Dienstag, 28. Dezember 2010
Peter Kurzeck - Übers Eis
marek_bergmann, 23:04h
Protokoll zur Sitzung am 2.12. von Almut:
Einig waren wir uns darin, dass es beim Leser eine Erinnerung an das Lebensgefühl der 80er Jahre weckt. Aktivitäten der linken autonomen Szene werden angedeutet. Die Figur des sich-so-durchschlagenden Künstlers, der sich überlegt, ob er eine Strecke laufen soll, um zwei Mark zu sparen - den kennen wir, den gibt es aber kaum mehr (behaupte ich jetzt mal).
Knut Hamsuns "Hunger" wurde zum Vergleich herangezogen. Warum folgt man Hamsuns Protagonisten lieber als Kurzecks (dessen Namen wir nicht einmal wissen, oder?), obwohl es in beiden Fällen eine eher hermetisch abgeschlossene Innensicht ist? Aber bei Hamsun gibt es eine artifizielle Komponente, die Situationen bis ins Groteske übersteigert und dadurch eine Distanz des Autors zur Person schafft. Bei Kurzeck verhält es sich eher so, dass man bei all den sich wiederholenden Litaneien das Gefühl bekommt, sie seien eine Verarbeitung von genau so Erlebtem und dienten in erster Linie therapeutischen Zwecken des Autors. Denn als Leser muss man schauen, wo man bleibt.
Auf meine Frage, ob sich die anderen beim Lesen auch manchmal die Frage stellen würden: "Was ist eigentlich dein Problem?" wurde mir allerdings sehr klar widersprochen. Den meisten Anwesenden "genügten" die aufgeführten Fakten (Trennung, Armut, Erfolglosigkeit, Boden unter den Füßen verlieren), um den lebensuntüchtigen Zustand des Erzählers zu erklären.
Die Frage, ob der Erzähler dabei larmoyant, selbstmitleidig und selbstgefällig ist, steht noch im Raum. Sehr gut fand ich in diesem Zusammenhang den Hinweis von Marek, dass man Selbstreferentielles von Autoren (also über ihr Leiden beim Schreiben usw.) eher nicht gerne liest.
Uneinig waren wir auch, was die - sehr konsequent durchgezogene - Weglassung der Verben betrifft. Manche empfanden dadurch einen Flow, andere fühlten sich ständig gestoppt. Warum hat der Autor das gemacht?
Es könnte eine Gehetztheit, eine Getriebenheit ausdrücken. Oder, und das schien uns wahrscheinlicher, den "inneren Monolog", Gedanken, die ja "in echt" auch nicht grammatikalisch korrekt gedacht werden. Ob das Hauptmotiv des Autors nicht einfach darin bestand, sich stilistisch aus dem Meer der zeitgenössischen Romanautoren herauszuheben und dem Feuilleton Futter zu geben - man weiß es nicht.
Einig waren wir uns darin, dass es beim Leser eine Erinnerung an das Lebensgefühl der 80er Jahre weckt. Aktivitäten der linken autonomen Szene werden angedeutet. Die Figur des sich-so-durchschlagenden Künstlers, der sich überlegt, ob er eine Strecke laufen soll, um zwei Mark zu sparen - den kennen wir, den gibt es aber kaum mehr (behaupte ich jetzt mal).
Knut Hamsuns "Hunger" wurde zum Vergleich herangezogen. Warum folgt man Hamsuns Protagonisten lieber als Kurzecks (dessen Namen wir nicht einmal wissen, oder?), obwohl es in beiden Fällen eine eher hermetisch abgeschlossene Innensicht ist? Aber bei Hamsun gibt es eine artifizielle Komponente, die Situationen bis ins Groteske übersteigert und dadurch eine Distanz des Autors zur Person schafft. Bei Kurzeck verhält es sich eher so, dass man bei all den sich wiederholenden Litaneien das Gefühl bekommt, sie seien eine Verarbeitung von genau so Erlebtem und dienten in erster Linie therapeutischen Zwecken des Autors. Denn als Leser muss man schauen, wo man bleibt.
Auf meine Frage, ob sich die anderen beim Lesen auch manchmal die Frage stellen würden: "Was ist eigentlich dein Problem?" wurde mir allerdings sehr klar widersprochen. Den meisten Anwesenden "genügten" die aufgeführten Fakten (Trennung, Armut, Erfolglosigkeit, Boden unter den Füßen verlieren), um den lebensuntüchtigen Zustand des Erzählers zu erklären.
Die Frage, ob der Erzähler dabei larmoyant, selbstmitleidig und selbstgefällig ist, steht noch im Raum. Sehr gut fand ich in diesem Zusammenhang den Hinweis von Marek, dass man Selbstreferentielles von Autoren (also über ihr Leiden beim Schreiben usw.) eher nicht gerne liest.
Uneinig waren wir auch, was die - sehr konsequent durchgezogene - Weglassung der Verben betrifft. Manche empfanden dadurch einen Flow, andere fühlten sich ständig gestoppt. Warum hat der Autor das gemacht?
Es könnte eine Gehetztheit, eine Getriebenheit ausdrücken. Oder, und das schien uns wahrscheinlicher, den "inneren Monolog", Gedanken, die ja "in echt" auch nicht grammatikalisch korrekt gedacht werden. Ob das Hauptmotiv des Autors nicht einfach darin bestand, sich stilistisch aus dem Meer der zeitgenössischen Romanautoren herauszuheben und dem Feuilleton Futter zu geben - man weiß es nicht.
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