Freitag, 12. März 2010
Primo Levi: Ist das ein Mensch?
Nach anfänglichen Schwierigkeiten - das schien im Zirkel ähnlich der Fall gewesen zu sein - habe ich das Buch gern gelesen.

Die anfänglichen Schwierigkeiten: Teils werden sie auf die Übersetzung zurückgehen. Die etwas altmodische und stilistisch oft zu hoch greifende Übersetzung stört. Das Wort "Kot" für "Dreck" zu benutzen, war auch 1961 schon anachronistisch. Nur an der Übersetzung liegt es aber nicht. Der Anfang kam mir oft schwülstig und sehr allgemein vor:
- "... wieder andere berauschten sich an letzter, abscheulicher Leidenschaft." (S. 14)
- "Und ich blickte um mich und sann, wen alles von diesem armseligen menschlichen Staub das Schicksal anrühren werde." (S. 17)

Aber das legte sich schnell. Mit der Ankunft im Lager wird der Ton vergleichsweise sachlich. Die Beschreibung der ersten Zeit im Lager fand ich noch etwas dröge - mehr so wie einen von vielen Berichten aus dieser Zeit, und eben keine Literatur. Vermutlich liegt das daran, dass man inzwischen mit gerlei Material eher überversorgt ist, was zu Levis Zeit nicht der Fall war.

Aber auch das legt sich schnell. An etwa Seite 60 ist die autobiografische Erzählung (Roman würde ich das nicht nennen) detailliert, präzise und gerade in Schilderung der zwischenkreatürlichen Beziehungen ausgezeichnet. Auch die Mischung aus Essay (z.B. die erste Hälfte des Kapitels ab S. 104) und Erzählung funktioniert gut und gibt dem Ganzen einen überzeugenden Rahmen.

Zum Schluss noch etwas Spekulation zu einem merkwürdigen Detail:

"Mit Muselmann bezeichneten die Lagerveteranen aus mir unerfindlichen Gründen die schwachen, untauglichen und selektionsreifen Häftlinge."

Ich würde vermuten, dass die Quelle des Ausdrucks der (zu meiner Schulzeit noch oft gesungene) alte Kanon ist:
"C-A-F-F-E-E, trink nicht so viel Kaffee!
Nicht für Kinder ist der Türkentrank,
Schwächt die Nerven, macht dich blaß und krank,
Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann."

Interessant auch die Biografie des Übersetzers, Heinz Riedt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Riedt

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Freitag, 5. März 2010
Levi-Kertesz-Müller Eine Rückwärts-Lektüre
Levis Buch wirkt im Vergleich zu Kertecz und Müller mehr wie ein Bericht, die erzählende Hauptfigur scheint mehr Distanz zu haben.
Schlimme Erlebnisse und vernichtende Gefühle (z.B. im Labor, wo die Gefangenen merken, wie sie auf die weiblichen Assistentinnen wirken) treffen den Leser aber gerade deshalb oft besonders heftig; möglicherweise ist dies das traurigste, tragischste Buch der Reihe. Auch die Titelfrage deutet darauf hin Die Opfer einer unmenschlichen Behandlung verlieren ihre Menschlichkeit. Das ist zutiefst schockierend, sollte doch zuerst die Menschlichkeit der TÄTER angezweifelt werden. Doch offensichtlich ist die Menschenwürde, die laut Grundgesetz nicht angetastet werden darf, durchaus "antastbar".
Eigentlich haben wir unsere Reihe in der "falschen" Reihenfolge angelegt: Levis Buch ist zuerst erschienen, Müllers zuletzt. Müller wie Kertesz kannten Levi und haben ihre Bücher bewusst davon abgesetzt. Das sowjetische Arbeitslager kommt auch historisch zuletzt, mit Levis Buch im Hintergrund versteht man viele Details aus dem "Roman eines Schicksallosen" besser. Leichter wäre also die Reihenfolge: Levi-Kertesz-Müller. Doch ein gut geführter Zirkel darf es sich schwer machen...Und die umgekehrte Reihenfolge hat den ausgesprochenen Reiz, dass die Fakten, die zuletzt (von Levi) kommen, die Romane von Müller und Kertesz auf ein solideres Fundament stellen.
Das gilt vor allem für dieThemen, die in allen drei Büchern vorkommen: An erster Stelle der Hunger, dann die Bedeutung des Gehenkönnens und der Schuhe, nicht zuletzt aber die Krankheiten. In gewisser Weise beglaubigen die drei Bücher sich gegenseitig.
In allen drei Geschichten ist am Anfang eine Gemeinschaft da, die sich spätestens beim Transport herausbildet: Nach dem Transport ins Lager verlieren sich diese Menschen, es folgt eine Phase der Vereinsamung. Schließlich finden die Erzähler neue, hilfreiche Menschen. Sie kommen aus verschiedenen Ländern. Bei Levi sind es zum Beispiel die zwei Franzosen. Dadurch werden Sprache und Verständigung zum Thema.
Zur Düsternis von Levis Buch trägt auch bei, dass hier die Lebenden und die Toten so nah beieinander sind, oft tagelang im selben Raum liegen (Bei Kertesz ist das einmal so, als er mit einem gestorbenen Jungen im Bett liegt und dessen Ration verzehrt.)
In allen drei Lager-Büchern geht es meiner Ansicht auch um die Fundamente von Kultur und Zusammenleben. Das wirft die alte Frage auf: Warum wehren sich die Menschen nicht, wenn diese Fundamente in Frage gestellt werden? Welche Rolle spielen dabei die diffizilen und irrationalen Regelwerke, die in den Lagern gelten - und deren Übertretung tödlich wäre? Inwiefern nehmen also gerade sie den Menschen, die ihnen unterworfen werden, das Mensch-Sein?
Alle drei Bücher zeigen, wie Menschen sich unter diesen Bedingungen entwickeln, wie sie sich zueinander verhalten, und wie das vom jeweiligen "Charakter" geprägt wird.
Ich finde - nun in unserer Reihenfolge betrachtet:
Herta Müller wirft am heftigsten die Frage auf, ob ein Mensch sich nach dem Lager wieder in die "normale" Gesellschaft draußen einfädeln kann.
Imre Kertesz wirft am heftigsten die Frage auf, ob und wie ein Mensch nach dem Lager über das Lager Auskunft geben kann.
Primo Levi wirft am heftigsten die Frage auf, ob dieser Mensch dann noch ein Mensch ist.
Immerhin: Die Frage von Kertesz haben alle drei mit "Ja" beantwortet.

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Dienstag, 16. Februar 2010
Roman eines Schicksallosen - Die zweite Sitzung
In der zweiten Sitzung war das Echo wesentlich freundlicher als in der Sitzung zuvor. Kértesz genuine Darstellung wurde diesmal nicht mehr als so künstlich, bzw. störend empfunden. Als hilfreich erwies sich vor allem der Bezug zum Buch "Dossier K." aus dem Dorothea viel Interessantes zu referieren wußte.
Besonders die Frage nach dem Romantitel wurde hier beantwortet. Hierzu schreibt Kértesz im Dossier K.

„Ich habe den Roman eines Schicksallosen nie einen Holocaust-Roman genannt wie andere, weil das, was man Holocaust nennt, in einem Roman nicht faßbar ist. Ich habe über einen Zustand geschrieben, und obzwar der Roman das unsagbare Erlebnis der Todeslager als eine allgemein menschliche Erfahrung zu gestalten sucht, habe ich mich in erster Linie doch mit den ethischen Folgen des Erlebens und Überlebens befaßt. Deshalb wählte ich für den Titel den Begriff Schicksallosigkeit. Das Erlebnis der Todeslager wird nämlich dort zu einer allgemein menschlichen Erfahrung, wo ich auf die Universalität de Erlebnisses stoße. Und das ist die Schicksallosigkeit, dieser charakteristische Zug der Diktaturen, den Menschen seines eigenen Schicksals zu enteignen, es in ein Massenschicksal zu verwandeln, ihn zu verstaatlichen, zu entpersönlichen“ (Seite 78)

Schicksallos bedeutet also Massenschicksal und nicht wie man eher denken könnte ohne besonderes Schicksal. Ebenso wenig kann die kurz angedachte Möglichkeit, dass Kertész mit Schicksal an eine spezielle jüdische Konnotation dachte, d.h. Annehmen des eigenen Leids, als Erklärung für den Romantitel dienen.

Verwunderlich erschien uns nur, dass im Roman eine andere Lesart erscheint. In seiner Rede gegen Steiner und Fleischmann (Seite 283-284 der Taschenbuchausgabe) verwahrt sich György dagegen seine Deportation als Schicksal im Sinne von einziges großes Unglück zu sehen. Sowohl in dieser Rede als auch in seinem Gespräch zuvor mit dem Journalisten fokussiert er sich gegen allzu große Anteilnahme und behauptet seine individuelle Freiheit. So auf Seite 284:

„Aber auch so habe ich ihnen erklärt, daß man nie ein neues Leben beginnen, sondern immer nur das alte fortsetzen kann. Ich und kein anderer hat meine Schritte gemacht, und ich behaupte, mit Anstand.“

In seinen Reden setzt György zwar die die Sicht voraus, dass ein Mensch im Lager zu einem Schicksalslosen wird, indem seine Gegenüber zu einem Sprachrohr hierfür werden. Gleichzeitig möchte er aber diese Haltung überwinden, indem er das Recht der persönlichen Existenz auch Angesichts der Massendeportation behauptet. Der Widerspruch wirkt umso stärker, da ein Romantitel ja gerne wie ein letztes Wort wirkt, jetzt aber in Frage gestellt wirkt. Aber muss man Görygys Rede als Rede des Autors lesen? Oder ist es die Augenblickssicht eines 16-jährigen, der in ersten Möglichkeitserkundungen versucht eine Antwort auf das Geschehen zu finden? Mir erscheint hier das gesamte Schlusskapitel wesentlich differenzierter als nach meiner ersten Lektüre und es lohnt sich wohl dieses noch genauer zu beleuchten. Als Beispiel hierfür eine Stelle auf Seite 265:

„Sie [die Leute] wollten wissen, ob wir aus dem Konzentrationslager kämen, und fragten viele von uns, so auch mich, ob wir dort nicht vielleicht einem ihrer Angehörigen begegnet seien, einem mit diesem oder jenem Namen. Ich sagte ihnen, im Konzentrationslager hätten die Menschen im allgemeinen keinen Namen. Daraufhin bemühten sie sich, das Äußere, das Gesicht, die Haarfarbe, die besonderen Merkmale des Betreffenden zu beschreiben, und ich versuchte ihnen begreiflich zu machen, daß das keinen Zweck habe, weil sich die Menschen im Konzentrationslager zumeist sehr verändern.“

Dabei erscheint diese Stelle nicht nur als Beleg für die Schicksallosigkeit, hier exemplifiziert durch das Verschwinden des individuellen Gesichts, sie ist auch kennzeichnend für den veränderten Stil des Ich-Erzählers im letzten Kapitel. Dessen Sicht wirkt jetzt viel klarer, weniger kommentierend und vor allem erwachsener als zuvor. (Was jedoch keine Abwertung der vorhergehenden ist.) Auch die Begegnung mit dem Mann, welcher nach der Existenz der Gaskammern fragt, erwähnten wir. Kertész gelingt es meiner Ansicht nach an dieser Stelle durch einen bloßen Dialog auf ausgezeichnete Art einen Menschen und dadurch eine ganze Haltung zu charakterisieren.

Bemerkenswert erneut die Parallele zu der Atemschaukel. Auch hier kommt die Hauptfigur am Ende nach Hause und findet sich nicht zurecht. Doch während bei Herta Müller ein langer Zeitraum geschildert wird, geschieht dies bei Kertész an einem Tag. Die Hungerbeschreibungen, die wir bereits in der letzten Sitzung mit der Atemschaukel verglichen hatten, erschienen uns nun deutlich drastischer. Auch wenn György diese vielleicht etwas distanzierter erzählt, so ist doch die Wirkung sehr stark.

Ferner diskutierten wir folgende Stelle aus dem Dossier K.

„Ich weiß nicht, wann mir zum ersten Mal der Gedanke kam, daß irgendein schrecklicher Irrtum, eine teuflische Ironie in der Weltordnung am Werk sein muß, während du sie als geordnetes normales Leben erlebst, und dieser schreckliche Irrtum ist die Kultur selbst, das Ideengebäude, die Sprache und die Begriffe, die vor dir verbergen, daß du schon längst ein wie geschmiert funktionierender Bestandteil der zu deiner eigenen Vernichtung geschaffenen Maschinerie bist. Das Geheimnis des Überlebens ist die Kollaboration, doch dies einzugestehen, fällt als derartige Schande auf dich zurück, daß du es, statt sie auf dich zu nehmen, lieber läßt."

Merkwürdigerweise findet sich auch für diese Bemerkung keinen direkten Hinweis in dem Roman. Ein Ansatzpunkt wäre sich zu fragen, ob die besondere Sprachwahl eine Rolle spielt. Schafft Kertész hier eine neue Figur, um sich auch dadurch von dem eigenen Selbst abzugrenzen? Bedenkt man, dass er im Dossier K. davon sprach, dass er ausdrücklich keine Autobiographie sondern einen Roman geschrieben hat, so scheint dieser Hinweis richtig zu sein. Auch ist es wichtig, dass es ihm bei der Niederschrift darum ging, nicht einfach Erlebtes wiederzugeben, sondern jedes Element soll konstruktiv für den Roman sein, anstatt nur Anekdote zu sein. Es wird keine Erinnerung berichtet, sondern eine neue Welt erschaffen, die auch hätte anders verlaufen können.

Somit ist auch die an dem Abend aufgeworfene Frage beantwortet, ob man eigentlich überhaupt einen Roman mit dem Hintergrund des Lagers schreiben kann. Zumindest Kertész hat diese Frage positiv beantwortet. Und in dieselbe Richtung geht Hilbig in seinem Roman „Ich“, in dem er zwar nicht das Lager, aber die Stasiverstrickung als Folie benutzt um ein Werk zu schaffen, welches mehr in der Fiktion als in der Realität beheimatet ist.

Zum Abschluss soll nicht verschwiegen werden, dass wir für die fernere Zukunft eine Lesereise Schnee ins Auge gefasst haben, wenngleich die Umstände wohl dann nicht mehr so günstig sein werden wie momentan.

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Sonntag, 7. Februar 2010
Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen / 1. Hälfte
Der Roman von Kertész, den ich nun bis einschließlich des 5. Kapitels gelesen habe, gefällt mir bislang sehr sehr gut: Ausgesprochen gelungen, ja beschwingend, bezaubernd schön finde ich Stil und Sprache. Wie in Mareks Protokoll ja schon erwähnt, handelt es sich dabei nicht um den Versuch, Jugendsprache der Zeit realistisch wiederzugeben; Kertész gelingt es einen Stil zu finden, in dem das naive, buben- und pennälerhafte einer solchen Jugendperspektive aufs Schönste kunstvoll in oft lustige Satzperioden geformt wird. Sehr gelungen ist der Einsatz von Floskeln, die dem Ton einerseits seine Leichtigkeit geben, andererseits gerade den Schrecken, der als solcher bewusst ja fast gar nicht wahrgenommen wird, elegant und vertrackt doch wieder einfließen lässt:

"In der Nähe unseres Lagers liegt - wie ich erfahre - eine bildungsmäßig gesehen namhafte Stadt, Weimar, deren Ruhm zuhause auch schon Lehrstoff gewesen war, versteht sich: hier hatte unter anderen jener Mann gelebt und gewirkt, dessen Gedicht 'Wer reitet so spät durch Nacht und Wind auch ich ohne Buch auswendig kann und von dem sich hier irgendwo - wie es heißt - ein eigenhändig gepflanzter und seither tiefverwurzelter und weitverzweigter Baum, mit einer Gedenktafel versehen und vor uns Häftlingen durch einen Zaun geschützt, auf dem Lagergelände befindet - so heißt es." (S. 188)

Diese, wie viele andere, traumhaft schöne und ungemein treffend gedrechselte Satzkonstruktionen werden in ihrem Effekt noch verstärkt durch die indirekte Rede, durch regelmäßig eingestreute Zitatfetzen und immer auch mal wieder durch abstrus übergenaue Angaben unwichtigster Details: "Das Ganze, der ganz Vorfall, hat ungefähr so drei bis vier Minuten beansprucht, wenn ich genau sein wollte." (S. 141) "Die Untersuchung selbst kann im übrigen nicht mehr als etwa zwei, drei Sekunden (annähernd) gedauert habe." (S. 126)

Am ehesten erinnert mich Kertész Stil an Robert Walsers erstes Prosabuch, Fritz Kochers Aufsätze, in dem eben bewusst auch der schülerhafte Stil Kobolz schlägt:

"Unsere Stadt hat viel Industrie, das kommt, weil sie viele Fabriken hat. Fabriken und ihre Umgebung sehen unschön aus. Da ist die Luft schwarz und dick, und ich begreife nicht, warum man sich mit so unsauberen Dingen abgeben kann. Ich bekümmere mich nicht, was in den Fabriken gemacht wird. Ich weiß nur, daß alle armen Leute in der Fabrik arbeiten, vielleicht zur Strafe, daß sie so arm sind. Wir haben hübsche Straßen, und überall blicken grüne Bäume zwischen den Häusern hervor. Wenn es regnet, sind die Straßen recht schmutzig. Bei uns wird wenig für die Straßen getan. Vater sagt das." ("Unsere Stadt", in: Fritz Kochers Aufsätze, S. 36)

Was den Aufbau von Kertész' Roman betrifft, finde ich es sehr gelungen, dass - vor allem zu Beginn - mehrmals zwischen den Kapiteln ein Zeitsprung stattfindet - ohne dass groß vermittelt wird, was mittlerweile geschah. Man ist so im Geschehen, in der unmittelbaren Sicht des Erzählers viel stärker gefangen, als wenn alles erklärt und abgerundet würde.

Inhaltlich gelingt es Kertész durch den naiven Ton Eines, der nicht so recht versteht, was da geschieht, aber dennoch versucht, sich dazu so seine Gedanken zu machen, vieles wunderbar auf den Punkt zu bringen. Die Methode ist hier ausgeführt:

"Im ersten Augenblick betrachtete ich die Figur nur mit Kunstverstand, ja - so, wie wir es in der Schule gelernt hatten - ohne jede Absicht, erst dann kam mir in den Sinn, daß sie ja bestimmt auch etwas zu bedeuten hatte ..." (S. 182)

Und dieses selbgeschnitzte Denken führt immer wieder zu treffenden Überlegungen, wie bei der Diskussion mit den Mädchen darüber, warum die anderen Menschen die Juden verachten:

"Sie wollte von uns wissen, wie wir es mit unserer Verschiedenheit hielten, ob wir stolz darauf seien oder uns eher schämten. Ihre Schwester und Annamaria wußten es nicht so recht. Auch ich habe bis jetzt noch keinen Anlaß für solche Gefühle gesehen. Und überhaupt, man kann doch diesen Unterschied nicht einfach selbst bestimmen: schließlich ist ja genau dafür der gelbe Stern da, soviel ich weiß." (S. 54)

Übrigens & am Rande: Auf Seite 148/149 wird, denke ich, auf Dostojewskis Roman "Erinnerungen aus einem Totenhaus" angespielt - auch das evtl. ein Buch für unsere Reihe.

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Freitag, 5. Februar 2010
Roman eines Schicksallosen - Die erste Sitzung
Gestern trafen wir uns zum ersten Mal, um über obenstehenden Roman zu reden.

Die anfänglichen Kommentare rangierten dabei von "teilweise unerträgliche Sprache" (Almut) bis zu "hervorragende Umsetzung" (Adelheid). Zunächst widmeten wir uns dann auch der Sprache. Ist diese eine Jugendsprache und als solche überzeugend? Daran schloss sich die Frage, was überhaupt unter Jugendsprache zu verstehen ist. Muss diese notwendigerweise Slangaudrücke mit sich führen oder ist darunter vielmehr die Beibehaltung der Perspektive eines 15-jährigen zu verstehen? Im vorliegenenden Fall ist klar letzteres der Fall. Zudem wurde später geklärt, dass hier keinesfalls ein mündlicher Jargon dargestellt werden soll sondern vielmehr das manchmal ungelenke Schriftdeutsch eines Lateinschülers, was auch die bisweilen seltsamen Partizipialkonstruktionen erklärt. Ist nun die auf diese Art dargestellte Sichtweise der eines 15-jährigen gemäß? Auffallend bei der Beantwortung dieser Frage war der sehr affirmative Tonfall (kennzeichnend hierfür das gehäufte Auftreten von Wendungen wie "das war ja ganz natürlich") , der im Kontrast zu den erlebten Schrecken steht. Ist dies glaubhaft oder das bis kurz vor Schluss Fehlen jeglicher Reflektion, jeglicher Verzweiflung vielleicht doch etwas zu kalkuliert gewählt? Dazu wurde zunächst festgestellt, dass man bei einem Jugendlichen doch mehr Rebellion erwartet, statt wie hier ein immer noch stark gegebenes Vertrauen in die Ordnung der Erwachsenenwelt, die letztlich alles in Ordnung bringen wird. Doch hier setzten erneut die Fragen ein: Verlief die Pubertät eines 15-jährigen 1943 in Ungarn zur Zeit der Besetzung wirklich genau so wie wir es heute im friedlichen Deutschland gewohnt sind? Ferner wurde bemerkt, dass seine Situation doch eine andere ist als z.B. die von Holden Caulfield in Catcher in the Rye. Während Holden sein Heimatland nicht verläßt und im wesentlichen an seiner Umgebung Anstoß nimmt, kommt György in ein fremdes Land, was ihm nicht unwillkommen ist. Auch wenn der Vergleich etwas bizarr anmutet, kann man an ein Austauschjahr heutiger Jugendlicher denken, bei dem man ebenfalls wesentlich positiver gestimmt und mehr daran interessiert ist, was es alles in dem neuen Land gibt und nichts vorschnell abqualifizieren möchte. Selbst unter dieser Prämisse wirkt die Abwesenheit von Klage oder Mutlosigkeit doch merkwürdig an, wenn z.B. der György von Auschwitz nach Buchenwald deportiert wird und erzählt. "... und da habe ich sie [die winzige Essensration] auch gleich gegessen, einerseits weil ich hungrig war, andererseits weil ich sie im Zug gar nicht recht hätte verstauen können, nun ja, und dann hatten sie uns schließlich auch nicht mitgeteilt, daß die Reise auch diesmal drei Tage dauern würde."

Kurz unterhielten wir uns über die Entstehungszeit des Romans, die wohl sehr lange gedauert haben muss und dass Kértesz darunter litt, dass er nichts zur finanziellen Situation der Familie beitrug, während sein Frau putzen musste. Als Grund für die lange Entstehungszeit berichtete Kértesz in seinem Buch Das Dossier K, dass er lange für eine adäquate Darstellungsform gebraucht hatte und nicht wußte, welche Details er weglassen solle. Die Frage Roman oder Autobiographie (die sich uns allerdings nicht stellte) beantwortete er klar mit Roman, da er doch einige Details veränderte. Anfangs wurde kurz gemutmaßt, ob die Übersetzung die Qualität der Sprache verändert hat, was aber mit dem Hinweis auf Kertész Deutschkenntnisse verneint wurde. Übereinstimmend wurde die Unerträglichkeit des Klappentexts der rororo-Ausgabe gebrandmarkt, welcher unter anderem von der Entmystifizierung von Auschwitz spricht, obwohl György dort nur ein Bruchteil seiner Lagerzeit verbringt. Die Frage, ob seine spezielle Art der Darstellung des Lagerlebens von anderen Überlebenden als anstößig empfunden wurde, verneinten wir schon aus dem einfachen Grund, da er ja ein Schicksalsgenosse war.

Der Anfang wirkte zumindest auf mich wesentlich kraftvoller und detaillierter als die späteren Geschehnisse im Lager. Dies kann damit zusammenhängen, dass György aufgrund seines körperlichen Verfalls nicht mehr in der Lage ist so genau wie am Anfang zu beobachten. Dann sind es ja meistens bei Veränderungen die ersten Tage, welche besonders stark im Gedächtnis bleiben, wohingegen alle folgende als mehr ununterscheidbare Masse wahrgenommen wirkt. Näher gingen wir auch auf die Stiefmutter ein und einigten uns darauf sie als unsicherer und tendenziell opportunistisch zu beschreiben.

Als außerordentlich fruchtbar erschien uns die vorangegangene Lektüre von Herta Müllers Atemschaukel. In der direkten Aufeinanderfolge wurde sichtbar, wie unterschiedlich die Perspektive ist. So wirkte jetzt die Beschreibung von Leo Auberg wesentlich düsterer, dort spielten Hunger und die Unerträglichkeit der Arbeit eine wesentlich größere Rolle. Auch wirkt er älter als Leo und auf Grund der Homosexualität distanzierter von den anderen Menschen. Ebenso nimmt dort die Rückkehr einen wesentlich größeren Raum ein. Gerade der Rückkehr in Kerész Buch wollten wir uns beim nächsten Treffen ausführlicher widmen. Was sagt seine Tirade am Schluss gegen Steiner über Györgys Sicht seines Aufenthalts im Lager? Zu diesem Thema gehört auch noch Mal die Frage nach dem Titel des Buchs. Angedeutet wurde schon eine fremde "ungarische" Perspektive. Aber wie genau ist diese zu definieren? Ebenso gehört seine Zeit in der Krankenstation auf den Tagesplan. Wie genau ist es dem Roman selbst zu entnehmen, dass er seine wunderbare Rettung einer vorhandenen Widerstandbewegung verdankt?

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Dienstag, 5. Januar 2010
Atemschaukel - 1. Drittel
Ich habe nun ein Drittel des Buchs gelesen. Zwischenfazit: Es ist so mittel.

Bei anderer Lektüre hatte ich mal gesagt, dass ich mit Büchern vom Ende des 2. Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht viel anfangen kann. Es ist alles zu grau, grässlich, hoffnungslos und öde. Das ist keine literarische Bewertung. Mir ging es z.B. so bei "Asche und Diamant" und bei "Die Haut".

Müller schreibt zwar viel später, aber von einer Distanz - die sie sowieso hat und der Erzähler auch, der 60 Jahre nach den Ereignissen spricht (S. 33) - ist nichts zu merken. Und annehmen könnte man ja, dass 60 Jahre in das Erinnern und Erzählen Dinge aus der inzwischen verstrichenen Zeit einschmuggeln. Passiert aber nicht. Leider.

Dass diese Zeit ums Ende des 2. Weltkriegs auch ganz anders dargestellt werden kann, sehe ich gerade in Pynchons "Gravity's Rainbow". Dass mir das gefällt und Müller nicht so sehr hat sicher auch damit zu tun, dass ich Müllers Ton - der in sich stimmig ist - nicht mag: Osteuropäische Magerlyrik in zu vielen Wörtern.

Noch ein paar Details zur Zwischenbilanz:

- Gelungen ist oft der Ton, und immer mal wieder gibt es schöne Bilder, z.B. "Ich wollte weg aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen haben." (S.7) Nicht immer funktionieren solche Bilder: "Ich war mein eigener Dieb, die Wörter fielen unverhofft und erwischten mich." (S. 10) - Hier leuchtet mir das "mein eigener" nicht ein. Warum nicht: "Ich war ein Dieb..."? Bei der schönen Passage zum "Schneeverrat" (S. 18) nehme ich dem Erz. (und Müller) nicht ab, dass die Worte und Bilder von Trudi Pelikan stammen.

- Typografie: Die häufige Großschreibung stört mich. Und: Ist es wirklich notwendig, auf Fragezeichen zu verzichten?

- Gelegentlich wäre weniger mehr. Auf S. 26 steht der leuchtend schöne Satz: "Der Name MELDEKRAUT ist ein starkes Stück und besagt überhaupt nichts." Leider folgt darauf eine Ausführung über das Wort "melden" und den "Appell". Schade. - Und: "Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden." (S.25) Dafür werden aber ziemlich viele gemacht.

- Auch das dichte Kapitel "Zement" mit seinen Variationen und Steigerungen bei doch bleibender Monotonie wird leider am Ende verhunzt durch die Gedanken zum Papier und die hereinplatzenden Verslein.

- Warum das Kapitel "Von strengen Menschen" (S. 64ff.) im Präsens geschrieben ist, habe ich nicht verstanden.

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Donnerstag, 19. November 2009
Empfindsame Reise / Leseeindrücke
Dass mir das Buch sehr gefällt, hatte ich schon gesagt. Hier ein paar Gründe, warum:


Das Unvermittelte

Gleich zu Beginn wird man mitten ins Geschehen geschubst. Mit wem sich Yorick unterhält, wo, und worum es geht, erfahren wir nicht. Sterne schneidet mitten ins Gespräch - und schon wenige Zeilen danach hat Yorick gepackt, den Kanal überquert und ist in Calais. Beeindruckendes Tempo!

Dazu kommt, dass reale Zeit und erlebte Zeit extrem auseinanderklaffen. Auf der ersten halben Seite vergehen etwa zwei Tage. Darauf folgen 10 - 15 Seiten, in denen nur eine Stunde vergeht (der Mönch, die Dame, die Remise). Das Empfindsame wird dadurch spürbar - denn wichtig ist nur das Empfundene, alles andere verdampft.

Folgerichtig erscheint das Vorwort auch erst nach einigen Kapiteln - dann, als Yorick endlich durchschnaufen und die äußeren Eindrücke ausblenden kann.


Gleichzeitigkeit von Witz und Empfindsamkeit

Empfindsame Passagen (Mönch, der Mann mit dem Esel, Maria, der Vogel) und witzige (der Wirt, La Fleur, die Handschuhverkäuferin) wechseln sich ab - ohne dass sie einander aushebeln. Sie bleiben gleichermaßen gültig nebeneinander stehen. Yorick ist von der Klage über den toten Esel sehr gerührt, gleich darauf aber verärgert, dass der Kutscher kein seinen Gefühlen entsprechendes Tempo einschlägt.


Ähnlich verhält es sich mit Moral / Religion / Erotik - wobei hier das Pendel zugunsten letzterer ausschlägt - siehe das finale aus der Reihe der mit "Der Pass - Versailles" betiteleten Kapitel (meine Übersetzung):
"Jedoch - nichts auf dieser Welt ist ohne Beimischung, und einige unserer gestrengsten Geistlichen gehen gar so weit, zu behaupten, dass selbst der Genuss vom Seufzen begleitet wird - und dass der höchste der ihnen bekannten im Großen und Ganzen mit nichts weniger ende, als einem Krampf."

Das "nichts auf dieser Welt ist ohne Beimischung" könnte dem Buch als Motto dienen.


Material
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sentimental / empfindsam

In meiner Peguin-Ausgabe wird zum Begriff "sentimental" angemerkt, dass der Erfolg von Sternes Buch dazu führte, dass der Begriff "sentimental" (in der Bedeutung "empfindsam") ins Deutsche und Französische eingeführt wurde.
Allerdings ist es wohl noch etwas komplizierter. In der dt. Wikipedia steht:
"Der Musiker und Verleger Johann Joachim Christoph Bode übersetzte Sternes Roman als 'Yoriks empfindsame Reise' 1768 ins Deutsche, und der Roman wurde in Deutschland ebenso erfolgreich wie vorher in England. Das Wort 'empfindsam' war ein Neologismus, den Gotthold Ephraim Lessing Bode als Übersetzung für 'sentimental' vorgeschlagen hatte, und der in der Folge auf die ganze Epoche als Epoche der Empfindsamkeit übertragen wurde."

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Einige Ilustrationen

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Angelica_Kauffmann_002.jpg
http://tinyurl.com/yl8thez
http://tinyurl.com/yzletts
http://tinyurl.com/y9y3mbt

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Allerlei Links (englisch)

http://www1.gifu-u.ac.jp/~masaru/Sterne_on_the_Net.html

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