Freitag, 24. September 2010
Alice Munro: Runaway / Tricks
(Ich schreibe nach und nach, wie ich die Erzählungen lese, auf, was mir dazu einfällt.)
Merkwürdig ist, dass der deutsche Verlag den Titel geändert hat. Die englische Ausgabe heißt nach der ersten Erzählung "Runaway" (Ausreißerin), die deutsche nach einer anderen Erzählung "Tricks".

= Runaway =

Gut gearbeitet ist hier der Aufbau - der Einstieg, mit der Rückkehr der Nachbarin und die allmähliche Einführung der Figuren. Gelungen fand ich auch die hin und wieder eingestreuten sehr kurzen Rückblenden, die so gestaltet sind, dass sie den Fluss der Erzählung nicht stören.

Gefallen hat mit diese Geschichte nicht. Sie ist zu sehr mit Symbolik überfrachtet, wobei mich besonders stört, wie Munro hierfür reichlich platt Wetter und Tiere benutzt. Erst ist mitten im Sommer Dauerregen und die Atmosphäre entsprechend gedrückt. Dann, mit der Wende (der Umkehr) bricht sofort der Sommer aus. Die Ziege als ganz tradionelles (wenn auch doppeltes) Symbol ist ärgerlich: Erst hat sie etwas Teuflisches an sich - wie sie aus dem Nebel auftaucht, dann wird sie zum Sündenbock gemacht. Sehr abgegriffen und platt.

= Chance =

Sehr gut gefällt mir hier der Einstieg: Ohne viel Umstände geht es mitten in die Geschichte hinein und durch das Präsens wird man an die ja schon etwas zurückliegenden Geschehnisse jäh rangezoomt. Nachdem es so ökonomisch und ohne große Erklärungen beginnt, hat mich dann umso mehr gestört, dass Munro nach einigen Seiten plötzlich das Handbuch für kreatives Schreiben aus dem Ranzen zieht (in dem so Sachen stehen wie, man solle Setting und Personen sehr detailliert beschreiben, damit sich der Leser das Ganze bildlich gut vorstellen kann). In zwei Abschnitten wird einem ein Katalog von Dingen über Juliet an den Kopf geworfen, die besser entweder über die Geschichte verstreut worden wären - oder auch ganz hätten wegbleiben dürfen. Ähnlich fehl am Platz fand ich die genaue Beschreibung der Kleidung des Fremden im Zug (die wahrscheinlich nur gegeben wird, damit Juliet sie später, als sie nachfragt, beschreiben kann).

Ansonsten: Das Späßchen mit der Verwechselung von Menstruationsblut & Blut des Überfahrenen fand ich sehr an den Haaren herbeigezogen. Auch die griechische Mythologie hat mich genervt: Das kommt sehr bedeutungsschwanger daher. Über die Verbindung Sternbilder - Griechische Mythologie die Verkupplung von rauem Fischer und mauerblümchenhafter Altphilologin herzustellen ist abgeschmackt und einfach nur doof.

P.S.: Eine Frage: Wie ist denn das, was Ailo sagt, übersetzt? Im Original spricht sie grammatisch / syntaktisch falsches Englisch.

= Soon & Silence =

Zu Anfang hatte ich mich gefreut, dass es mit Juliet weitergeht. Die Geschichte zuvor endet ja sehr plötzlich. Gefreut hatte ich mich auch über das Chagall-Bild zu Anfang von "Soon", allerdings aus Gründen, die mit Literatur nichts zu tun haben: Meine Eltern hatten das Bild sehr lange im Wohnzimmer hängen (nein, ich habe ihnen den Druck nicht geschenkt :-)

Literarisch sind beide Erzählungen dann aber leider sehr schlecht: Schlampig gearbeitet, voller Klischees, Kitsch und falscher Details. Im Einzelnen:

- Details / Material: Ende der 1960er Jahre gab es, anders als is "Soon", keine Autokindersitze. Und um 1980 herum sind, anders als Penelope in "Silence", 13-jährige Mädchen nicht bauchnabelfrei mit Rubbeltatoo herumgelaufen.

- Kitsch & Klischees: Bereits in "Soon", mehr aber noch in "Silence" wird weniger erzählt, als mit Versatzstücken gebastelt. Juliet und Eric streiten, schicken das Kind in die Sommerfrische - und am nächsten Tag ertrinkt Eric im Meer. - Alles klar. - Und, kurz davor, muss ich lesen (meine Übersetzung): "Manchmal glaubte er, dass sie ihm etwas vorspielte, die Sache nur ausreizte, und dann wieder war er voll echter Trauer darüber, dass er sie hatte leiden lassen. Ihre Trauer erregte sie beide, und sie liebten sich dann großartig. Und jedes Mal dachte er, nun sei es vorbei, dass ihre Leiden ein Ende hätten. Und jedes mal lag er falsch." - Da wird mir schlecht. Und das ist nur eine von vielen Stellen.

- Schlamperei:
* Als Juliet Einzelheiten über Irenes Mann und Kinder erfährt, wird nachgeschoben, Juliet habe das erfahren, weil sie Irene gefragt und aus den Antworten weiteres geschlossen habe. Diese bemühte, nachgereichte Erklärung wirkt, als glaubte Munro, wir würden es ihr andernfalls nicht glauben.

* Die Ilse Koch, mit der Juliet in ihrem Brief an Eric Irene vergleicht, war die Frau des Kommandanten des KZ Buchenwald. Dass darauf im Brief so beiläufig angespielt wird, als wüssten Juliet & Eric selbstverständlich, wer das sei, ist wenig überzeugend (dass Munro sich für diese Person interessiert, glaube ich sofort).

* Ziemlich am Anfang von "Silence" wird kursiv wiedergegeben, was Juliet hätte gesagt haben können. Das passt nicht in den Erzählduktus / die Erzählperspektive, die, wenn auch nicht in der Ich-Form gehalten, sich doch eng an die Perspektive Juliets anlehnt.

* Als Juliet mit ihrer Doktorarbeit beginnt, wird der antike griechische Roman viel zu ausführlich erläutert. Es ist ein bloßer Infohappen für den Leser, der vermutlich eingerückt wurde, weil, zum einen Munro das alles recherchiert hat, zum anderen, weil recht bemüht Parallelen zwischen Juliet / Penelope und der Aethiopika hergestellt werden sollen.

* Die gesamte zweite Hälfte von "Silence" wirkt, als habe sich Munro im Laufe der Arbeit an der Juliet-Figur allerhand Notizen gemacht, sie dann aber nicht ausgearbeitet. Diese Fragmente werden einem thesenhaft um die Ohren geschlagen.

Insgesamt: Ich habe mich über Munros Erzählungen sehr geärgert. Konventionelle Dutzendware, Kitsch für Frauenzeitschriften. Die restlichen Erzählungen in dem Band werde ich nicht lesen.
(Sehr schade ist, dass ich mich mit Euch über das Buch nicht unterhalten kann. Wenn man solche Sachen aufschreibt, werde sie ja leider immer - da Monolog - recht einseitig. Es fehlt eben leider die Anregung durch das Gespräch.)

... comment