Donnerstag, 1. September 2011
Der Zauberberg (1)
// Die folgenden Anmerkungen sind provisorisch - nach der Lektüre von etwa einem Drittel des Romans - und auch eher unsortiert //

Insgesamt lese ich den Roman gerne - liest sich flüssig und ist stilistisch meist überzeugend gestaltet, was ja bereits im Vorsatz auch so eingeleitet wird. Mir ists - aber das ist eine Frage der Vorlieben - etwas zu großmeisterlich-glatt und konventionell, soll heißen an zeitgenössische Sachen von Musil, Döblin, A. Zweig, R. Walser und Kafka kommts bei Weitem nicht ran.

Struktur

Nun aber zum Roman: Sehr gut eingefügt finde ich die Vorgeschichte Castorps durch gut platzierte Rückblenden, was ja auch, um seinen Fatalismus, seine Todesnähe zu begründen wichtig ist. Herrlich die Formulierung vom "Kreuz zwischen den gestorbenen Fingern des ehemaligen Großvaters" (S. 43). Auch die Ankunft und die Einführung im Sanatorium sind sehr geschickt aufgebaut, grade weils ja nicht einfach ist, eine so große, eigene Welt mit zahlreichen Personen und Elementen dem Leser einprägsam und plastisch zu präsentieren. Sehr gut hält Mann hier die Waage zwischen kurzen prägnanten Szenen (dem Angehustetwerden durch die Pneumothorax-Frau) und sorgfältig aufgebauten Schilderungen, z.B. im Speisesaal.
Die zeitliche Gliederung und Verschachtelung des Ganzen ist sowieso sehr fein, beispielsweise auf S. 131 f., wo von Tag 3 gleich auf den übersprungenen Tag 2 zurückgeblendet wird, dann eine Vorschau auf Tag 4 folgt, bevors retour geht nach Tag 3. Auch die für den gesamten Roman sehr wichtige Dehnung und Raffung der Zeit ist sehr gut umgesetzt (siehe aber den Einwand weiter unten).

Märchen

Etwas zu dick und tapsig eingeflochten finde ich das Märchenthema: sieben Tische im Speisesaal, Castorps sieben Tage, sieben Monate, sieben Jahre, und Clawdia Chauchat muss natürlich Zimmer Nr. 7 bewohnen. Den ganzen Zauber braucht es eigentlich nicht - es geht ja schon so seltsam genug zu.

Zeit

Das sehr wichtige Thema der Zeit, das für den Roman und seine Struktur ja eine sehr wichtige Rolle spielt - und was, bleibt es auf die Struktur beschränkt, auch sehr gut funktioniert - wird leider durch eine ganze Reihe von Erörterungen zerschwatzt, was umso nervtötender ist, da einige dieser Gespräche wenig motiviert sind, Castorp Dinge in den Mund gelegt werden, die nur schwer zu ihm passen, und ich insgesamt den Eindruck hatte, Mann will die Sache dem Leser unbedingt aufs Auge drücken, damit er auch ja nicht übersieht, wie geschickt er hier an der Romanstruktur strickt. Das ist doof.
Konkret: Auf S. 94 ff. sprechen Joachim und Hans über die Zeit, wobei aber Castorps recht philosophische Aussagen nicht recht zu ihm passen wollen. Das scheint auch Th. Mann aufgefallen zu sein, der dies dann extra noch anmerkt: "Er war durchaus nicht gewohnt zu philosophieren..." Wenige Seiten darauf (S. 101) hat Castorp all das schon wieder vergessen, worauf er sich aber kurz danach (S. 117) immerhin an dieses Vergessen erinnern kann.
Weiter mit dem Thema geht es dann auf S. 146f., wobei uns diesmal der Erzähler philosophische Überlegungen zur Zeit unterbreitet - um das ziemlich dämlich mit dem Kommentar abzuschließen: "Diese Bemerkungen werden nur deshalb hier eingefügt, weil der junge Hans Castorp Ähnliches im Sinn hatte."
Es wäre schön, wenn Mann hier mehr seinen Mitteln traute, und nicht glaubte, er müsse uns alles haarklein verklickern.
Die weiteren Ausführungen zum Wesen der Zeit auf S. 255 haben mich dann vollends genervt - "ist ja gut, wissen wir, Klappe halten und statt erklären bitte weiter erzählen".

Clawdia Chauchat

Ihr Name kommt mir etwas albern vor - oder höre nur ich da "heiße Katze"?

Die Einführung der Figur ist toll: das mehrmalige, irritierende Türenknallen, bevor sie uns (und Hans, der sich aus Ärger ja bewusst abwendet) vorgeführt wird. Auch dass sie dann als eher unspektakulär beschrieben wird, mit allerhand Macken und Mängeln ("Clawdia Chauchat, die liebliche, wenn auch schadhafte Frau..." - großartig) ist sehr gut und erhöht den Reiz, dessen Wirkung auf Hans mit der Pribislaw-Geschichte vom geliehenen Bleistift dann ganz himmlisch-herrlich erzählt wird. Leider auch hier ein Wermutstropfen: Auf S. 168ff. beschreibt und erklärt Mann das Verhältnis zwischen Pribislaw und Castorp erst ausführlich - bevor ers dann erzählt. Das verdirbt leider um Einiges die Schönheit der Episode.

Weitere wunderbare Momente gibt es hier genug: "Clawdias Eintritt hatte sich so nebenbei, so unversehens vollzogen, - auf einmal teilte sie den engen Aufenthalt mit den Vettern, nachdem sie eben noch keineswegs dagewesen." (S. 294)

Settembrini

Zu Settembrini, einer Figur, die mir gut gefällt, hier noch nicht viel. Es ist angenehm einen beredeten Charakter zu haben, der sich vom Gewurschtel der Kranken abhebt, der etwas zu sagen hat (nur das dumme Zeugs von Frau Stöhr, der Kleefeld etc. - es wäre schwer zu ertragen). Auch was er sagt, ist immer wieder interessant, und ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt, scheint er ja doch schlecht an diesen Ort zu passen.

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