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Freitag, 5. März 2010
Levi-Kertesz-Müller Eine Rückwärts-Lektüre
adel-livre, 15:53h
Levis Buch wirkt im Vergleich zu Kertecz und Müller mehr wie ein Bericht, die erzählende Hauptfigur scheint mehr Distanz zu haben.
Schlimme Erlebnisse und vernichtende Gefühle (z.B. im Labor, wo die Gefangenen merken, wie sie auf die weiblichen Assistentinnen wirken) treffen den Leser aber gerade deshalb oft besonders heftig; möglicherweise ist dies das traurigste, tragischste Buch der Reihe. Auch die Titelfrage deutet darauf hin Die Opfer einer unmenschlichen Behandlung verlieren ihre Menschlichkeit. Das ist zutiefst schockierend, sollte doch zuerst die Menschlichkeit der TÄTER angezweifelt werden. Doch offensichtlich ist die Menschenwürde, die laut Grundgesetz nicht angetastet werden darf, durchaus "antastbar".
Eigentlich haben wir unsere Reihe in der "falschen" Reihenfolge angelegt: Levis Buch ist zuerst erschienen, Müllers zuletzt. Müller wie Kertesz kannten Levi und haben ihre Bücher bewusst davon abgesetzt. Das sowjetische Arbeitslager kommt auch historisch zuletzt, mit Levis Buch im Hintergrund versteht man viele Details aus dem "Roman eines Schicksallosen" besser. Leichter wäre also die Reihenfolge: Levi-Kertesz-Müller. Doch ein gut geführter Zirkel darf es sich schwer machen...Und die umgekehrte Reihenfolge hat den ausgesprochenen Reiz, dass die Fakten, die zuletzt (von Levi) kommen, die Romane von Müller und Kertesz auf ein solideres Fundament stellen.
Das gilt vor allem für dieThemen, die in allen drei Büchern vorkommen: An erster Stelle der Hunger, dann die Bedeutung des Gehenkönnens und der Schuhe, nicht zuletzt aber die Krankheiten. In gewisser Weise beglaubigen die drei Bücher sich gegenseitig.
In allen drei Geschichten ist am Anfang eine Gemeinschaft da, die sich spätestens beim Transport herausbildet: Nach dem Transport ins Lager verlieren sich diese Menschen, es folgt eine Phase der Vereinsamung. Schließlich finden die Erzähler neue, hilfreiche Menschen. Sie kommen aus verschiedenen Ländern. Bei Levi sind es zum Beispiel die zwei Franzosen. Dadurch werden Sprache und Verständigung zum Thema.
Zur Düsternis von Levis Buch trägt auch bei, dass hier die Lebenden und die Toten so nah beieinander sind, oft tagelang im selben Raum liegen (Bei Kertesz ist das einmal so, als er mit einem gestorbenen Jungen im Bett liegt und dessen Ration verzehrt.)
In allen drei Lager-Büchern geht es meiner Ansicht auch um die Fundamente von Kultur und Zusammenleben. Das wirft die alte Frage auf: Warum wehren sich die Menschen nicht, wenn diese Fundamente in Frage gestellt werden? Welche Rolle spielen dabei die diffizilen und irrationalen Regelwerke, die in den Lagern gelten - und deren Übertretung tödlich wäre? Inwiefern nehmen also gerade sie den Menschen, die ihnen unterworfen werden, das Mensch-Sein?
Alle drei Bücher zeigen, wie Menschen sich unter diesen Bedingungen entwickeln, wie sie sich zueinander verhalten, und wie das vom jeweiligen "Charakter" geprägt wird.
Ich finde - nun in unserer Reihenfolge betrachtet:
Herta Müller wirft am heftigsten die Frage auf, ob ein Mensch sich nach dem Lager wieder in die "normale" Gesellschaft draußen einfädeln kann.
Imre Kertesz wirft am heftigsten die Frage auf, ob und wie ein Mensch nach dem Lager über das Lager Auskunft geben kann.
Primo Levi wirft am heftigsten die Frage auf, ob dieser Mensch dann noch ein Mensch ist.
Immerhin: Die Frage von Kertesz haben alle drei mit "Ja" beantwortet.
Schlimme Erlebnisse und vernichtende Gefühle (z.B. im Labor, wo die Gefangenen merken, wie sie auf die weiblichen Assistentinnen wirken) treffen den Leser aber gerade deshalb oft besonders heftig; möglicherweise ist dies das traurigste, tragischste Buch der Reihe. Auch die Titelfrage deutet darauf hin Die Opfer einer unmenschlichen Behandlung verlieren ihre Menschlichkeit. Das ist zutiefst schockierend, sollte doch zuerst die Menschlichkeit der TÄTER angezweifelt werden. Doch offensichtlich ist die Menschenwürde, die laut Grundgesetz nicht angetastet werden darf, durchaus "antastbar".
Eigentlich haben wir unsere Reihe in der "falschen" Reihenfolge angelegt: Levis Buch ist zuerst erschienen, Müllers zuletzt. Müller wie Kertesz kannten Levi und haben ihre Bücher bewusst davon abgesetzt. Das sowjetische Arbeitslager kommt auch historisch zuletzt, mit Levis Buch im Hintergrund versteht man viele Details aus dem "Roman eines Schicksallosen" besser. Leichter wäre also die Reihenfolge: Levi-Kertesz-Müller. Doch ein gut geführter Zirkel darf es sich schwer machen...Und die umgekehrte Reihenfolge hat den ausgesprochenen Reiz, dass die Fakten, die zuletzt (von Levi) kommen, die Romane von Müller und Kertesz auf ein solideres Fundament stellen.
Das gilt vor allem für dieThemen, die in allen drei Büchern vorkommen: An erster Stelle der Hunger, dann die Bedeutung des Gehenkönnens und der Schuhe, nicht zuletzt aber die Krankheiten. In gewisser Weise beglaubigen die drei Bücher sich gegenseitig.
In allen drei Geschichten ist am Anfang eine Gemeinschaft da, die sich spätestens beim Transport herausbildet: Nach dem Transport ins Lager verlieren sich diese Menschen, es folgt eine Phase der Vereinsamung. Schließlich finden die Erzähler neue, hilfreiche Menschen. Sie kommen aus verschiedenen Ländern. Bei Levi sind es zum Beispiel die zwei Franzosen. Dadurch werden Sprache und Verständigung zum Thema.
Zur Düsternis von Levis Buch trägt auch bei, dass hier die Lebenden und die Toten so nah beieinander sind, oft tagelang im selben Raum liegen (Bei Kertesz ist das einmal so, als er mit einem gestorbenen Jungen im Bett liegt und dessen Ration verzehrt.)
In allen drei Lager-Büchern geht es meiner Ansicht auch um die Fundamente von Kultur und Zusammenleben. Das wirft die alte Frage auf: Warum wehren sich die Menschen nicht, wenn diese Fundamente in Frage gestellt werden? Welche Rolle spielen dabei die diffizilen und irrationalen Regelwerke, die in den Lagern gelten - und deren Übertretung tödlich wäre? Inwiefern nehmen also gerade sie den Menschen, die ihnen unterworfen werden, das Mensch-Sein?
Alle drei Bücher zeigen, wie Menschen sich unter diesen Bedingungen entwickeln, wie sie sich zueinander verhalten, und wie das vom jeweiligen "Charakter" geprägt wird.
Ich finde - nun in unserer Reihenfolge betrachtet:
Herta Müller wirft am heftigsten die Frage auf, ob ein Mensch sich nach dem Lager wieder in die "normale" Gesellschaft draußen einfädeln kann.
Imre Kertesz wirft am heftigsten die Frage auf, ob und wie ein Mensch nach dem Lager über das Lager Auskunft geben kann.
Primo Levi wirft am heftigsten die Frage auf, ob dieser Mensch dann noch ein Mensch ist.
Immerhin: Die Frage von Kertesz haben alle drei mit "Ja" beantwortet.
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Dienstag, 16. Februar 2010
Roman eines Schicksallosen - Die zweite Sitzung
marek_bergmann, 22:13h
In der zweiten Sitzung war das Echo wesentlich freundlicher als in der Sitzung zuvor. Kértesz genuine Darstellung wurde diesmal nicht mehr als so künstlich, bzw. störend empfunden. Als hilfreich erwies sich vor allem der Bezug zum Buch "Dossier K." aus dem Dorothea viel Interessantes zu referieren wußte.
Besonders die Frage nach dem Romantitel wurde hier beantwortet. Hierzu schreibt Kértesz im Dossier K.
„Ich habe den Roman eines Schicksallosen nie einen Holocaust-Roman genannt wie andere, weil das, was man Holocaust nennt, in einem Roman nicht faßbar ist. Ich habe über einen Zustand geschrieben, und obzwar der Roman das unsagbare Erlebnis der Todeslager als eine allgemein menschliche Erfahrung zu gestalten sucht, habe ich mich in erster Linie doch mit den ethischen Folgen des Erlebens und Überlebens befaßt. Deshalb wählte ich für den Titel den Begriff Schicksallosigkeit. Das Erlebnis der Todeslager wird nämlich dort zu einer allgemein menschlichen Erfahrung, wo ich auf die Universalität de Erlebnisses stoße. Und das ist die Schicksallosigkeit, dieser charakteristische Zug der Diktaturen, den Menschen seines eigenen Schicksals zu enteignen, es in ein Massenschicksal zu verwandeln, ihn zu verstaatlichen, zu entpersönlichen“ (Seite 78)
Schicksallos bedeutet also Massenschicksal und nicht wie man eher denken könnte ohne besonderes Schicksal. Ebenso wenig kann die kurz angedachte Möglichkeit, dass Kertész mit Schicksal an eine spezielle jüdische Konnotation dachte, d.h. Annehmen des eigenen Leids, als Erklärung für den Romantitel dienen.
Verwunderlich erschien uns nur, dass im Roman eine andere Lesart erscheint. In seiner Rede gegen Steiner und Fleischmann (Seite 283-284 der Taschenbuchausgabe) verwahrt sich György dagegen seine Deportation als Schicksal im Sinne von einziges großes Unglück zu sehen. Sowohl in dieser Rede als auch in seinem Gespräch zuvor mit dem Journalisten fokussiert er sich gegen allzu große Anteilnahme und behauptet seine individuelle Freiheit. So auf Seite 284:
„Aber auch so habe ich ihnen erklärt, daß man nie ein neues Leben beginnen, sondern immer nur das alte fortsetzen kann. Ich und kein anderer hat meine Schritte gemacht, und ich behaupte, mit Anstand.“
In seinen Reden setzt György zwar die die Sicht voraus, dass ein Mensch im Lager zu einem Schicksalslosen wird, indem seine Gegenüber zu einem Sprachrohr hierfür werden. Gleichzeitig möchte er aber diese Haltung überwinden, indem er das Recht der persönlichen Existenz auch Angesichts der Massendeportation behauptet. Der Widerspruch wirkt umso stärker, da ein Romantitel ja gerne wie ein letztes Wort wirkt, jetzt aber in Frage gestellt wirkt. Aber muss man Görygys Rede als Rede des Autors lesen? Oder ist es die Augenblickssicht eines 16-jährigen, der in ersten Möglichkeitserkundungen versucht eine Antwort auf das Geschehen zu finden? Mir erscheint hier das gesamte Schlusskapitel wesentlich differenzierter als nach meiner ersten Lektüre und es lohnt sich wohl dieses noch genauer zu beleuchten. Als Beispiel hierfür eine Stelle auf Seite 265:
„Sie [die Leute] wollten wissen, ob wir aus dem Konzentrationslager kämen, und fragten viele von uns, so auch mich, ob wir dort nicht vielleicht einem ihrer Angehörigen begegnet seien, einem mit diesem oder jenem Namen. Ich sagte ihnen, im Konzentrationslager hätten die Menschen im allgemeinen keinen Namen. Daraufhin bemühten sie sich, das Äußere, das Gesicht, die Haarfarbe, die besonderen Merkmale des Betreffenden zu beschreiben, und ich versuchte ihnen begreiflich zu machen, daß das keinen Zweck habe, weil sich die Menschen im Konzentrationslager zumeist sehr verändern.“
Dabei erscheint diese Stelle nicht nur als Beleg für die Schicksallosigkeit, hier exemplifiziert durch das Verschwinden des individuellen Gesichts, sie ist auch kennzeichnend für den veränderten Stil des Ich-Erzählers im letzten Kapitel. Dessen Sicht wirkt jetzt viel klarer, weniger kommentierend und vor allem erwachsener als zuvor. (Was jedoch keine Abwertung der vorhergehenden ist.) Auch die Begegnung mit dem Mann, welcher nach der Existenz der Gaskammern fragt, erwähnten wir. Kertész gelingt es meiner Ansicht nach an dieser Stelle durch einen bloßen Dialog auf ausgezeichnete Art einen Menschen und dadurch eine ganze Haltung zu charakterisieren.
Bemerkenswert erneut die Parallele zu der Atemschaukel. Auch hier kommt die Hauptfigur am Ende nach Hause und findet sich nicht zurecht. Doch während bei Herta Müller ein langer Zeitraum geschildert wird, geschieht dies bei Kertész an einem Tag. Die Hungerbeschreibungen, die wir bereits in der letzten Sitzung mit der Atemschaukel verglichen hatten, erschienen uns nun deutlich drastischer. Auch wenn György diese vielleicht etwas distanzierter erzählt, so ist doch die Wirkung sehr stark.
Ferner diskutierten wir folgende Stelle aus dem Dossier K.
„Ich weiß nicht, wann mir zum ersten Mal der Gedanke kam, daß irgendein schrecklicher Irrtum, eine teuflische Ironie in der Weltordnung am Werk sein muß, während du sie als geordnetes normales Leben erlebst, und dieser schreckliche Irrtum ist die Kultur selbst, das Ideengebäude, die Sprache und die Begriffe, die vor dir verbergen, daß du schon längst ein wie geschmiert funktionierender Bestandteil der zu deiner eigenen Vernichtung geschaffenen Maschinerie bist. Das Geheimnis des Überlebens ist die Kollaboration, doch dies einzugestehen, fällt als derartige Schande auf dich zurück, daß du es, statt sie auf dich zu nehmen, lieber läßt."
Merkwürdigerweise findet sich auch für diese Bemerkung keinen direkten Hinweis in dem Roman. Ein Ansatzpunkt wäre sich zu fragen, ob die besondere Sprachwahl eine Rolle spielt. Schafft Kertész hier eine neue Figur, um sich auch dadurch von dem eigenen Selbst abzugrenzen? Bedenkt man, dass er im Dossier K. davon sprach, dass er ausdrücklich keine Autobiographie sondern einen Roman geschrieben hat, so scheint dieser Hinweis richtig zu sein. Auch ist es wichtig, dass es ihm bei der Niederschrift darum ging, nicht einfach Erlebtes wiederzugeben, sondern jedes Element soll konstruktiv für den Roman sein, anstatt nur Anekdote zu sein. Es wird keine Erinnerung berichtet, sondern eine neue Welt erschaffen, die auch hätte anders verlaufen können.
Somit ist auch die an dem Abend aufgeworfene Frage beantwortet, ob man eigentlich überhaupt einen Roman mit dem Hintergrund des Lagers schreiben kann. Zumindest Kertész hat diese Frage positiv beantwortet. Und in dieselbe Richtung geht Hilbig in seinem Roman „Ich“, in dem er zwar nicht das Lager, aber die Stasiverstrickung als Folie benutzt um ein Werk zu schaffen, welches mehr in der Fiktion als in der Realität beheimatet ist.
Zum Abschluss soll nicht verschwiegen werden, dass wir für die fernere Zukunft eine Lesereise Schnee ins Auge gefasst haben, wenngleich die Umstände wohl dann nicht mehr so günstig sein werden wie momentan.
Besonders die Frage nach dem Romantitel wurde hier beantwortet. Hierzu schreibt Kértesz im Dossier K.
„Ich habe den Roman eines Schicksallosen nie einen Holocaust-Roman genannt wie andere, weil das, was man Holocaust nennt, in einem Roman nicht faßbar ist. Ich habe über einen Zustand geschrieben, und obzwar der Roman das unsagbare Erlebnis der Todeslager als eine allgemein menschliche Erfahrung zu gestalten sucht, habe ich mich in erster Linie doch mit den ethischen Folgen des Erlebens und Überlebens befaßt. Deshalb wählte ich für den Titel den Begriff Schicksallosigkeit. Das Erlebnis der Todeslager wird nämlich dort zu einer allgemein menschlichen Erfahrung, wo ich auf die Universalität de Erlebnisses stoße. Und das ist die Schicksallosigkeit, dieser charakteristische Zug der Diktaturen, den Menschen seines eigenen Schicksals zu enteignen, es in ein Massenschicksal zu verwandeln, ihn zu verstaatlichen, zu entpersönlichen“ (Seite 78)
Schicksallos bedeutet also Massenschicksal und nicht wie man eher denken könnte ohne besonderes Schicksal. Ebenso wenig kann die kurz angedachte Möglichkeit, dass Kertész mit Schicksal an eine spezielle jüdische Konnotation dachte, d.h. Annehmen des eigenen Leids, als Erklärung für den Romantitel dienen.
Verwunderlich erschien uns nur, dass im Roman eine andere Lesart erscheint. In seiner Rede gegen Steiner und Fleischmann (Seite 283-284 der Taschenbuchausgabe) verwahrt sich György dagegen seine Deportation als Schicksal im Sinne von einziges großes Unglück zu sehen. Sowohl in dieser Rede als auch in seinem Gespräch zuvor mit dem Journalisten fokussiert er sich gegen allzu große Anteilnahme und behauptet seine individuelle Freiheit. So auf Seite 284:
„Aber auch so habe ich ihnen erklärt, daß man nie ein neues Leben beginnen, sondern immer nur das alte fortsetzen kann. Ich und kein anderer hat meine Schritte gemacht, und ich behaupte, mit Anstand.“
In seinen Reden setzt György zwar die die Sicht voraus, dass ein Mensch im Lager zu einem Schicksalslosen wird, indem seine Gegenüber zu einem Sprachrohr hierfür werden. Gleichzeitig möchte er aber diese Haltung überwinden, indem er das Recht der persönlichen Existenz auch Angesichts der Massendeportation behauptet. Der Widerspruch wirkt umso stärker, da ein Romantitel ja gerne wie ein letztes Wort wirkt, jetzt aber in Frage gestellt wirkt. Aber muss man Görygys Rede als Rede des Autors lesen? Oder ist es die Augenblickssicht eines 16-jährigen, der in ersten Möglichkeitserkundungen versucht eine Antwort auf das Geschehen zu finden? Mir erscheint hier das gesamte Schlusskapitel wesentlich differenzierter als nach meiner ersten Lektüre und es lohnt sich wohl dieses noch genauer zu beleuchten. Als Beispiel hierfür eine Stelle auf Seite 265:
„Sie [die Leute] wollten wissen, ob wir aus dem Konzentrationslager kämen, und fragten viele von uns, so auch mich, ob wir dort nicht vielleicht einem ihrer Angehörigen begegnet seien, einem mit diesem oder jenem Namen. Ich sagte ihnen, im Konzentrationslager hätten die Menschen im allgemeinen keinen Namen. Daraufhin bemühten sie sich, das Äußere, das Gesicht, die Haarfarbe, die besonderen Merkmale des Betreffenden zu beschreiben, und ich versuchte ihnen begreiflich zu machen, daß das keinen Zweck habe, weil sich die Menschen im Konzentrationslager zumeist sehr verändern.“
Dabei erscheint diese Stelle nicht nur als Beleg für die Schicksallosigkeit, hier exemplifiziert durch das Verschwinden des individuellen Gesichts, sie ist auch kennzeichnend für den veränderten Stil des Ich-Erzählers im letzten Kapitel. Dessen Sicht wirkt jetzt viel klarer, weniger kommentierend und vor allem erwachsener als zuvor. (Was jedoch keine Abwertung der vorhergehenden ist.) Auch die Begegnung mit dem Mann, welcher nach der Existenz der Gaskammern fragt, erwähnten wir. Kertész gelingt es meiner Ansicht nach an dieser Stelle durch einen bloßen Dialog auf ausgezeichnete Art einen Menschen und dadurch eine ganze Haltung zu charakterisieren.
Bemerkenswert erneut die Parallele zu der Atemschaukel. Auch hier kommt die Hauptfigur am Ende nach Hause und findet sich nicht zurecht. Doch während bei Herta Müller ein langer Zeitraum geschildert wird, geschieht dies bei Kertész an einem Tag. Die Hungerbeschreibungen, die wir bereits in der letzten Sitzung mit der Atemschaukel verglichen hatten, erschienen uns nun deutlich drastischer. Auch wenn György diese vielleicht etwas distanzierter erzählt, so ist doch die Wirkung sehr stark.
Ferner diskutierten wir folgende Stelle aus dem Dossier K.
„Ich weiß nicht, wann mir zum ersten Mal der Gedanke kam, daß irgendein schrecklicher Irrtum, eine teuflische Ironie in der Weltordnung am Werk sein muß, während du sie als geordnetes normales Leben erlebst, und dieser schreckliche Irrtum ist die Kultur selbst, das Ideengebäude, die Sprache und die Begriffe, die vor dir verbergen, daß du schon längst ein wie geschmiert funktionierender Bestandteil der zu deiner eigenen Vernichtung geschaffenen Maschinerie bist. Das Geheimnis des Überlebens ist die Kollaboration, doch dies einzugestehen, fällt als derartige Schande auf dich zurück, daß du es, statt sie auf dich zu nehmen, lieber läßt."
Merkwürdigerweise findet sich auch für diese Bemerkung keinen direkten Hinweis in dem Roman. Ein Ansatzpunkt wäre sich zu fragen, ob die besondere Sprachwahl eine Rolle spielt. Schafft Kertész hier eine neue Figur, um sich auch dadurch von dem eigenen Selbst abzugrenzen? Bedenkt man, dass er im Dossier K. davon sprach, dass er ausdrücklich keine Autobiographie sondern einen Roman geschrieben hat, so scheint dieser Hinweis richtig zu sein. Auch ist es wichtig, dass es ihm bei der Niederschrift darum ging, nicht einfach Erlebtes wiederzugeben, sondern jedes Element soll konstruktiv für den Roman sein, anstatt nur Anekdote zu sein. Es wird keine Erinnerung berichtet, sondern eine neue Welt erschaffen, die auch hätte anders verlaufen können.
Somit ist auch die an dem Abend aufgeworfene Frage beantwortet, ob man eigentlich überhaupt einen Roman mit dem Hintergrund des Lagers schreiben kann. Zumindest Kertész hat diese Frage positiv beantwortet. Und in dieselbe Richtung geht Hilbig in seinem Roman „Ich“, in dem er zwar nicht das Lager, aber die Stasiverstrickung als Folie benutzt um ein Werk zu schaffen, welches mehr in der Fiktion als in der Realität beheimatet ist.
Zum Abschluss soll nicht verschwiegen werden, dass wir für die fernere Zukunft eine Lesereise Schnee ins Auge gefasst haben, wenngleich die Umstände wohl dann nicht mehr so günstig sein werden wie momentan.
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Sonntag, 7. Februar 2010
Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen / 1. Hälfte
bernd_buch, 21:54h
Der Roman von Kertész, den ich nun bis einschließlich des 5. Kapitels gelesen habe, gefällt mir bislang sehr sehr gut: Ausgesprochen gelungen, ja beschwingend, bezaubernd schön finde ich Stil und Sprache. Wie in Mareks Protokoll ja schon erwähnt, handelt es sich dabei nicht um den Versuch, Jugendsprache der Zeit realistisch wiederzugeben; Kertész gelingt es einen Stil zu finden, in dem das naive, buben- und pennälerhafte einer solchen Jugendperspektive aufs Schönste kunstvoll in oft lustige Satzperioden geformt wird. Sehr gelungen ist der Einsatz von Floskeln, die dem Ton einerseits seine Leichtigkeit geben, andererseits gerade den Schrecken, der als solcher bewusst ja fast gar nicht wahrgenommen wird, elegant und vertrackt doch wieder einfließen lässt:
"In der Nähe unseres Lagers liegt - wie ich erfahre - eine bildungsmäßig gesehen namhafte Stadt, Weimar, deren Ruhm zuhause auch schon Lehrstoff gewesen war, versteht sich: hier hatte unter anderen jener Mann gelebt und gewirkt, dessen Gedicht 'Wer reitet so spät durch Nacht und Wind auch ich ohne Buch auswendig kann und von dem sich hier irgendwo - wie es heißt - ein eigenhändig gepflanzter und seither tiefverwurzelter und weitverzweigter Baum, mit einer Gedenktafel versehen und vor uns Häftlingen durch einen Zaun geschützt, auf dem Lagergelände befindet - so heißt es." (S. 188)
Diese, wie viele andere, traumhaft schöne und ungemein treffend gedrechselte Satzkonstruktionen werden in ihrem Effekt noch verstärkt durch die indirekte Rede, durch regelmäßig eingestreute Zitatfetzen und immer auch mal wieder durch abstrus übergenaue Angaben unwichtigster Details: "Das Ganze, der ganz Vorfall, hat ungefähr so drei bis vier Minuten beansprucht, wenn ich genau sein wollte." (S. 141) "Die Untersuchung selbst kann im übrigen nicht mehr als etwa zwei, drei Sekunden (annähernd) gedauert habe." (S. 126)
Am ehesten erinnert mich Kertész Stil an Robert Walsers erstes Prosabuch, Fritz Kochers Aufsätze, in dem eben bewusst auch der schülerhafte Stil Kobolz schlägt:
"Unsere Stadt hat viel Industrie, das kommt, weil sie viele Fabriken hat. Fabriken und ihre Umgebung sehen unschön aus. Da ist die Luft schwarz und dick, und ich begreife nicht, warum man sich mit so unsauberen Dingen abgeben kann. Ich bekümmere mich nicht, was in den Fabriken gemacht wird. Ich weiß nur, daß alle armen Leute in der Fabrik arbeiten, vielleicht zur Strafe, daß sie so arm sind. Wir haben hübsche Straßen, und überall blicken grüne Bäume zwischen den Häusern hervor. Wenn es regnet, sind die Straßen recht schmutzig. Bei uns wird wenig für die Straßen getan. Vater sagt das." ("Unsere Stadt", in: Fritz Kochers Aufsätze, S. 36)
Was den Aufbau von Kertész' Roman betrifft, finde ich es sehr gelungen, dass - vor allem zu Beginn - mehrmals zwischen den Kapiteln ein Zeitsprung stattfindet - ohne dass groß vermittelt wird, was mittlerweile geschah. Man ist so im Geschehen, in der unmittelbaren Sicht des Erzählers viel stärker gefangen, als wenn alles erklärt und abgerundet würde.
Inhaltlich gelingt es Kertész durch den naiven Ton Eines, der nicht so recht versteht, was da geschieht, aber dennoch versucht, sich dazu so seine Gedanken zu machen, vieles wunderbar auf den Punkt zu bringen. Die Methode ist hier ausgeführt:
"Im ersten Augenblick betrachtete ich die Figur nur mit Kunstverstand, ja - so, wie wir es in der Schule gelernt hatten - ohne jede Absicht, erst dann kam mir in den Sinn, daß sie ja bestimmt auch etwas zu bedeuten hatte ..." (S. 182)
Und dieses selbgeschnitzte Denken führt immer wieder zu treffenden Überlegungen, wie bei der Diskussion mit den Mädchen darüber, warum die anderen Menschen die Juden verachten:
"Sie wollte von uns wissen, wie wir es mit unserer Verschiedenheit hielten, ob wir stolz darauf seien oder uns eher schämten. Ihre Schwester und Annamaria wußten es nicht so recht. Auch ich habe bis jetzt noch keinen Anlaß für solche Gefühle gesehen. Und überhaupt, man kann doch diesen Unterschied nicht einfach selbst bestimmen: schließlich ist ja genau dafür der gelbe Stern da, soviel ich weiß." (S. 54)
Übrigens & am Rande: Auf Seite 148/149 wird, denke ich, auf Dostojewskis Roman "Erinnerungen aus einem Totenhaus" angespielt - auch das evtl. ein Buch für unsere Reihe.
"In der Nähe unseres Lagers liegt - wie ich erfahre - eine bildungsmäßig gesehen namhafte Stadt, Weimar, deren Ruhm zuhause auch schon Lehrstoff gewesen war, versteht sich: hier hatte unter anderen jener Mann gelebt und gewirkt, dessen Gedicht 'Wer reitet so spät durch Nacht und Wind auch ich ohne Buch auswendig kann und von dem sich hier irgendwo - wie es heißt - ein eigenhändig gepflanzter und seither tiefverwurzelter und weitverzweigter Baum, mit einer Gedenktafel versehen und vor uns Häftlingen durch einen Zaun geschützt, auf dem Lagergelände befindet - so heißt es." (S. 188)
Diese, wie viele andere, traumhaft schöne und ungemein treffend gedrechselte Satzkonstruktionen werden in ihrem Effekt noch verstärkt durch die indirekte Rede, durch regelmäßig eingestreute Zitatfetzen und immer auch mal wieder durch abstrus übergenaue Angaben unwichtigster Details: "Das Ganze, der ganz Vorfall, hat ungefähr so drei bis vier Minuten beansprucht, wenn ich genau sein wollte." (S. 141) "Die Untersuchung selbst kann im übrigen nicht mehr als etwa zwei, drei Sekunden (annähernd) gedauert habe." (S. 126)
Am ehesten erinnert mich Kertész Stil an Robert Walsers erstes Prosabuch, Fritz Kochers Aufsätze, in dem eben bewusst auch der schülerhafte Stil Kobolz schlägt:
"Unsere Stadt hat viel Industrie, das kommt, weil sie viele Fabriken hat. Fabriken und ihre Umgebung sehen unschön aus. Da ist die Luft schwarz und dick, und ich begreife nicht, warum man sich mit so unsauberen Dingen abgeben kann. Ich bekümmere mich nicht, was in den Fabriken gemacht wird. Ich weiß nur, daß alle armen Leute in der Fabrik arbeiten, vielleicht zur Strafe, daß sie so arm sind. Wir haben hübsche Straßen, und überall blicken grüne Bäume zwischen den Häusern hervor. Wenn es regnet, sind die Straßen recht schmutzig. Bei uns wird wenig für die Straßen getan. Vater sagt das." ("Unsere Stadt", in: Fritz Kochers Aufsätze, S. 36)
Was den Aufbau von Kertész' Roman betrifft, finde ich es sehr gelungen, dass - vor allem zu Beginn - mehrmals zwischen den Kapiteln ein Zeitsprung stattfindet - ohne dass groß vermittelt wird, was mittlerweile geschah. Man ist so im Geschehen, in der unmittelbaren Sicht des Erzählers viel stärker gefangen, als wenn alles erklärt und abgerundet würde.
Inhaltlich gelingt es Kertész durch den naiven Ton Eines, der nicht so recht versteht, was da geschieht, aber dennoch versucht, sich dazu so seine Gedanken zu machen, vieles wunderbar auf den Punkt zu bringen. Die Methode ist hier ausgeführt:
"Im ersten Augenblick betrachtete ich die Figur nur mit Kunstverstand, ja - so, wie wir es in der Schule gelernt hatten - ohne jede Absicht, erst dann kam mir in den Sinn, daß sie ja bestimmt auch etwas zu bedeuten hatte ..." (S. 182)
Und dieses selbgeschnitzte Denken führt immer wieder zu treffenden Überlegungen, wie bei der Diskussion mit den Mädchen darüber, warum die anderen Menschen die Juden verachten:
"Sie wollte von uns wissen, wie wir es mit unserer Verschiedenheit hielten, ob wir stolz darauf seien oder uns eher schämten. Ihre Schwester und Annamaria wußten es nicht so recht. Auch ich habe bis jetzt noch keinen Anlaß für solche Gefühle gesehen. Und überhaupt, man kann doch diesen Unterschied nicht einfach selbst bestimmen: schließlich ist ja genau dafür der gelbe Stern da, soviel ich weiß." (S. 54)
Übrigens & am Rande: Auf Seite 148/149 wird, denke ich, auf Dostojewskis Roman "Erinnerungen aus einem Totenhaus" angespielt - auch das evtl. ein Buch für unsere Reihe.
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