Freitag, 5. März 2010
Levi-Kertesz-Müller Eine Rückwärts-Lektüre
adel-livre, 15:53h
Levis Buch wirkt im Vergleich zu Kertecz und Müller mehr wie ein Bericht, die erzählende Hauptfigur scheint mehr Distanz zu haben.
Schlimme Erlebnisse und vernichtende Gefühle (z.B. im Labor, wo die Gefangenen merken, wie sie auf die weiblichen Assistentinnen wirken) treffen den Leser aber gerade deshalb oft besonders heftig; möglicherweise ist dies das traurigste, tragischste Buch der Reihe. Auch die Titelfrage deutet darauf hin Die Opfer einer unmenschlichen Behandlung verlieren ihre Menschlichkeit. Das ist zutiefst schockierend, sollte doch zuerst die Menschlichkeit der TÄTER angezweifelt werden. Doch offensichtlich ist die Menschenwürde, die laut Grundgesetz nicht angetastet werden darf, durchaus "antastbar".
Eigentlich haben wir unsere Reihe in der "falschen" Reihenfolge angelegt: Levis Buch ist zuerst erschienen, Müllers zuletzt. Müller wie Kertesz kannten Levi und haben ihre Bücher bewusst davon abgesetzt. Das sowjetische Arbeitslager kommt auch historisch zuletzt, mit Levis Buch im Hintergrund versteht man viele Details aus dem "Roman eines Schicksallosen" besser. Leichter wäre also die Reihenfolge: Levi-Kertesz-Müller. Doch ein gut geführter Zirkel darf es sich schwer machen...Und die umgekehrte Reihenfolge hat den ausgesprochenen Reiz, dass die Fakten, die zuletzt (von Levi) kommen, die Romane von Müller und Kertesz auf ein solideres Fundament stellen.
Das gilt vor allem für dieThemen, die in allen drei Büchern vorkommen: An erster Stelle der Hunger, dann die Bedeutung des Gehenkönnens und der Schuhe, nicht zuletzt aber die Krankheiten. In gewisser Weise beglaubigen die drei Bücher sich gegenseitig.
In allen drei Geschichten ist am Anfang eine Gemeinschaft da, die sich spätestens beim Transport herausbildet: Nach dem Transport ins Lager verlieren sich diese Menschen, es folgt eine Phase der Vereinsamung. Schließlich finden die Erzähler neue, hilfreiche Menschen. Sie kommen aus verschiedenen Ländern. Bei Levi sind es zum Beispiel die zwei Franzosen. Dadurch werden Sprache und Verständigung zum Thema.
Zur Düsternis von Levis Buch trägt auch bei, dass hier die Lebenden und die Toten so nah beieinander sind, oft tagelang im selben Raum liegen (Bei Kertesz ist das einmal so, als er mit einem gestorbenen Jungen im Bett liegt und dessen Ration verzehrt.)
In allen drei Lager-Büchern geht es meiner Ansicht auch um die Fundamente von Kultur und Zusammenleben. Das wirft die alte Frage auf: Warum wehren sich die Menschen nicht, wenn diese Fundamente in Frage gestellt werden? Welche Rolle spielen dabei die diffizilen und irrationalen Regelwerke, die in den Lagern gelten - und deren Übertretung tödlich wäre? Inwiefern nehmen also gerade sie den Menschen, die ihnen unterworfen werden, das Mensch-Sein?
Alle drei Bücher zeigen, wie Menschen sich unter diesen Bedingungen entwickeln, wie sie sich zueinander verhalten, und wie das vom jeweiligen "Charakter" geprägt wird.
Ich finde - nun in unserer Reihenfolge betrachtet:
Herta Müller wirft am heftigsten die Frage auf, ob ein Mensch sich nach dem Lager wieder in die "normale" Gesellschaft draußen einfädeln kann.
Imre Kertesz wirft am heftigsten die Frage auf, ob und wie ein Mensch nach dem Lager über das Lager Auskunft geben kann.
Primo Levi wirft am heftigsten die Frage auf, ob dieser Mensch dann noch ein Mensch ist.
Immerhin: Die Frage von Kertesz haben alle drei mit "Ja" beantwortet.
Schlimme Erlebnisse und vernichtende Gefühle (z.B. im Labor, wo die Gefangenen merken, wie sie auf die weiblichen Assistentinnen wirken) treffen den Leser aber gerade deshalb oft besonders heftig; möglicherweise ist dies das traurigste, tragischste Buch der Reihe. Auch die Titelfrage deutet darauf hin Die Opfer einer unmenschlichen Behandlung verlieren ihre Menschlichkeit. Das ist zutiefst schockierend, sollte doch zuerst die Menschlichkeit der TÄTER angezweifelt werden. Doch offensichtlich ist die Menschenwürde, die laut Grundgesetz nicht angetastet werden darf, durchaus "antastbar".
Eigentlich haben wir unsere Reihe in der "falschen" Reihenfolge angelegt: Levis Buch ist zuerst erschienen, Müllers zuletzt. Müller wie Kertesz kannten Levi und haben ihre Bücher bewusst davon abgesetzt. Das sowjetische Arbeitslager kommt auch historisch zuletzt, mit Levis Buch im Hintergrund versteht man viele Details aus dem "Roman eines Schicksallosen" besser. Leichter wäre also die Reihenfolge: Levi-Kertesz-Müller. Doch ein gut geführter Zirkel darf es sich schwer machen...Und die umgekehrte Reihenfolge hat den ausgesprochenen Reiz, dass die Fakten, die zuletzt (von Levi) kommen, die Romane von Müller und Kertesz auf ein solideres Fundament stellen.
Das gilt vor allem für dieThemen, die in allen drei Büchern vorkommen: An erster Stelle der Hunger, dann die Bedeutung des Gehenkönnens und der Schuhe, nicht zuletzt aber die Krankheiten. In gewisser Weise beglaubigen die drei Bücher sich gegenseitig.
In allen drei Geschichten ist am Anfang eine Gemeinschaft da, die sich spätestens beim Transport herausbildet: Nach dem Transport ins Lager verlieren sich diese Menschen, es folgt eine Phase der Vereinsamung. Schließlich finden die Erzähler neue, hilfreiche Menschen. Sie kommen aus verschiedenen Ländern. Bei Levi sind es zum Beispiel die zwei Franzosen. Dadurch werden Sprache und Verständigung zum Thema.
Zur Düsternis von Levis Buch trägt auch bei, dass hier die Lebenden und die Toten so nah beieinander sind, oft tagelang im selben Raum liegen (Bei Kertesz ist das einmal so, als er mit einem gestorbenen Jungen im Bett liegt und dessen Ration verzehrt.)
In allen drei Lager-Büchern geht es meiner Ansicht auch um die Fundamente von Kultur und Zusammenleben. Das wirft die alte Frage auf: Warum wehren sich die Menschen nicht, wenn diese Fundamente in Frage gestellt werden? Welche Rolle spielen dabei die diffizilen und irrationalen Regelwerke, die in den Lagern gelten - und deren Übertretung tödlich wäre? Inwiefern nehmen also gerade sie den Menschen, die ihnen unterworfen werden, das Mensch-Sein?
Alle drei Bücher zeigen, wie Menschen sich unter diesen Bedingungen entwickeln, wie sie sich zueinander verhalten, und wie das vom jeweiligen "Charakter" geprägt wird.
Ich finde - nun in unserer Reihenfolge betrachtet:
Herta Müller wirft am heftigsten die Frage auf, ob ein Mensch sich nach dem Lager wieder in die "normale" Gesellschaft draußen einfädeln kann.
Imre Kertesz wirft am heftigsten die Frage auf, ob und wie ein Mensch nach dem Lager über das Lager Auskunft geben kann.
Primo Levi wirft am heftigsten die Frage auf, ob dieser Mensch dann noch ein Mensch ist.
Immerhin: Die Frage von Kertesz haben alle drei mit "Ja" beantwortet.
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