Dienstag, 28. Dezember 2010
Andreas Maier - Mein Zimmer
Protokoll zur Lesung von Andreas Maier am 18.11. von Nicole:

zu siebt haben wir in der vergangenen Woche die Lesung mit Andreas Maier in der Autorenbuchhandlung besucht. Dabei waren Adelheid, Almut, Reglind, Sue, Frank, Marek und ich. Wir machten damit einen Großteil der Besucherinnen und Besucher aus, denn insgesamt hatten nur rund 30 Personen an diesem – zugegebenermaßen ungemütlichen, regnerischen Novemberabend – den Weg nach Charlottenburg gefunden.

Über die mäßige Resonanz herrschte in unserer Runde ein gewisses Erstaunen, hatte Maier doch erst an diesem Wochenende den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis erhalten und war auch sonst überaus präsent in den Medien – was der Geschäftsführer des suhrkamp-Verlages, Thomas Sparr, denn auch in seiner Einführung wiederholt betonte.

War die Anmoderation von Ladenbesitzer Marc Iven überaus knapp gehalten, erschien der Vortrag von suhrkamp-Geschäftsführer Sparr umso länglicher. Auch wenn er in der Einführung einige interessante Aspekte ansprach, hätte man sich doch gewünscht, dass er sich etwas mehr zurückgenommen hätte oder zumindest seine Interpretationen zu dem Buch für das sich an die Lesung anschließende Gespräch mit Maier genutzt hätte. So wirkte sein Vortrag über weite Strecken ermüdend und nahm der Lesung schon vor dem Beginn einen Teil ihrer Spannung.

Der Vortrag von Maier selbst, der sowohl aus „Das Zimmer“ als auch aus seinem Nachwort zu einem Raabe-Buch (leider habe ich den Titel im Netz nicht wiedergefunden) las, war m.E. von mittlerer Qualität; darüber gab es allerdings in der Runde unterschiedliche Urteile. Zwar hat sich Maier selten versprochen, gleichwohl wirkte er zuweilen fremd im eigenen Text, zögerte beim Weiterlesen und erst im zweiten Teil – beim Lesen des Nachwortes – war er, so schien es, ganz bei sich. Dieses Nachwort gab einige wichtige Hinweise zur Interpretation von „Das Zimmer“.

Maier schien sich übrigens durch Sparr auch nicht wirklich gut wiedergegeben zu fühlen – zumindest deuteten einige Bemerkungen darauf, die offensichtlich als Seitenhiebe auf suhrkamp und Sparr gemeint waren – etwa auf die Frage von Sparr nach Maiers zehnbändigen Buchprojekt rund um die Wetterau, das er (sinngemäß) damit begründete, dann nicht regelmäßig einmal im Jahr ein neues Buch auf den Markt werfen zu müssen.

Im Anschluss an die Lesung bestand die Möglichkeit, Fragen zu stellen – was aber leider keine/r der Zuhörerinnen und Zuhörern wahrgenommen hat, auch wir nicht. So kam es, dass Thomas Sparr wieder einsprang. Den Raum für ein echtes Gespräch mit Maier wusste er aber nicht zu nutzen, so dass sich das Frage-Antwort-Spiel müde dahinschleppte und die wirklich interessanten Fragen ungefragt blieben. Dabei - so schien es uns im Anschluss, als Adelheid Andreas Maier kurz in ein Gespräch verwickeln konnte - wäre dieser durchaus bereit gewesen, auch auf kritische Fragen zu seinem Werk einzugehen und auch die Frage nach dem Zusammenhang mit Privatem bzw. der Familiengeschichte zu beantworten. Schade.

Nach der Lesung sind wir noch in eine Kneipe gezogen und haben intensiv über die Lesung und „Das Zimmer“ diskutiert. Themen waren unter anderem der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel am Übergang von den 1960er zu den 1970er Jahren, die Frage, ob Maier seinem Onkel in dem Buch Respekt erweist oder gerade im Gegenteil ihn und seine Schwächen bloßstellt, die Bedeutung der Mutter von J. für die Bewältigung des Alltags und die Folgen des Verlustes und vieles andere mehr.


Protokoll zur Sitzung 11.11.

Bei den meisten kam das Buch gut an, wenn es auch als nicht ganz so souverän wie Wäldchestag eingeschätzt wurde. Nur Almut störte vor allem, dass viele Dinge mehrfach gesagt werden, so dass das Buch bisweilen redundat wirkt und die etwas altbackene Art der Formulierugen.
Wir sprachen länger über den Titel. Warum wählt Maier "Das Zimmer". Als Lösung wurde gedacht, dass er zum einen selbst einen Bezug dazu hat dadurch, dass er jetzt in ihm arbeitet. Dann war es der Ort mit dem eine seiner ersten Erinnerung verknüpft ist. Die des Zimmers, welches er nie betritt und in dem sein unheimlicher Onkel wohnt. Als eher unglücklich wurde die Bezeichnung Darkroom für das Zimmer angesehen. Maier schreibt auch von dem Zimmer als einem Darkroom in seinem Bewußtsein und meint damit wohl so etwas wie eine Leerstelle, bzw. eine unbekannte Größe. Eben soll damit wohl angegeben werden, dass er nicht wußte, was in diesem Zimmer vor sich geht, während man dies bei der herkömmlichen Bedeutung von Darkroom genau weiß.

Weiter fragten wir uns, ob es hier richtig ist, von einem Roman zu sprechen. Da es sich doch mehr um eine Autobiographie handelt. Insgesamt bleiben einige Fragen offen, so die kurz angedeutete Beziehung des Onkels zu einer Frau. Über Andreas Maiers Mutter würde man auch mehr erfahren (sie wurde unterschiedlich gewertet, teils, dass noch offen ist, wie ihr Charakter ist, teils als durchgängig positiv). Auch weiß man nicht genau, wo der Onkel im Rheinland untergebracht wirkt, welches wie fernstes Ausland wirkt. Andreas Maier selbst hat angekündigt, dass dieses Buch nur der Auftakt zu einer 11-teiligen Reihe ist, von den anderen Büchern stehen wohl schon einige Titel fest, wie "Das Haus", "Die Straße". Man kann also davon ausgehen, dass in den anderen Büchern diese offenen Fragen beantwortet werden.

Ebenso wie in dem Buch Wäldchestag konfrontiert Maier den Leser gleich auf der ersten Seite mit einem seltenen Wort. Dort subreptiv, hier Silagegeruch. Muss dieser notwendig unangenehm sein oder meint er nicht eher Güllegeruch?

Die damalige Zeit wurde für uns gut eingefangen ohne dass es zum bloßen Aufzählen von Ereignissen der damaligen Zeit kommt. Wenn doch (Fernsehsendungen, die J. schaut, Musik, die er hört), war dies immer von der Handlung her motiviert und bedeutet mehr als ein bloßes name dropping. Inwieweit er die Zeit der 70er verklärt bzw. positiver als die Jetztzeit sieht, wurde unterschiedlich beurteilt. Klar ist, dass sie noch unschuldiger erscheint, weniger große Bauten, weniger Verkehr, wobei der Moment, als der erste Stau entsteht als Wendepunkt funktioniert, ebenso das Auftauchen einer Umgehungsstraße.

Auffallend ist auch die stärkere Integration eines Behinderten in der "normalen" Gesellschaft, wie es einerseits durch die größere Anzahl von einfacheren Jobs möglich war (Arbeitslosenquote zu Beginn der 70er bei einem Prozent, am Ende bei vier Prozent und Hessen steht wirtschaftlich vergleichsweise gut da). Zum anderen gab es Einrichtungen wie Behindertenwerkstätten und Wohnheime noch nicht, bzw. waren sie nicht so stark verbreitet.

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