Mittwoch, 11. Januar 2012
Emmanuel Bove: Meine Freunde
bernd_buch, 22:36h
In einem Protokoll zu "Meine Freunde" wurde der Vergleich zu Walser angesprochen (ich nehme an zu "Der Räuber"?). Der Vergleich liegt nahe, stammen beide Bücher ja aus derselben Zeit, spielen in der Stadt und haben eine verloren darin herumstreunenden Protagonisten. Das ist es aber auch. Walsers Einzelgänger baut sich die Welt um sich herum in eine Vorstellungswelt um, in der öde Banalitäten zu Räubergeschichten werden - und mit wie viel Antrieb geht er dabei ans Werk! Entsprechend der saftige Stil. Boves Abgeschnittener lebt in einer zugigen, fleckigen, abgeriebenen, schlecht ausgeleuchteten, mehltauigen Welt, in der keiner mit keinem kann und in der alle müffeln. Darüber hinaus gibt es nichts. Zusammengesetzt ist diese Welt aus vielen genau beschriebenen Einzelheiten, alle gleich eingefärbt, gleich schlicht, ein schäbiger Makrokosmos aus vielen kleinen, schäbigen Splittern: "Dürftige Bäume, ohne Blätter, ohne Rinde, festgebunden an einer Stange, gepflanzt in ein Loch ohne Schutzgitter, folgten einander alle fünfzig Meter. Zwischen jedem von ihnen standen jene rotbraunen Bänke, auf denen man nicht anders sitzen kann als sehr aufrecht." (S. 151)
Mich hat an "Meine Freunde" überrascht, wie früh hier schon diese Stilisierung auftritt, diese abgeschabte, freudlose, windstille Welt, in der der Einzelne in einer zwar dehnbaren aber dennoch undurchstoßbaren Gallertblase lebt, eine Welt, die ich aus vielen franzöischen Romanen etc. sehr gut kenne. Bislang hatte ich vermutet, diese Stimmung hinge irgendwie mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Existenzialismus zusammen, da ich es aus Werken aus dieser Zeit und bis in die 1960er Jahre kenne, z.B. Becketts "Molloy", Sartres "Der Ekel", viele Romane von Simenon (in den Krimis und stärker noch in den Nicht-Krimis, den 'romans durs'), den Filmen von Jean-Pierre Melville (bei Céline findet sich dergleichen auch - aber daneben große nervöse Energie, Hektik, Tirade).
Woher das wohl kommt, was das wohl ausgelöst hat? Und warum ist es so typisch für das Frankreich dieser Zeit? Vielleicht haben die Frankreich-Expertinnen im Zirkel dazu eine Idee?
Literarisch und in seiner Weltsicht erinnert mich Bove am ehesten an Hamsun. Ob es da wohl eine Verbindungslinie gibt?
Hier noch ein Clip aus Melvilles "Le Samourai":
http://www.youtube.com/watch?v=rzDM20dU4Zk
Mich hat an "Meine Freunde" überrascht, wie früh hier schon diese Stilisierung auftritt, diese abgeschabte, freudlose, windstille Welt, in der der Einzelne in einer zwar dehnbaren aber dennoch undurchstoßbaren Gallertblase lebt, eine Welt, die ich aus vielen franzöischen Romanen etc. sehr gut kenne. Bislang hatte ich vermutet, diese Stimmung hinge irgendwie mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Existenzialismus zusammen, da ich es aus Werken aus dieser Zeit und bis in die 1960er Jahre kenne, z.B. Becketts "Molloy", Sartres "Der Ekel", viele Romane von Simenon (in den Krimis und stärker noch in den Nicht-Krimis, den 'romans durs'), den Filmen von Jean-Pierre Melville (bei Céline findet sich dergleichen auch - aber daneben große nervöse Energie, Hektik, Tirade).
Woher das wohl kommt, was das wohl ausgelöst hat? Und warum ist es so typisch für das Frankreich dieser Zeit? Vielleicht haben die Frankreich-Expertinnen im Zirkel dazu eine Idee?
Literarisch und in seiner Weltsicht erinnert mich Bove am ehesten an Hamsun. Ob es da wohl eine Verbindungslinie gibt?
Hier noch ein Clip aus Melvilles "Le Samourai":
http://www.youtube.com/watch?v=rzDM20dU4Zk
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