Dienstag, 5. Januar 2010
Atemschaukel - 1. Drittel
Ich habe nun ein Drittel des Buchs gelesen. Zwischenfazit: Es ist so mittel.

Bei anderer Lektüre hatte ich mal gesagt, dass ich mit Büchern vom Ende des 2. Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht viel anfangen kann. Es ist alles zu grau, grässlich, hoffnungslos und öde. Das ist keine literarische Bewertung. Mir ging es z.B. so bei "Asche und Diamant" und bei "Die Haut".

Müller schreibt zwar viel später, aber von einer Distanz - die sie sowieso hat und der Erzähler auch, der 60 Jahre nach den Ereignissen spricht (S. 33) - ist nichts zu merken. Und annehmen könnte man ja, dass 60 Jahre in das Erinnern und Erzählen Dinge aus der inzwischen verstrichenen Zeit einschmuggeln. Passiert aber nicht. Leider.

Dass diese Zeit ums Ende des 2. Weltkriegs auch ganz anders dargestellt werden kann, sehe ich gerade in Pynchons "Gravity's Rainbow". Dass mir das gefällt und Müller nicht so sehr hat sicher auch damit zu tun, dass ich Müllers Ton - der in sich stimmig ist - nicht mag: Osteuropäische Magerlyrik in zu vielen Wörtern.

Noch ein paar Details zur Zwischenbilanz:

- Gelungen ist oft der Ton, und immer mal wieder gibt es schöne Bilder, z.B. "Ich wollte weg aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen haben." (S.7) Nicht immer funktionieren solche Bilder: "Ich war mein eigener Dieb, die Wörter fielen unverhofft und erwischten mich." (S. 10) - Hier leuchtet mir das "mein eigener" nicht ein. Warum nicht: "Ich war ein Dieb..."? Bei der schönen Passage zum "Schneeverrat" (S. 18) nehme ich dem Erz. (und Müller) nicht ab, dass die Worte und Bilder von Trudi Pelikan stammen.

- Typografie: Die häufige Großschreibung stört mich. Und: Ist es wirklich notwendig, auf Fragezeichen zu verzichten?

- Gelegentlich wäre weniger mehr. Auf S. 26 steht der leuchtend schöne Satz: "Der Name MELDEKRAUT ist ein starkes Stück und besagt überhaupt nichts." Leider folgt darauf eine Ausführung über das Wort "melden" und den "Appell". Schade. - Und: "Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden." (S.25) Dafür werden aber ziemlich viele gemacht.

- Auch das dichte Kapitel "Zement" mit seinen Variationen und Steigerungen bei doch bleibender Monotonie wird leider am Ende verhunzt durch die Gedanken zum Papier und die hereinplatzenden Verslein.

- Warum das Kapitel "Von strengen Menschen" (S. 64ff.) im Präsens geschrieben ist, habe ich nicht verstanden.

... comment