Dienstag, 28. Dezember 2010
Alice Munro - Tricks
marek_bergmann, 22:19h
Protokoll zur Sitzung 14.10.
Wir setzten uns mit Bernds Creative Writing Vorwurf auseinander. Die Frage war, was es bedeutet, einem Autoren zu unterstellen, er bediene sich des Creative Writings. Eigentlich ist es ja nichts schlechtes, wenn jemand sein Handwerk gelernt hat. Dies jemanden negativ zu unterstellen, zielt wohl auf etwas anderes; gemeint ist, der Autor habe im Grunde nichts zu sagen, er setzt einige Tricks ein, die er gelernt hat, welche aber nur ihren Sinn in sich selbst haben und nicht dem Zweck der Geschichte dienen.
Inwieweit trifft dies auf Munro zu? Zum einen ist sie sicherlich zu alt, um tatsächlich an Creative Writing Kursen mitgemacht zu haben. Viele ihrer Charistika wirken durchaus originär. Auffallend ist aber, dass sie viele Kniffs benutzt, die man sonst nicht von Erzählungen gewohnt ist wie z.B. Zeitsprünge oder das Einflechten von Briefen. Wie Adelheid meinte, kann man sich eher vorstellen, dass ihre Geschichten als Vorlage für Creative Writng Kurse dienen.
Frank, der den Advocatus diaboli spielte, bemängelte, dass die Geschichten zu gleich gestrickt seien. Immer hätten die Frauen eine Sehnsucht und brauchten den Impuls eines Mannes damit die Geschichte vorwärts geht. So hielt er z.B. die Tatsache, dass Juliet in der Geschichte Chance nur auf Grund eines Briefes direkt einen Zug besteigt um einen ihr kaum bekannten Mann zu besuchen für unglaubwürdig. Dagegen spricht, dass dies motiviert wird, ihre 6-monatige Stelle als Lehrerin ist gerade abgelaufen und eine Freundin sprach mit ihr über ihre Beziehung. Hinsichtlich der Ähnlichkeit der Geschichten fällt auf, dass viele mit dem Titel der englischsprachigen Ausgabe "Runaway" zu tun haben, er ist daher sinnvoller als der geänderte der deutschen Ausgabe. Nur werden verschiedene Aspekte des Fortlaufens (schwer eine sinnvolle Übersetzung zu finden) geboten und es ist nicht ohne Ironie, dass in der titelgebenden Geschichte dieses scheitert.
Auffallend ist auch, dass, obwohl Munro immer sehr alltägliche Personen beschreibt, sich doch bisweilen eine Art metaphysischer Schauer ereignet. Als Beispiel kann das Erscheinen der Ziege in der ersten Geschichte gelten, die Zwillinge in Tricks oder Tesas Fähigkeiten in der letzten Geschichte. Dabei sind die Ereignisse bis auf Tessa zwar rational erklärbar, bekommen aber trotzdem eine magische Färbung; verweisen über das Ereignis an sich hinaus. Entscheidend dabei ist aber, dass Munro damit nicht die Existenz von übernatürlichen Phänomen andeuten will, vielmehr entsteht das Unheimliche aus der Deutung der Personen von den Ereignissen. Auch wenn wir wissen, dass es nur ein Zufall ist, dass eine Person in dem Moment anruft, an dem wir an sie denken, kann sich trotzdem ein Moment des Unheimlichen herstellen.
Wie schon in der Sitzung zuvor, wurde festgestellt, dass die Geschichten sehr un-US-Amerikanisch wirken und es doch einen großen Unterschied zwischen Kanada und den USa zu geben scheint.
Protokoll zur Sitzung 7.10.
Sehr schade, dass Bernd bei diesem Buch nicht dabei war. Denn eine Kontrastimme in der sonst guten (Nicole, die allerdings mit den ersten Geschichten teilweise Schwierigkeiten hatte), sehr guten (Adelheid), sehr sehr guten (Almut) sowie sehr sehr sehr guten (Marek) Rezeption wäre sicherlich interessant gewesen.
So lobten wir einmütig ihre kluge und ökonomische Art, die Erzählungen aufzubauen. Dabei wird, wie wir fanden, gekonnt die Perspektiven gewechselt.
Munro arbeitet oft mit Zeitsprüngen, so dass erst nach und nach der Leser merkt, was in der ausgesparten Zeit passiert ist. Adelheid gab den interessanten Hinweis, dass sie sich zwar teilweise des Klischees bedient, dies jedoch eher für die Figuren im Roman so gesehen wird, während die Erzählerin eine Distanz zu ihm hat. Die Dialoge mochten wir ebenso, insbesondere die Genauigkeit, mit der Munro an den einzelnen Personen dran ist und wie elegant durch die Dialoge Informationen vermittelt werden.
Einige Zeit sprachen wir über die Zeit, in der die Erzählungen spielen. Nicole meinte, dass man oft über die genaue Zeit unklar sei, obwohl diese doch im Text genau genannt wird. Gibt es einen Grund, warum so viele Geschichten in der Vergangenheit (60er Jahre) spielen, obwohl der Roman 2004 geschrieben wurde? Ein Möglichkeit ist, dass sie die Erlebniswelt der Personen der eigenen abgleicht und 40-jährige Personen in einer Zeit spielen läßt, in der sie selbst 40 war.
Ebenso gefiel, dass die Erzählungen nicht klassisch auf eine große Pointe zulaufen, sondern schon vorher oft unerwartete Wendungen haben. Dabei besteht ein Kontrast zwischen dem Schrecken, welche den Protagonisten widerfährt und der Art wie sie damit umgehen. Dabei arrangieren sich viele erstaunlich gut mit ihrem Unglück oder den nicht erfüllten Plänen. Letztlich ist das Scheitern oder Nichtgelingen gar nicht so schlimm, wie es zunächst den Anschein hatte, denn man lebt ja trotzdem weiter (wurde nicht so plump ausgedrückt, genaue Formulierung leider entfallen). Ein Beispiel hierfür ist sicherlich die Erzählung "Tricks". Erstaunlich auch, wie sie es schafft, ein ganzes Leben zu präsentieren.
Auffallend ist, dass Munro stärker an den Frauenpersonen dran ist. Ich-Perspektiven gibt es, glaube ich, gar nicht von Männern.
Wir setzten uns mit Bernds Creative Writing Vorwurf auseinander. Die Frage war, was es bedeutet, einem Autoren zu unterstellen, er bediene sich des Creative Writings. Eigentlich ist es ja nichts schlechtes, wenn jemand sein Handwerk gelernt hat. Dies jemanden negativ zu unterstellen, zielt wohl auf etwas anderes; gemeint ist, der Autor habe im Grunde nichts zu sagen, er setzt einige Tricks ein, die er gelernt hat, welche aber nur ihren Sinn in sich selbst haben und nicht dem Zweck der Geschichte dienen.
Inwieweit trifft dies auf Munro zu? Zum einen ist sie sicherlich zu alt, um tatsächlich an Creative Writing Kursen mitgemacht zu haben. Viele ihrer Charistika wirken durchaus originär. Auffallend ist aber, dass sie viele Kniffs benutzt, die man sonst nicht von Erzählungen gewohnt ist wie z.B. Zeitsprünge oder das Einflechten von Briefen. Wie Adelheid meinte, kann man sich eher vorstellen, dass ihre Geschichten als Vorlage für Creative Writng Kurse dienen.
Frank, der den Advocatus diaboli spielte, bemängelte, dass die Geschichten zu gleich gestrickt seien. Immer hätten die Frauen eine Sehnsucht und brauchten den Impuls eines Mannes damit die Geschichte vorwärts geht. So hielt er z.B. die Tatsache, dass Juliet in der Geschichte Chance nur auf Grund eines Briefes direkt einen Zug besteigt um einen ihr kaum bekannten Mann zu besuchen für unglaubwürdig. Dagegen spricht, dass dies motiviert wird, ihre 6-monatige Stelle als Lehrerin ist gerade abgelaufen und eine Freundin sprach mit ihr über ihre Beziehung. Hinsichtlich der Ähnlichkeit der Geschichten fällt auf, dass viele mit dem Titel der englischsprachigen Ausgabe "Runaway" zu tun haben, er ist daher sinnvoller als der geänderte der deutschen Ausgabe. Nur werden verschiedene Aspekte des Fortlaufens (schwer eine sinnvolle Übersetzung zu finden) geboten und es ist nicht ohne Ironie, dass in der titelgebenden Geschichte dieses scheitert.
Auffallend ist auch, dass, obwohl Munro immer sehr alltägliche Personen beschreibt, sich doch bisweilen eine Art metaphysischer Schauer ereignet. Als Beispiel kann das Erscheinen der Ziege in der ersten Geschichte gelten, die Zwillinge in Tricks oder Tesas Fähigkeiten in der letzten Geschichte. Dabei sind die Ereignisse bis auf Tessa zwar rational erklärbar, bekommen aber trotzdem eine magische Färbung; verweisen über das Ereignis an sich hinaus. Entscheidend dabei ist aber, dass Munro damit nicht die Existenz von übernatürlichen Phänomen andeuten will, vielmehr entsteht das Unheimliche aus der Deutung der Personen von den Ereignissen. Auch wenn wir wissen, dass es nur ein Zufall ist, dass eine Person in dem Moment anruft, an dem wir an sie denken, kann sich trotzdem ein Moment des Unheimlichen herstellen.
Wie schon in der Sitzung zuvor, wurde festgestellt, dass die Geschichten sehr un-US-Amerikanisch wirken und es doch einen großen Unterschied zwischen Kanada und den USa zu geben scheint.
Protokoll zur Sitzung 7.10.
Sehr schade, dass Bernd bei diesem Buch nicht dabei war. Denn eine Kontrastimme in der sonst guten (Nicole, die allerdings mit den ersten Geschichten teilweise Schwierigkeiten hatte), sehr guten (Adelheid), sehr sehr guten (Almut) sowie sehr sehr sehr guten (Marek) Rezeption wäre sicherlich interessant gewesen.
So lobten wir einmütig ihre kluge und ökonomische Art, die Erzählungen aufzubauen. Dabei wird, wie wir fanden, gekonnt die Perspektiven gewechselt.
Munro arbeitet oft mit Zeitsprüngen, so dass erst nach und nach der Leser merkt, was in der ausgesparten Zeit passiert ist. Adelheid gab den interessanten Hinweis, dass sie sich zwar teilweise des Klischees bedient, dies jedoch eher für die Figuren im Roman so gesehen wird, während die Erzählerin eine Distanz zu ihm hat. Die Dialoge mochten wir ebenso, insbesondere die Genauigkeit, mit der Munro an den einzelnen Personen dran ist und wie elegant durch die Dialoge Informationen vermittelt werden.
Einige Zeit sprachen wir über die Zeit, in der die Erzählungen spielen. Nicole meinte, dass man oft über die genaue Zeit unklar sei, obwohl diese doch im Text genau genannt wird. Gibt es einen Grund, warum so viele Geschichten in der Vergangenheit (60er Jahre) spielen, obwohl der Roman 2004 geschrieben wurde? Ein Möglichkeit ist, dass sie die Erlebniswelt der Personen der eigenen abgleicht und 40-jährige Personen in einer Zeit spielen läßt, in der sie selbst 40 war.
Ebenso gefiel, dass die Erzählungen nicht klassisch auf eine große Pointe zulaufen, sondern schon vorher oft unerwartete Wendungen haben. Dabei besteht ein Kontrast zwischen dem Schrecken, welche den Protagonisten widerfährt und der Art wie sie damit umgehen. Dabei arrangieren sich viele erstaunlich gut mit ihrem Unglück oder den nicht erfüllten Plänen. Letztlich ist das Scheitern oder Nichtgelingen gar nicht so schlimm, wie es zunächst den Anschein hatte, denn man lebt ja trotzdem weiter (wurde nicht so plump ausgedrückt, genaue Formulierung leider entfallen). Ein Beispiel hierfür ist sicherlich die Erzählung "Tricks". Erstaunlich auch, wie sie es schafft, ein ganzes Leben zu präsentieren.
Auffallend ist, dass Munro stärker an den Frauenpersonen dran ist. Ich-Perspektiven gibt es, glaube ich, gar nicht von Männern.
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