Sonntag, 7. Februar 2010
Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen / 1. Hälfte
bernd_buch, 21:54h
Der Roman von Kertész, den ich nun bis einschließlich des 5. Kapitels gelesen habe, gefällt mir bislang sehr sehr gut: Ausgesprochen gelungen, ja beschwingend, bezaubernd schön finde ich Stil und Sprache. Wie in Mareks Protokoll ja schon erwähnt, handelt es sich dabei nicht um den Versuch, Jugendsprache der Zeit realistisch wiederzugeben; Kertész gelingt es einen Stil zu finden, in dem das naive, buben- und pennälerhafte einer solchen Jugendperspektive aufs Schönste kunstvoll in oft lustige Satzperioden geformt wird. Sehr gelungen ist der Einsatz von Floskeln, die dem Ton einerseits seine Leichtigkeit geben, andererseits gerade den Schrecken, der als solcher bewusst ja fast gar nicht wahrgenommen wird, elegant und vertrackt doch wieder einfließen lässt:
"In der Nähe unseres Lagers liegt - wie ich erfahre - eine bildungsmäßig gesehen namhafte Stadt, Weimar, deren Ruhm zuhause auch schon Lehrstoff gewesen war, versteht sich: hier hatte unter anderen jener Mann gelebt und gewirkt, dessen Gedicht 'Wer reitet so spät durch Nacht und Wind auch ich ohne Buch auswendig kann und von dem sich hier irgendwo - wie es heißt - ein eigenhändig gepflanzter und seither tiefverwurzelter und weitverzweigter Baum, mit einer Gedenktafel versehen und vor uns Häftlingen durch einen Zaun geschützt, auf dem Lagergelände befindet - so heißt es." (S. 188)
Diese, wie viele andere, traumhaft schöne und ungemein treffend gedrechselte Satzkonstruktionen werden in ihrem Effekt noch verstärkt durch die indirekte Rede, durch regelmäßig eingestreute Zitatfetzen und immer auch mal wieder durch abstrus übergenaue Angaben unwichtigster Details: "Das Ganze, der ganz Vorfall, hat ungefähr so drei bis vier Minuten beansprucht, wenn ich genau sein wollte." (S. 141) "Die Untersuchung selbst kann im übrigen nicht mehr als etwa zwei, drei Sekunden (annähernd) gedauert habe." (S. 126)
Am ehesten erinnert mich Kertész Stil an Robert Walsers erstes Prosabuch, Fritz Kochers Aufsätze, in dem eben bewusst auch der schülerhafte Stil Kobolz schlägt:
"Unsere Stadt hat viel Industrie, das kommt, weil sie viele Fabriken hat. Fabriken und ihre Umgebung sehen unschön aus. Da ist die Luft schwarz und dick, und ich begreife nicht, warum man sich mit so unsauberen Dingen abgeben kann. Ich bekümmere mich nicht, was in den Fabriken gemacht wird. Ich weiß nur, daß alle armen Leute in der Fabrik arbeiten, vielleicht zur Strafe, daß sie so arm sind. Wir haben hübsche Straßen, und überall blicken grüne Bäume zwischen den Häusern hervor. Wenn es regnet, sind die Straßen recht schmutzig. Bei uns wird wenig für die Straßen getan. Vater sagt das." ("Unsere Stadt", in: Fritz Kochers Aufsätze, S. 36)
Was den Aufbau von Kertész' Roman betrifft, finde ich es sehr gelungen, dass - vor allem zu Beginn - mehrmals zwischen den Kapiteln ein Zeitsprung stattfindet - ohne dass groß vermittelt wird, was mittlerweile geschah. Man ist so im Geschehen, in der unmittelbaren Sicht des Erzählers viel stärker gefangen, als wenn alles erklärt und abgerundet würde.
Inhaltlich gelingt es Kertész durch den naiven Ton Eines, der nicht so recht versteht, was da geschieht, aber dennoch versucht, sich dazu so seine Gedanken zu machen, vieles wunderbar auf den Punkt zu bringen. Die Methode ist hier ausgeführt:
"Im ersten Augenblick betrachtete ich die Figur nur mit Kunstverstand, ja - so, wie wir es in der Schule gelernt hatten - ohne jede Absicht, erst dann kam mir in den Sinn, daß sie ja bestimmt auch etwas zu bedeuten hatte ..." (S. 182)
Und dieses selbgeschnitzte Denken führt immer wieder zu treffenden Überlegungen, wie bei der Diskussion mit den Mädchen darüber, warum die anderen Menschen die Juden verachten:
"Sie wollte von uns wissen, wie wir es mit unserer Verschiedenheit hielten, ob wir stolz darauf seien oder uns eher schämten. Ihre Schwester und Annamaria wußten es nicht so recht. Auch ich habe bis jetzt noch keinen Anlaß für solche Gefühle gesehen. Und überhaupt, man kann doch diesen Unterschied nicht einfach selbst bestimmen: schließlich ist ja genau dafür der gelbe Stern da, soviel ich weiß." (S. 54)
Übrigens & am Rande: Auf Seite 148/149 wird, denke ich, auf Dostojewskis Roman "Erinnerungen aus einem Totenhaus" angespielt - auch das evtl. ein Buch für unsere Reihe.
"In der Nähe unseres Lagers liegt - wie ich erfahre - eine bildungsmäßig gesehen namhafte Stadt, Weimar, deren Ruhm zuhause auch schon Lehrstoff gewesen war, versteht sich: hier hatte unter anderen jener Mann gelebt und gewirkt, dessen Gedicht 'Wer reitet so spät durch Nacht und Wind auch ich ohne Buch auswendig kann und von dem sich hier irgendwo - wie es heißt - ein eigenhändig gepflanzter und seither tiefverwurzelter und weitverzweigter Baum, mit einer Gedenktafel versehen und vor uns Häftlingen durch einen Zaun geschützt, auf dem Lagergelände befindet - so heißt es." (S. 188)
Diese, wie viele andere, traumhaft schöne und ungemein treffend gedrechselte Satzkonstruktionen werden in ihrem Effekt noch verstärkt durch die indirekte Rede, durch regelmäßig eingestreute Zitatfetzen und immer auch mal wieder durch abstrus übergenaue Angaben unwichtigster Details: "Das Ganze, der ganz Vorfall, hat ungefähr so drei bis vier Minuten beansprucht, wenn ich genau sein wollte." (S. 141) "Die Untersuchung selbst kann im übrigen nicht mehr als etwa zwei, drei Sekunden (annähernd) gedauert habe." (S. 126)
Am ehesten erinnert mich Kertész Stil an Robert Walsers erstes Prosabuch, Fritz Kochers Aufsätze, in dem eben bewusst auch der schülerhafte Stil Kobolz schlägt:
"Unsere Stadt hat viel Industrie, das kommt, weil sie viele Fabriken hat. Fabriken und ihre Umgebung sehen unschön aus. Da ist die Luft schwarz und dick, und ich begreife nicht, warum man sich mit so unsauberen Dingen abgeben kann. Ich bekümmere mich nicht, was in den Fabriken gemacht wird. Ich weiß nur, daß alle armen Leute in der Fabrik arbeiten, vielleicht zur Strafe, daß sie so arm sind. Wir haben hübsche Straßen, und überall blicken grüne Bäume zwischen den Häusern hervor. Wenn es regnet, sind die Straßen recht schmutzig. Bei uns wird wenig für die Straßen getan. Vater sagt das." ("Unsere Stadt", in: Fritz Kochers Aufsätze, S. 36)
Was den Aufbau von Kertész' Roman betrifft, finde ich es sehr gelungen, dass - vor allem zu Beginn - mehrmals zwischen den Kapiteln ein Zeitsprung stattfindet - ohne dass groß vermittelt wird, was mittlerweile geschah. Man ist so im Geschehen, in der unmittelbaren Sicht des Erzählers viel stärker gefangen, als wenn alles erklärt und abgerundet würde.
Inhaltlich gelingt es Kertész durch den naiven Ton Eines, der nicht so recht versteht, was da geschieht, aber dennoch versucht, sich dazu so seine Gedanken zu machen, vieles wunderbar auf den Punkt zu bringen. Die Methode ist hier ausgeführt:
"Im ersten Augenblick betrachtete ich die Figur nur mit Kunstverstand, ja - so, wie wir es in der Schule gelernt hatten - ohne jede Absicht, erst dann kam mir in den Sinn, daß sie ja bestimmt auch etwas zu bedeuten hatte ..." (S. 182)
Und dieses selbgeschnitzte Denken führt immer wieder zu treffenden Überlegungen, wie bei der Diskussion mit den Mädchen darüber, warum die anderen Menschen die Juden verachten:
"Sie wollte von uns wissen, wie wir es mit unserer Verschiedenheit hielten, ob wir stolz darauf seien oder uns eher schämten. Ihre Schwester und Annamaria wußten es nicht so recht. Auch ich habe bis jetzt noch keinen Anlaß für solche Gefühle gesehen. Und überhaupt, man kann doch diesen Unterschied nicht einfach selbst bestimmen: schließlich ist ja genau dafür der gelbe Stern da, soviel ich weiß." (S. 54)
Übrigens & am Rande: Auf Seite 148/149 wird, denke ich, auf Dostojewskis Roman "Erinnerungen aus einem Totenhaus" angespielt - auch das evtl. ein Buch für unsere Reihe.
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marek_bergmann,
Dienstag, 16. Februar 2010, 22:20
Danke, Bernd. Die Sache mit den Zeitsprünge ist mir so gar nicht explizit aufgefallen. Dagegen war ich sehr angetan davon, wie dynamisch das Buch beginnt. Ich glaube, die Zeitsprünge tragen dazu bei und entschärfen so die Last, welche wegen der Thematik über dem Buch hängt. Kertész hat dies vermutlich ganz bewußt so gebaut ist, damit man das Buch eben als fiktiven Roman und nicht historischen Bericht liest.
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