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Dienstag, 5. Januar 2010
Atemschaukel - 1. Drittel
bernd_buch, 22:53h
Ich habe nun ein Drittel des Buchs gelesen. Zwischenfazit: Es ist so mittel.
Bei anderer Lektüre hatte ich mal gesagt, dass ich mit Büchern vom Ende des 2. Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht viel anfangen kann. Es ist alles zu grau, grässlich, hoffnungslos und öde. Das ist keine literarische Bewertung. Mir ging es z.B. so bei "Asche und Diamant" und bei "Die Haut".
Müller schreibt zwar viel später, aber von einer Distanz - die sie sowieso hat und der Erzähler auch, der 60 Jahre nach den Ereignissen spricht (S. 33) - ist nichts zu merken. Und annehmen könnte man ja, dass 60 Jahre in das Erinnern und Erzählen Dinge aus der inzwischen verstrichenen Zeit einschmuggeln. Passiert aber nicht. Leider.
Dass diese Zeit ums Ende des 2. Weltkriegs auch ganz anders dargestellt werden kann, sehe ich gerade in Pynchons "Gravity's Rainbow". Dass mir das gefällt und Müller nicht so sehr hat sicher auch damit zu tun, dass ich Müllers Ton - der in sich stimmig ist - nicht mag: Osteuropäische Magerlyrik in zu vielen Wörtern.
Noch ein paar Details zur Zwischenbilanz:
- Gelungen ist oft der Ton, und immer mal wieder gibt es schöne Bilder, z.B. "Ich wollte weg aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen haben." (S.7) Nicht immer funktionieren solche Bilder: "Ich war mein eigener Dieb, die Wörter fielen unverhofft und erwischten mich." (S. 10) - Hier leuchtet mir das "mein eigener" nicht ein. Warum nicht: "Ich war ein Dieb..."? Bei der schönen Passage zum "Schneeverrat" (S. 18) nehme ich dem Erz. (und Müller) nicht ab, dass die Worte und Bilder von Trudi Pelikan stammen.
- Typografie: Die häufige Großschreibung stört mich. Und: Ist es wirklich notwendig, auf Fragezeichen zu verzichten?
- Gelegentlich wäre weniger mehr. Auf S. 26 steht der leuchtend schöne Satz: "Der Name MELDEKRAUT ist ein starkes Stück und besagt überhaupt nichts." Leider folgt darauf eine Ausführung über das Wort "melden" und den "Appell". Schade. - Und: "Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden." (S.25) Dafür werden aber ziemlich viele gemacht.
- Auch das dichte Kapitel "Zement" mit seinen Variationen und Steigerungen bei doch bleibender Monotonie wird leider am Ende verhunzt durch die Gedanken zum Papier und die hereinplatzenden Verslein.
- Warum das Kapitel "Von strengen Menschen" (S. 64ff.) im Präsens geschrieben ist, habe ich nicht verstanden.
Bei anderer Lektüre hatte ich mal gesagt, dass ich mit Büchern vom Ende des 2. Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht viel anfangen kann. Es ist alles zu grau, grässlich, hoffnungslos und öde. Das ist keine literarische Bewertung. Mir ging es z.B. so bei "Asche und Diamant" und bei "Die Haut".
Müller schreibt zwar viel später, aber von einer Distanz - die sie sowieso hat und der Erzähler auch, der 60 Jahre nach den Ereignissen spricht (S. 33) - ist nichts zu merken. Und annehmen könnte man ja, dass 60 Jahre in das Erinnern und Erzählen Dinge aus der inzwischen verstrichenen Zeit einschmuggeln. Passiert aber nicht. Leider.
Dass diese Zeit ums Ende des 2. Weltkriegs auch ganz anders dargestellt werden kann, sehe ich gerade in Pynchons "Gravity's Rainbow". Dass mir das gefällt und Müller nicht so sehr hat sicher auch damit zu tun, dass ich Müllers Ton - der in sich stimmig ist - nicht mag: Osteuropäische Magerlyrik in zu vielen Wörtern.
Noch ein paar Details zur Zwischenbilanz:
- Gelungen ist oft der Ton, und immer mal wieder gibt es schöne Bilder, z.B. "Ich wollte weg aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen haben." (S.7) Nicht immer funktionieren solche Bilder: "Ich war mein eigener Dieb, die Wörter fielen unverhofft und erwischten mich." (S. 10) - Hier leuchtet mir das "mein eigener" nicht ein. Warum nicht: "Ich war ein Dieb..."? Bei der schönen Passage zum "Schneeverrat" (S. 18) nehme ich dem Erz. (und Müller) nicht ab, dass die Worte und Bilder von Trudi Pelikan stammen.
- Typografie: Die häufige Großschreibung stört mich. Und: Ist es wirklich notwendig, auf Fragezeichen zu verzichten?
- Gelegentlich wäre weniger mehr. Auf S. 26 steht der leuchtend schöne Satz: "Der Name MELDEKRAUT ist ein starkes Stück und besagt überhaupt nichts." Leider folgt darauf eine Ausführung über das Wort "melden" und den "Appell". Schade. - Und: "Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden." (S.25) Dafür werden aber ziemlich viele gemacht.
- Auch das dichte Kapitel "Zement" mit seinen Variationen und Steigerungen bei doch bleibender Monotonie wird leider am Ende verhunzt durch die Gedanken zum Papier und die hereinplatzenden Verslein.
- Warum das Kapitel "Von strengen Menschen" (S. 64ff.) im Präsens geschrieben ist, habe ich nicht verstanden.
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Freitag, 20. November 2009
Sterne übersetzen 2
bernd_buch, 17:53h
Von der "Empfindsamen Reise" scheint es mehrere Übersetzungen zu geben - aber vermutlich ist nur die von Bode zur Zeit lieferbar.
Auf die Schnelle habe ich noch gefunden:
- Karl Eitner (1868), im Volltext bei gutenberg.de.
Außerdem:
- Yoricks Reise des Herzens durch Frankreich und Italien. Übersetzung von Helmut Findeisen. Dieterich, 1956; Insel, Frankfurt 1977
- Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Übersetzung von S. Schmitz. Winkler, München, ISBN 3-538-05193-3
Überrascht war ich, dass Bodes Übersetzung online nicht angeboten wird. Ich habe deshalb Eitners Übersetzung mit dem Original abgeglichen - sie ist nicht schlecht, oft aber zu wörtlich und zu umständlich - und zwei Kapitel daraus stark überarbeitet:
Der Puls
Paris
Gesegnet die kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens! Ihr macht den Pfad desselben kommod, gleich der Anmut und Schönheit, welche uns auf den ersten Blick zur Liebe geneigt machen; ihr seid's, die diese Pforte öffnen und dem Fremdling Einlass gewähren.
– »Verzeihen Sie, Madame«, sagte ich, »haben Sie die Güte, mir zu sagen, welchen Weg ich nehmen muß, um zur Opéra comique zu gelangen.« – »Sehr gern, Monsieur«, sagte sie und legte ihre Arbeit beiseite.
Wie ich einherging, hatte ich in ein halb dutzend Läden einen Blick geworfen und nach einem Gesicht ausgeschaut, welches sich durch eine derartige Störung nicht allzu sehr aus der Bahn werfen ließe; bis ich zuletzt, da ihres meiner Laune entsprach, hier eintrat.
Sie arbeitete an einem Paar Handkrausen, saß dabei auf einem niedrigen Sessel, der Ladentür gegenüber. –
– » Très-volontiers, sehr gern«, sagte sie, legte ihre Arbeit auf einen Stuhl und erhob sich aus dem niedrigen Sessel, auf dem sie saß, mit so munterer Bewegung und so heiterem Blicke, daß ich, hätte ich auch fünfzig Louisd'or bei ihr ausgegeben, doch gesagt haben würde: »Dies Frauenzimmer ist dankbar.« –
»Sie müssen sich, Monsieur«, sagte sie, indem sie mit mir bis zur Ladentür ging und den Weg die Straße hinab zeigte – »Sie müssen sich erst linker Hand halten – mais prenez garde – da sind zwei Abzweige; nehmen Sie den zweiten; dann gehen Sie die Straße ein wenig entlang – Sie werden eine Kirche sehen; und sobald Sie an der vorbei sind, bemühen Sie sich nur gleich nach rechts, so kommen Sie an die Pont Neuf; die müssen Sie überqueren – und dort wird Ihnen dann Jedermann mit Vergnügen den ferneren Weg weisen. –
Sie wiederholte ihre Unterweisung dreimal, das dritte Mal wie das erste mit artigster Geduld; und wenn Ausdruck und Benimm eine Bedeutung haben, was ja unbedingt der Fall ist, außer für Herzen, die sich dafür verschließen – so schien ihr wirklich sehr daran gelegen, daß ich mich nicht verirrte.
Ich will nicht annehmen, die Schönheit der Frau (wiewohl sie, denke ich, die hübscheste Grisette war, die ich je sah) habe an der Empfindung, die ihre Gefälligkeit in mir auslöste, großen Anteil gehabt: Jedoch erinnere ich mich, daß ich ihr, als ich ihr sagte, wie sehr ich ihr verpflichtet wäre, sehr tief in die Augen geblickt – und daß ich meinen Dank eben so oft wiederholte, als sie es mit ihrer Unterweisung getan.
Ich war noch nicht zehn Schritt von ihrer Tür, als mir auffiel, daß kein Quentchen von dem, was sie gesagt, mir in Erinnerung geblieben; – und also schaute ich zurück und sah sie noch in der Ladentür, als wenn sie sicher gehen wollte, ich ginge auch recht: Ich machte kehrt, sie zu fragen, ob es zuerst nach rechts oder links ginge – denn ich hatte es rein vergessen. – »Ist's möglich!« sagte sie halblachend. –»Das ist sehr möglich«, versetzte ich, »wenn ein Mann mehr an eine Frau denkt, als an ihren guten Rat.«
Da dies nichts als die Wahrheit war – so nahm sie es hin, wie jedes Weib etwas aufnimmt, das ihr zukommt: mit einem leichten Knicks.
»Attendez«, sagte sie, legte ihre Hand auf meinen Arm, mich zurückzuhalten und rief einem Burschen in der Stube hinterm Laden zu, ein Päckchen Handschuhe fertig zu machen. »Ich wollte ihn eben«, sagte sie, »mit einem Päckchen in jenes Viertel schicken; und wenn Sie belieben einzutreten, so wird es in einem Augenblick getan sein, und er wird Sie nach dem Platze geleiten.« – Ich ging also mit ihr in den Laden hinein, und hob die Manschette, die sie auf den Stuhl gelegt hatte, auf, als ob ich mich setzen wollte; da nahm sie selbst auf ihrem niedrigen Sessel platz, und ich setzte mich sogleich neben sie.
– »In einem Augenblick, Monsieur«, sagte sie, »wird er fertig sein«. – »Und in diesem Augenblicke«, erwiderte ich, »möchte ich Ihnen gern etwas recht Artiges für all ihre Gefälligkeit sagen. Ein jeder kann wohl gelegentlich gutmütig sein; aber wiederholt so zu handeln, das zeigt, daß das Temperament daran seinen Anteil hat; und sicherlich«, fügte ich hinzu, »wenn das Blut, das vom Herzen ausgeht, dasselbe ist, welches die Extremitäten durchströmt (ich fasste ihr Handgelenk), so bin ich überzeugt, Sie müssen die Frau mit dem besten aller Pulsschläge sein.« – »Fühlen Sie ihn«, sagte sie und hielt mir den Arm hin. – Ich legte meinen Hut beiseit, hielt ihre Finger mit der einen Hand und legte zwei Finger der andern auf die Pulsader. –
– Beim Himmel! Mein teurer Eugenius, ich wünschte, du wärest vorbeigekommen und hättest mich in meinem schwarzen Rock ganz saftlos dort sitzen sehen, wie ich die Pulsschläge, einen nach dem andern, mit solcher Andacht zählte, als wär es ums kritische Auf und Ab ihres Fiebers gegangen. – Wie würdest du über meine neue Profession gelacht und moralisiert haben! – Und gelacht und moralisiert hättest Du – glaube mir, teurer Eugenius, ich hätte gesagt: »Es gibt schlimmere Arbeit auf dieser Welt, als einem Weibe den Puls fühlen.« – »Aber einer Grisette!« hättest du erwidert – »und in einem offenen Laden, Yorick!« –
– »Um so besser. Denn sind meine Absichten ehrbar, Eugenius, so ist's mir gleichgültig, ob mich die ganze Welt den Puls fühlen sieht.«
Der Ehemann
Paris
Ich hatte zwanzig Pulsschläge gezählt und zählte munter gegen vierzig, als unvermutet ihr Mann aus einem hintern Zimmer in den Laden kam und mich ein wenig aus dem Zählen brachte. – Es wäre niemand weiter als ihr Mann, sagte sie – und so begann ich von neuem zu zählen. – »Monsieur ist so gütig«, sagte sie zu ihrem Mann im Vorübergehen, »mir den Puls zu fühlen.« – Der Mann zog den Hut, verbeugte sich und sagte, ich erzeige ihm zu viel der Ehre – und dies gesagt, setzte er den Hut wieder auf und ging hinaus.
»Gütiger Gott!« sagte ich bei mir selber, wie er ging – »kann dies der Mann dieser Frau sein?!«
Mögen sich die Wenigen, die den Grund meiner Ausrufung kennen, nicht ärgern, wenn ich ihn für diejenigen erörtere, denen er unbekannt.
In London scheinen ein Händler und eines Händlers Frau Fleisch und Blut zu sein. In den verschiedenen geistigen wie leiblichen Eigenschaften ist bald das Eine, bald das Andere im Vorteil, aber so, daß sie sich im Allgemeinen die Waage halten und so nahtlos zu einander passen, wie bei Mann und Weib erforderlich.
In Paris dagegen gibt es kaum zwei Klassen von Wesen, die verschiedener sein könnten: Da im Laden der Mann weder Legislative noch Exekutive inne hat, so kommt er selten ins Geschäft; – ohne Verkehr sitzt er mit seiner wollenen Nachtmütze in irgend einem dunklen, trübseligen Hinterzimmer, eben derselbe rauhe Sohn der Natur, wie die Natur ihn schuf.
Der Genius eines Volkes, bei dem nichts als die Monarchie auf dem salischen Gesetze beruht, hat dieses Fach nebst verschiedenen andern gänzlich den Frauen abgetreten –: und so haben diese durch ein fortwährendes Markten mit Kunden aller Stände und Sinnesarten von Morgen bis in die Nacht, gleich rauhen Kieseln, die man lange in einem Beutel zusammen schüttelte, durch freundschaftliche Berührung ihre Rauhheiten und scharfen Kanten verloren und sind nicht nur rund und geschmeidig geworden, sondern einige von ihnen nehmen auch einen Glanz an gleich einem Brillanten. – Monsieur le Mari ist wenig besser als der Stein, auf den ihr tretet. –
– Wahrlich – wahrlich, Mensch! – es ist nicht gut, daß du allein seist – du wurdest für geselligen Umgang und liebenswürdigen Empfang geschaffen, und die Vervollkommnung, die unsere Natur dadurch erhält, ist mein Beweis.
– »Und wie schlägt er denn, Monsieur?« sagte sie. – »Mit all der Güte«, sagte ich, ihr ruhig in die Augen blickend, »die ich erwartet hatte.« – Sie wollte eben etwas Verbindliches darauf erwidern – aber der Bursche mit den Handschuhen kam in den Laden. »A-propos«, sagte ich, »ich brauche selbst ein Paar.«
Auf die Schnelle habe ich noch gefunden:
- Karl Eitner (1868), im Volltext bei gutenberg.de.
Außerdem:
- Yoricks Reise des Herzens durch Frankreich und Italien. Übersetzung von Helmut Findeisen. Dieterich, 1956; Insel, Frankfurt 1977
- Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Übersetzung von S. Schmitz. Winkler, München, ISBN 3-538-05193-3
Überrascht war ich, dass Bodes Übersetzung online nicht angeboten wird. Ich habe deshalb Eitners Übersetzung mit dem Original abgeglichen - sie ist nicht schlecht, oft aber zu wörtlich und zu umständlich - und zwei Kapitel daraus stark überarbeitet:
Der Puls
Paris
Gesegnet die kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens! Ihr macht den Pfad desselben kommod, gleich der Anmut und Schönheit, welche uns auf den ersten Blick zur Liebe geneigt machen; ihr seid's, die diese Pforte öffnen und dem Fremdling Einlass gewähren.
– »Verzeihen Sie, Madame«, sagte ich, »haben Sie die Güte, mir zu sagen, welchen Weg ich nehmen muß, um zur Opéra comique zu gelangen.« – »Sehr gern, Monsieur«, sagte sie und legte ihre Arbeit beiseite.
Wie ich einherging, hatte ich in ein halb dutzend Läden einen Blick geworfen und nach einem Gesicht ausgeschaut, welches sich durch eine derartige Störung nicht allzu sehr aus der Bahn werfen ließe; bis ich zuletzt, da ihres meiner Laune entsprach, hier eintrat.
Sie arbeitete an einem Paar Handkrausen, saß dabei auf einem niedrigen Sessel, der Ladentür gegenüber. –
– » Très-volontiers, sehr gern«, sagte sie, legte ihre Arbeit auf einen Stuhl und erhob sich aus dem niedrigen Sessel, auf dem sie saß, mit so munterer Bewegung und so heiterem Blicke, daß ich, hätte ich auch fünfzig Louisd'or bei ihr ausgegeben, doch gesagt haben würde: »Dies Frauenzimmer ist dankbar.« –
»Sie müssen sich, Monsieur«, sagte sie, indem sie mit mir bis zur Ladentür ging und den Weg die Straße hinab zeigte – »Sie müssen sich erst linker Hand halten – mais prenez garde – da sind zwei Abzweige; nehmen Sie den zweiten; dann gehen Sie die Straße ein wenig entlang – Sie werden eine Kirche sehen; und sobald Sie an der vorbei sind, bemühen Sie sich nur gleich nach rechts, so kommen Sie an die Pont Neuf; die müssen Sie überqueren – und dort wird Ihnen dann Jedermann mit Vergnügen den ferneren Weg weisen. –
Sie wiederholte ihre Unterweisung dreimal, das dritte Mal wie das erste mit artigster Geduld; und wenn Ausdruck und Benimm eine Bedeutung haben, was ja unbedingt der Fall ist, außer für Herzen, die sich dafür verschließen – so schien ihr wirklich sehr daran gelegen, daß ich mich nicht verirrte.
Ich will nicht annehmen, die Schönheit der Frau (wiewohl sie, denke ich, die hübscheste Grisette war, die ich je sah) habe an der Empfindung, die ihre Gefälligkeit in mir auslöste, großen Anteil gehabt: Jedoch erinnere ich mich, daß ich ihr, als ich ihr sagte, wie sehr ich ihr verpflichtet wäre, sehr tief in die Augen geblickt – und daß ich meinen Dank eben so oft wiederholte, als sie es mit ihrer Unterweisung getan.
Ich war noch nicht zehn Schritt von ihrer Tür, als mir auffiel, daß kein Quentchen von dem, was sie gesagt, mir in Erinnerung geblieben; – und also schaute ich zurück und sah sie noch in der Ladentür, als wenn sie sicher gehen wollte, ich ginge auch recht: Ich machte kehrt, sie zu fragen, ob es zuerst nach rechts oder links ginge – denn ich hatte es rein vergessen. – »Ist's möglich!« sagte sie halblachend. –»Das ist sehr möglich«, versetzte ich, »wenn ein Mann mehr an eine Frau denkt, als an ihren guten Rat.«
Da dies nichts als die Wahrheit war – so nahm sie es hin, wie jedes Weib etwas aufnimmt, das ihr zukommt: mit einem leichten Knicks.
»Attendez«, sagte sie, legte ihre Hand auf meinen Arm, mich zurückzuhalten und rief einem Burschen in der Stube hinterm Laden zu, ein Päckchen Handschuhe fertig zu machen. »Ich wollte ihn eben«, sagte sie, »mit einem Päckchen in jenes Viertel schicken; und wenn Sie belieben einzutreten, so wird es in einem Augenblick getan sein, und er wird Sie nach dem Platze geleiten.« – Ich ging also mit ihr in den Laden hinein, und hob die Manschette, die sie auf den Stuhl gelegt hatte, auf, als ob ich mich setzen wollte; da nahm sie selbst auf ihrem niedrigen Sessel platz, und ich setzte mich sogleich neben sie.
– »In einem Augenblick, Monsieur«, sagte sie, »wird er fertig sein«. – »Und in diesem Augenblicke«, erwiderte ich, »möchte ich Ihnen gern etwas recht Artiges für all ihre Gefälligkeit sagen. Ein jeder kann wohl gelegentlich gutmütig sein; aber wiederholt so zu handeln, das zeigt, daß das Temperament daran seinen Anteil hat; und sicherlich«, fügte ich hinzu, »wenn das Blut, das vom Herzen ausgeht, dasselbe ist, welches die Extremitäten durchströmt (ich fasste ihr Handgelenk), so bin ich überzeugt, Sie müssen die Frau mit dem besten aller Pulsschläge sein.« – »Fühlen Sie ihn«, sagte sie und hielt mir den Arm hin. – Ich legte meinen Hut beiseit, hielt ihre Finger mit der einen Hand und legte zwei Finger der andern auf die Pulsader. –
– Beim Himmel! Mein teurer Eugenius, ich wünschte, du wärest vorbeigekommen und hättest mich in meinem schwarzen Rock ganz saftlos dort sitzen sehen, wie ich die Pulsschläge, einen nach dem andern, mit solcher Andacht zählte, als wär es ums kritische Auf und Ab ihres Fiebers gegangen. – Wie würdest du über meine neue Profession gelacht und moralisiert haben! – Und gelacht und moralisiert hättest Du – glaube mir, teurer Eugenius, ich hätte gesagt: »Es gibt schlimmere Arbeit auf dieser Welt, als einem Weibe den Puls fühlen.« – »Aber einer Grisette!« hättest du erwidert – »und in einem offenen Laden, Yorick!« –
– »Um so besser. Denn sind meine Absichten ehrbar, Eugenius, so ist's mir gleichgültig, ob mich die ganze Welt den Puls fühlen sieht.«
Der Ehemann
Paris
Ich hatte zwanzig Pulsschläge gezählt und zählte munter gegen vierzig, als unvermutet ihr Mann aus einem hintern Zimmer in den Laden kam und mich ein wenig aus dem Zählen brachte. – Es wäre niemand weiter als ihr Mann, sagte sie – und so begann ich von neuem zu zählen. – »Monsieur ist so gütig«, sagte sie zu ihrem Mann im Vorübergehen, »mir den Puls zu fühlen.« – Der Mann zog den Hut, verbeugte sich und sagte, ich erzeige ihm zu viel der Ehre – und dies gesagt, setzte er den Hut wieder auf und ging hinaus.
»Gütiger Gott!« sagte ich bei mir selber, wie er ging – »kann dies der Mann dieser Frau sein?!«
Mögen sich die Wenigen, die den Grund meiner Ausrufung kennen, nicht ärgern, wenn ich ihn für diejenigen erörtere, denen er unbekannt.
In London scheinen ein Händler und eines Händlers Frau Fleisch und Blut zu sein. In den verschiedenen geistigen wie leiblichen Eigenschaften ist bald das Eine, bald das Andere im Vorteil, aber so, daß sie sich im Allgemeinen die Waage halten und so nahtlos zu einander passen, wie bei Mann und Weib erforderlich.
In Paris dagegen gibt es kaum zwei Klassen von Wesen, die verschiedener sein könnten: Da im Laden der Mann weder Legislative noch Exekutive inne hat, so kommt er selten ins Geschäft; – ohne Verkehr sitzt er mit seiner wollenen Nachtmütze in irgend einem dunklen, trübseligen Hinterzimmer, eben derselbe rauhe Sohn der Natur, wie die Natur ihn schuf.
Der Genius eines Volkes, bei dem nichts als die Monarchie auf dem salischen Gesetze beruht, hat dieses Fach nebst verschiedenen andern gänzlich den Frauen abgetreten –: und so haben diese durch ein fortwährendes Markten mit Kunden aller Stände und Sinnesarten von Morgen bis in die Nacht, gleich rauhen Kieseln, die man lange in einem Beutel zusammen schüttelte, durch freundschaftliche Berührung ihre Rauhheiten und scharfen Kanten verloren und sind nicht nur rund und geschmeidig geworden, sondern einige von ihnen nehmen auch einen Glanz an gleich einem Brillanten. – Monsieur le Mari ist wenig besser als der Stein, auf den ihr tretet. –
– Wahrlich – wahrlich, Mensch! – es ist nicht gut, daß du allein seist – du wurdest für geselligen Umgang und liebenswürdigen Empfang geschaffen, und die Vervollkommnung, die unsere Natur dadurch erhält, ist mein Beweis.
– »Und wie schlägt er denn, Monsieur?« sagte sie. – »Mit all der Güte«, sagte ich, ihr ruhig in die Augen blickend, »die ich erwartet hatte.« – Sie wollte eben etwas Verbindliches darauf erwidern – aber der Bursche mit den Handschuhen kam in den Laden. »A-propos«, sagte ich, »ich brauche selbst ein Paar.«
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Sterne übersetzen
adel-livre, 10:15h
...bernd-buch hat recht: Sternes "empfindsame Reise" beginnt ganz erfrischend unvermittelt, ganz modern, mit den drei Punkten, die so deutlich signalisieren, dass der Verfasser (und sein Leser?) mitten im Leben stehen, wenn die Erzählung einsetzt.
Und super, dass ein Reisebuch mit dem schönen Gedanken beginnt, dass man halt reisen müsse, damit die Leute die Ansichten ernst nehmen, die man über ein anderes Land äußert. Motto: Waren Sie denn überhaupt schon dort? (Die Autorität der Verfasserin dieses blogs ist zum Beispiel immens gewachsen, seit sie einen 48-stündigen Indien-Aufenthalt vorweisen kann. Falls es übrigens mit dem Bloggen wie mit dem Reisen geht: Nun habe ich auch einen ersten Blog vorzuweisen...)
Zurück zu Sterne: Der Leser der deutschen Übersetzung der "Sentimental Journey" darf nicht so unvermittelt mitten in das lebendige Buch springen: Er muss sich zuerst durch den süßen Brei von Bodes Vorwort kämpfen, ehe er mit Sterne zusammen das Schlaraffenland (Frankreich...) erreicht. Der "Literaturzirkel Berlin" befand deshalb bei seinem gestrigen Wochentreffen: Leichter wäre der Einstieg ohne das Vorwort des Übersetzers.
Ob es auch mit einer anderen Übersetzung leichter wäre, beim Lesen am Ball zu bleiben, konnten wir nicht entscheiden: Es gibt sie nicht! (Warum eigentlich nicht? War das Buch lange Zeit vergessen, oder galt Bode als so große Autorität, dass sich keiner traute? Ein Mini-Probekapitel aus RICHmond wäre jedenfalls eine echte BeREICHerung...)
Und super, dass ein Reisebuch mit dem schönen Gedanken beginnt, dass man halt reisen müsse, damit die Leute die Ansichten ernst nehmen, die man über ein anderes Land äußert. Motto: Waren Sie denn überhaupt schon dort? (Die Autorität der Verfasserin dieses blogs ist zum Beispiel immens gewachsen, seit sie einen 48-stündigen Indien-Aufenthalt vorweisen kann. Falls es übrigens mit dem Bloggen wie mit dem Reisen geht: Nun habe ich auch einen ersten Blog vorzuweisen...)
Zurück zu Sterne: Der Leser der deutschen Übersetzung der "Sentimental Journey" darf nicht so unvermittelt mitten in das lebendige Buch springen: Er muss sich zuerst durch den süßen Brei von Bodes Vorwort kämpfen, ehe er mit Sterne zusammen das Schlaraffenland (Frankreich...) erreicht. Der "Literaturzirkel Berlin" befand deshalb bei seinem gestrigen Wochentreffen: Leichter wäre der Einstieg ohne das Vorwort des Übersetzers.
Ob es auch mit einer anderen Übersetzung leichter wäre, beim Lesen am Ball zu bleiben, konnten wir nicht entscheiden: Es gibt sie nicht! (Warum eigentlich nicht? War das Buch lange Zeit vergessen, oder galt Bode als so große Autorität, dass sich keiner traute? Ein Mini-Probekapitel aus RICHmond wäre jedenfalls eine echte BeREICHerung...)
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Donnerstag, 19. November 2009
Empfindsame Reise / Leseeindrücke
bernd_buch, 17:14h
Dass mir das Buch sehr gefällt, hatte ich schon gesagt. Hier ein paar Gründe, warum:
Das Unvermittelte
Gleich zu Beginn wird man mitten ins Geschehen geschubst. Mit wem sich Yorick unterhält, wo, und worum es geht, erfahren wir nicht. Sterne schneidet mitten ins Gespräch - und schon wenige Zeilen danach hat Yorick gepackt, den Kanal überquert und ist in Calais. Beeindruckendes Tempo!
Dazu kommt, dass reale Zeit und erlebte Zeit extrem auseinanderklaffen. Auf der ersten halben Seite vergehen etwa zwei Tage. Darauf folgen 10 - 15 Seiten, in denen nur eine Stunde vergeht (der Mönch, die Dame, die Remise). Das Empfindsame wird dadurch spürbar - denn wichtig ist nur das Empfundene, alles andere verdampft.
Folgerichtig erscheint das Vorwort auch erst nach einigen Kapiteln - dann, als Yorick endlich durchschnaufen und die äußeren Eindrücke ausblenden kann.
Gleichzeitigkeit von Witz und Empfindsamkeit
Empfindsame Passagen (Mönch, der Mann mit dem Esel, Maria, der Vogel) und witzige (der Wirt, La Fleur, die Handschuhverkäuferin) wechseln sich ab - ohne dass sie einander aushebeln. Sie bleiben gleichermaßen gültig nebeneinander stehen. Yorick ist von der Klage über den toten Esel sehr gerührt, gleich darauf aber verärgert, dass der Kutscher kein seinen Gefühlen entsprechendes Tempo einschlägt.
Ähnlich verhält es sich mit Moral / Religion / Erotik - wobei hier das Pendel zugunsten letzterer ausschlägt - siehe das finale aus der Reihe der mit "Der Pass - Versailles" betiteleten Kapitel (meine Übersetzung):
"Jedoch - nichts auf dieser Welt ist ohne Beimischung, und einige unserer gestrengsten Geistlichen gehen gar so weit, zu behaupten, dass selbst der Genuss vom Seufzen begleitet wird - und dass der höchste der ihnen bekannten im Großen und Ganzen mit nichts weniger ende, als einem Krampf."
Das "nichts auf dieser Welt ist ohne Beimischung" könnte dem Buch als Motto dienen.
Material
________________
sentimental / empfindsam
In meiner Peguin-Ausgabe wird zum Begriff "sentimental" angemerkt, dass der Erfolg von Sternes Buch dazu führte, dass der Begriff "sentimental" (in der Bedeutung "empfindsam") ins Deutsche und Französische eingeführt wurde.
Allerdings ist es wohl noch etwas komplizierter. In der dt. Wikipedia steht:
"Der Musiker und Verleger Johann Joachim Christoph Bode übersetzte Sternes Roman als 'Yoriks empfindsame Reise' 1768 ins Deutsche, und der Roman wurde in Deutschland ebenso erfolgreich wie vorher in England. Das Wort 'empfindsam' war ein Neologismus, den Gotthold Ephraim Lessing Bode als Übersetzung für 'sentimental' vorgeschlagen hatte, und der in der Folge auf die ganze Epoche als Epoche der Empfindsamkeit übertragen wurde."
________________
Einige Ilustrationen
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Angelica_Kauffmann_002.jpg
http://tinyurl.com/yl8thez
http://tinyurl.com/yzletts
http://tinyurl.com/y9y3mbt
________________
Allerlei Links (englisch)
http://www1.gifu-u.ac.jp/~masaru/Sterne_on_the_Net.html
Das Unvermittelte
Gleich zu Beginn wird man mitten ins Geschehen geschubst. Mit wem sich Yorick unterhält, wo, und worum es geht, erfahren wir nicht. Sterne schneidet mitten ins Gespräch - und schon wenige Zeilen danach hat Yorick gepackt, den Kanal überquert und ist in Calais. Beeindruckendes Tempo!
Dazu kommt, dass reale Zeit und erlebte Zeit extrem auseinanderklaffen. Auf der ersten halben Seite vergehen etwa zwei Tage. Darauf folgen 10 - 15 Seiten, in denen nur eine Stunde vergeht (der Mönch, die Dame, die Remise). Das Empfindsame wird dadurch spürbar - denn wichtig ist nur das Empfundene, alles andere verdampft.
Folgerichtig erscheint das Vorwort auch erst nach einigen Kapiteln - dann, als Yorick endlich durchschnaufen und die äußeren Eindrücke ausblenden kann.
Gleichzeitigkeit von Witz und Empfindsamkeit
Empfindsame Passagen (Mönch, der Mann mit dem Esel, Maria, der Vogel) und witzige (der Wirt, La Fleur, die Handschuhverkäuferin) wechseln sich ab - ohne dass sie einander aushebeln. Sie bleiben gleichermaßen gültig nebeneinander stehen. Yorick ist von der Klage über den toten Esel sehr gerührt, gleich darauf aber verärgert, dass der Kutscher kein seinen Gefühlen entsprechendes Tempo einschlägt.
Ähnlich verhält es sich mit Moral / Religion / Erotik - wobei hier das Pendel zugunsten letzterer ausschlägt - siehe das finale aus der Reihe der mit "Der Pass - Versailles" betiteleten Kapitel (meine Übersetzung):
"Jedoch - nichts auf dieser Welt ist ohne Beimischung, und einige unserer gestrengsten Geistlichen gehen gar so weit, zu behaupten, dass selbst der Genuss vom Seufzen begleitet wird - und dass der höchste der ihnen bekannten im Großen und Ganzen mit nichts weniger ende, als einem Krampf."
Das "nichts auf dieser Welt ist ohne Beimischung" könnte dem Buch als Motto dienen.
Material
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sentimental / empfindsam
In meiner Peguin-Ausgabe wird zum Begriff "sentimental" angemerkt, dass der Erfolg von Sternes Buch dazu führte, dass der Begriff "sentimental" (in der Bedeutung "empfindsam") ins Deutsche und Französische eingeführt wurde.
Allerdings ist es wohl noch etwas komplizierter. In der dt. Wikipedia steht:
"Der Musiker und Verleger Johann Joachim Christoph Bode übersetzte Sternes Roman als 'Yoriks empfindsame Reise' 1768 ins Deutsche, und der Roman wurde in Deutschland ebenso erfolgreich wie vorher in England. Das Wort 'empfindsam' war ein Neologismus, den Gotthold Ephraim Lessing Bode als Übersetzung für 'sentimental' vorgeschlagen hatte, und der in der Folge auf die ganze Epoche als Epoche der Empfindsamkeit übertragen wurde."
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Einige Ilustrationen
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Angelica_Kauffmann_002.jpg
http://tinyurl.com/yl8thez
http://tinyurl.com/yzletts
http://tinyurl.com/y9y3mbt
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Allerlei Links (englisch)
http://www1.gifu-u.ac.jp/~masaru/Sterne_on_the_Net.html
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