
Aus veröffentlichten Texten, die aus der selben Zeit stammen, weiß man, dass Walser in der Regel die Bleistift-Entwürfe in der Reinschrift etwas gestrafft hat. Sehr groß sind die Unterschiede aber nicht. D.h. man kann davon ausgehen, dass das Räuber-Manuskript einer autorisierten Fassung ziemlich ähnlich wäre.
Dafür, dass der Text zu Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde, kommen mehrere Gründe in Frage:
- Walser hat eine Reinschrift erstellt, für das Buch aber keinen Verlag gefunden.
- Walser hat keine Reinschrift erstellt und das Buch nicht veröffentlichen wollen, weil ihm Teile davon zu persönlich waren.
- Walser wollte das Buch veröffentlichen, sah aber nach den Erfahrungen mit dem (verschollenen) Roman "Theodor", den er zwischen 1921 und ca. 1927 erfolglos mehreren Verlagen anbot, keine Möglichkeit, diesen Roman irgendwo unterzubringen.
Form / Stil:
Wie immer bei Walser, dessen Werk ja überwiegend aus "Prosastücken" besteht, die sich in keine Kategorie so recht einordnen lassen, werden alte literarische Formen veräppelt, verhackstückt oder auch abgekanzelt: "Irgend etwas in sich nicht genügend Begründetes schwoll und quoll in dem Buch hoch empor. Gott, wie sich diese Figürchen da mit Ermunterung ihres Autors wichtig nahmen" (Räuber-Roman, S. 122). Der Räuber hingegen wird ein "Lump" genannt - "Und warum sagten sie ihm das? Ganz einfach deshalb, weil ihm immer noch kein passender Roman erstand" (S. 109).
Wie Walser bestimmte Konventionen - Charakterisierung von Figuren, Psychologie, Szenen- und Landschaftsbeschreibungen umformt - ist an folgender Stelle gut zu sehen:
"Der Räuber kam nun zu einem nicht mehr vorhandenen alten Haus, oder besser gesprochen, zu einem alten Haus, das man wegen seines Altertums abgebrochen hatte und jetzt nicht mehr dastand, indem es aufgehört hatte, sich bemerklich zu machen. Er kam also rund herausgesagt zu einer Stelle, an der einst ein Haus gestanden hatte. Diese Umschweife, die ich da mache, haben den Zweck, Zeit auszufüllen, denn ich muss zu einem Buch von einigem Umfang kommen, da ich sonst noch tiefer verachtet werde, als ich bereits bin. Es kann unmöglich so weitergehen" (S. 84).
Hier stellt sich spielerisch die Frage, warum, wenn Häuser wegen Altertums abgebrochen werden, überkomme Erzählformen stehen bleiben sollen. Die Antwort: Die Romankonventionen erfordern es, und Seiten müssen nun eben mal gefüllt werden. Da die Konventionen fix sind, ist es auch gar nicht erforderlich sich etwas auszudenken, weitgehend gleichartige Beschreibungen sind ja zur Genüge vorhanden: "Aus den Urwäldern, so liest man in Zeitungen, ragen vor den Augen staunender Reisender riesige Bauten auf" (S. 29). Und: "Bevor er Wanda kennenlernte, hatte er zahlreiche Landschaftseindrücke geraubt. Merkwürdiger Beruf, das" (S. 30).
Im vorletzten Abschnitt wird hingegen eine Szene einmal ganz konventionell aufgebaut: Ort = Kirche, Zeit = anberaumte Stunde (15 h 30), Personal = Repräsentantinnen, Stimmung = angeregt, gespannt. Und dann hält Walser die Zeit an: "Natürlich machte die Zeit von Minute zu Minute Fortschritte. Daß sie nie den Einfall hat, endlich einmal stillzustehen, berührt manchen intelligenten Menschen als etwas Eigentümliches. Es wäre so interessant, so neu, wenn alles, alles gleichsam friedlich im Bettchen läge und schliefe und ruhte, ruhte. Aber das wird vermutlich nie vorkommen" (S 136).
Ähnlich setzt Walser Vorgriffe und Abschweifungen ein. Gleich die Eröffnung - das gehört für mich zu den schönsten zwei Sätzen in der Literatur - schafft hier gewissermaßen Klarheit: "Edith liebt ihn. Hievon nachher mehr." Um zu diesem Satz zu kommen, brauchen andere 80 Seiten "hievon". "Übrigens scheinen uns das selbstverständlich zunächst nur Phrasen" (S. 72).
Summa summarum:
Lieber hätte ich hier natürlich unzählige Lieblingsstellen zitiert - das Buch ist ja voll von allersaftigsten Formulierungen. Und sehr sehr lustig! Ganz einfach zu lesen ists zwar nicht, und man muss sich an Sprachstil und Satzkonstruktionen ein wenig gewöhnen. Wie ans Trinken von schwarzem Kaffee: " 'Weg mit der Milch, sie schmeckt mir einfach nicht, dagegen aber her mit dem Kaffee, denn er schmeckt mir.' Wie das in die Nacht hinaustönte, dieses Miclhgeringschätzen, dieses Kaffeepreisen.
Der Text selbst hat keinen Titel, d.h. die Titel "Der Räuber" - oder in meiner Ausgabe "Räuber-Roman" - stammen von den Herausgebern. Die Figur des Räubers bezieht sich auf ein Aquarell von Roberts Bruder Karl Walser, das den 15-jährigen Robert im Kostüm als Karl Moor aus Schillers "Die Räuber" zeigt. Im Roman wird dieses Bild u.a. so beschrieben:
"Ein Aquarellbildchen, das ein jugendlicher, kaum dem Knabenalter entwachsener Maler ausführte gab uns zu all diesen kulturellen Zeilen den Anlaß. Freuen wir uns dieses Sieges der Kunst." (S. 148 in meiner Ausgabe - Robert Walser: Aus dem Bleistiftgebiet, Band 3)
Erzähler und Räuber:
Die beiden Figuren vermischen sich hier und da - wobei der Erzähler doch immer peinlich darum bemüht ist, sich vom Räuber abzugrenzen: "Ich bin ich, und er ist er. Ich habe Geld, und er hat keines. Darin besteht der große Unterschied." (S. 149) Das Doppelspiel bleibt aber oft undurchsichtig. Die Untaten des Räubers bestehen darin, schlecht gekleidet zu sein, Kellnerinnen anzuhimmeln, Texte zu plagieren - und ein Tagdieb zu sein. Der Erzähler, der auch Schriftsteller ist, ist ihm in Vielem ähnlich, nur ist er nicht nachlässig gekleidet, hält sich vordergründig an gewisse Regeln - und hat Geld.
Denken lässt sich bei diesem Doppelspiel natürlich auch an die Brüder Franz und Karl Moor in "Die Räuber".
Manuskript / Veröffentlichung:
Der Roman wurde erstmals 1972 veröffentlicht. Ob Walser ihn zu Lebzeiten veröffentlichten wollte, ist nicht bekannt. Eine Reinschrift hat sich nicht erhalten - was aber nichts bedeuten muss, da aus dieser Zeit auch bei zahlreichen anderen Walser-Texten, die in Zeitschriften etc. abgedruckt wurden, nur die Druckfassung und die "Bleistift-Fassung" bekannt sind, nicht aber die Reinschrift, die Walser notwendig erstellen musste, um einen Text anbieten zu können.
Aus veröffentlichten Texten, die aus der selben Zeit stammen, weiß man, dass Walser in der Regel die Bleistift-Entwürfe in der Reinschrift etwas gestrafft hat. Sehr groß sind die Unterschiede aber nicht. D.h. man kann davon ausgehen, dass das Räuber-Manuskript einer autorisierten Fassung ziemlich ähnlich wäre.
Dafür, dass der Text zu Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde, kommen mehrere Gründe in Frage:
- Walser hat eine Reinschrift erstellt, für das Buch aber keinen Verlag gefunden.
- Walser hat keine Reinschrift erstellt und das Buch nicht veröffentlichen wollen, weil ihm Teile davon zu persönlich waren.
- Walser wollte das Buch veröffentlichen, sah aber nach den Erfahrungen mit dem (verschollenen) Roman "Theodor", den er zwischen 1921 und ca. 1927 erfolglos mehreren Verlagen anbot, keine Möglichkeit, diesen Roman irgendwo unterzubringen.
Form / Stil:
Wie immer bei Walser, dessen Werk ja überwiegend aus "Prosastücken" besteht, die sich in keine Kategorie so recht einordnen lassen, werden alte literarische Formen veräppelt, verhackstückt oder auch abgekanzelt: "Irgend etwas in sich nicht genügend Begründetes schwoll und quoll in dem Buch hoch empor. Gott, wie sich diese Figürchen da mit Ermunterung ihres Autors wichtig nahmen" (Räuber-Roman, S. 122). Der Räuber hingegen wird ein "Lump" genannt - "Und warum sagten sie ihm das? Ganz einfach deshalb, weil ihm immer noch kein passender Roman erstand" (S. 109).
Wie Walser bestimmte Konventionen - Charakterisierung von Figuren, Psychologie, Szenen- und Landschaftsbeschreibungen umformt - ist an folgender Stelle gut zu sehen:
"Der Räuber kam nun zu einem nicht mehr vorhandenen alten Haus, oder besser gesprochen, zu einem alten Haus, das man wegen seines Altertums abgebrochen hatte und jetzt nicht mehr dastand, indem es aufgehört hatte, sich bemerklich zu machen. Er kam also rund herausgesagt zu einer Stelle, an der einst ein Haus gestanden hatte. Diese Umschweife, die ich da mache, haben den Zweck, Zeit auszufüllen, denn ich muss zu einem Buch von einigem Umfang kommen, da ich sonst noch tiefer verachtet werde, als ich bereits bin. Es kann unmöglich so weitergehen" (S. 84).
Hier stellt sich spielerisch die Frage, warum, wenn Häuser wegen Altertums abgebrochen werden, überkomme Erzählformen stehen bleiben sollen. Die Antwort: Die Romankonventionen erfordern es, und Seiten müssen nun eben mal gefüllt werden. Da die Konventionen fix sind, ist es auch gar nicht erforderlich sich etwas auszudenken, weitgehend gleichartige Beschreibungen sind ja zur Genüge vorhanden: "Aus den Urwäldern, so liest man in Zeitungen, ragen vor den Augen staunender Reisender riesige Bauten auf" (S. 29). Und: "Bevor er Wanda kennenlernte, hatte er zahlreiche Landschaftseindrücke geraubt. Merkwürdiger Beruf, das" (S. 30).
Im vorletzten Abschnitt wird hingegen eine Szene einmal ganz konventionell aufgebaut: Ort = Kirche, Zeit = anberaumte Stunde (15 h 30), Personal = Repräsentantinnen, Stimmung = angeregt, gespannt. Und dann hält Walser die Zeit an: "Natürlich machte die Zeit von Minute zu Minute Fortschritte. Daß sie nie den Einfall hat, endlich einmal stillzustehen, berührt manchen intelligenten Menschen als etwas Eigentümliches. Es wäre so interessant, so neu, wenn alles, alles gleichsam friedlich im Bettchen läge und schliefe und ruhte, ruhte. Aber das wird vermutlich nie vorkommen" (S 136).
Ähnlich setzt Walser Vorgriffe und Abschweifungen ein. Gleich die Eröffnung - das gehört für mich zu den schönsten zwei Sätzen in der Literatur - schafft hier gewissermaßen Klarheit: "Edith liebt ihn. Hievon nachher mehr." Um zu diesem Satz zu kommen, brauchen andere 80 Seiten "hievon". "Übrigens scheinen uns das selbstverständlich zunächst nur Phrasen" (S. 72).
Summa summarum:
Lieber hätte ich hier natürlich unzählige Lieblingsstellen zitiert - das Buch ist ja voll von allersaftigsten Formulierungen. Und sehr sehr lustig! Ganz einfach zu lesen ists zwar nicht, und man muss sich an Sprachstil und Satzkonstruktionen ein wenig gewöhnen. Wie ans Trinken von schwarzem Kaffee: " 'Weg mit der Milch, sie schmeckt mir einfach nicht, dagegen aber her mit dem Kaffee, denn er schmeckt mir.' Wie das in die Nacht hinaustönte, dieses Miclhgeringschätzen, dieses Kaffeepreisen.
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